Langzeitarbeitslose einbinden Sozialkaufhäuser boomen: Das Geschäft mit Gebrauchtem

Von Katja Heins

Sozialkaufhäuser
              boomen – es geht jedoch nicht nur darum, Gebrauchtes zu verkaufen. Foto: Gert WestdörpSozialkaufhäuser boomen – es geht jedoch nicht nur darum, Gebrauchtes zu verkaufen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Es geht um Gebrauchtes, das weniger von materiellem als von symbolischem Wert ist: Möbel, Spielzeug, Kleidung und Haushaltswaren können von ihren Besitzern in sogenannten Sozialkaufhäusern abgegeben werden und gehen dort erneut über die Ladentische. Meist für geringe Preise, das ist das Prinzip.

Deutschlandweit gibt es unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 300 und 600 – je nachdem, wie man den Begriff Sozialkaufhaus auslegt. Allein in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sollen es karitativen Einrichtungen zufolge rund 220 sein, und es werden ständig mehr.

„Diese Kaufhäuser sind eine sozio-ökonomische Bewegung, die im Laufe der Jahre an Fahrt gewonnen hat“, sagt der Sozialgeograf Hans-Joachim Wenzel aus Osnabrück. Der emeritierte Hochschullehrer leitete bis 2008 das „Soziale-Stadt“-Projekt in Belm, zu dem auch ein Sozialkaufhaus gehörte. Eine fehlende Dachorganisation in Deutschland, aber auch unterschiedliche Konzepte von Kirchen und Kommunen machen es jedoch schwer, die Einrichtungen zu erfassen. Fest steht laut Wenzel: „Es handelt sich um eine Graswurzelbewegung‘, die in der Basis der Bevölkerung entstanden ist und sich über die Republik ausbreitet.“

Seit es mit dem Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze im Jahr 2005 keine Zuschüsse mehr gibt, wenn beispielsweise die Waschmaschine kaputt ist, schießen soziale Läden wie Pilze aus dem Boden. Aufbau und Existenz eines solchen Kaufhauses sind abhängig vom Engagement der Wohlfahrtsorganisationen, so lautet die wissenschaftliche Erklärung.

„Wir bei uns stellen eine riesige Nachfrage nach günstigen Preisen fest“, sagt Heiko Grube, Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Melle. Gemeinsam mit der Caritas betreibt die kirchliche Einrichtung dort ein soziales Kaufhaus . Grube beschreibt geradezu einen Boom im Segment von Gebrauchtem. „Im vergangenen Jahr hatten wir einen Zuwachs von mehr als zehn Prozent und somit rund 11 000 Kunden.“ Vor allem Kinderkleidung sei wieder gut gelaufen. Nachweisen, dass man wenig Geld hat und berechtigt ist, dort einzukaufen, muss aber niemand. Eine Stigmatisierung soll vermieden werden. „Wir sind offen für alle“, betont Grube.

Auch wenn die Kaufhäuser als sozial gelten – leiden kann die Bezeichnung in der Branche niemand. „Was ist überhaupt sozial?“, fragt Reinhold Fahlbusch. Er ist Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Fairkauf , die in Hannover eines der größten Sozialkaufhäuser in Deutschland betreibt, mit einem Jahresumsatz von 2,4 Millionen Euro. „Gute Ware zu geringen Preisen zu verkaufen ist als Ökonom dumm und nicht sozial“, meint Fahlbusch. Aber Menschen zu beschäftigen, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt werde, ihnen einen strukturierten Tagesablauf und die Möglichkeit zu geben, ihre Grundfertigkeiten und den Glauben an sich nicht zu verlieren, das sei sozial, sagt er. „Unser Kaufhaus ist eine Art Trainingsgerät. Der Nachhaltigkeitsaspekt und der Aspekt, dass wirtschaftlich schwach aufgestellte Menschen bei uns günstig einkaufen können, spielen nur mit rein.“

Das sieht auch Thomas Schulke so, Betriebsleiter der Osnabrücker Möwe . „Es geht darum, Langzeitarbeitslose fit zu machen .“ Insgesamt gibt es in seinen Einrichtungen 40 Festangestellte, dazu kommen noch einmal 40 Kollegen, die sozialversicherungspflichtig angestellt sind im Rahmen geförderter Projekte, beispielsweise von der Arbeitsagentur oder dem Landkreis. Weitere 100 Mitarbeiter haben Ein-Euro-Jobs.

Die Intention der Kaufhäuser erkennt Hartmut Tölle, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Niedersachsen, durchaus an. Dennoch sieht er die Einrichtungen auch kritisch: „Sozialkaufhäuser sind ein Baustein, um die Not zu lindern. Allerdings können sie Armut nicht verhindern, sondern nur Symptome bekämpfen.“

Die größte Not im Kaufhaus lindern, das machen nach den Erfahrungen von Wenzel vor allem ältere Menschen. Er ist sicher: „Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der Altersarmut wird das noch zunehmen.“