terre des hommes fordert Verantwortung „Wer Kinderarbeit toleriert, ist mitschuldig“

Von Marcus Tackenberg


Osnabrück. Elf Prozent aller Kinder weltweit gehen nicht spielen oder lernen, sondern arbeiten – viele unter gefährlichen Bedingungen. Danuta Sacher, Vorstandschefin des Kinderhilfswerks terre des hommes (tdh), fordert im Interview weitere Anstrengungen im Kampf gegen Kinderarbeit.

Die Zahl der Kinderarbeiter ist nach einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) seit 2000 um rund ein Drittel auf 168 Millionen zurückgegangen. Ein Grund zum Jubeln?

Ein Grund zur Hoffnung, denn offensichtlich ist es möglich, Kinderarbeit zu überwinden. Die ILO hat ja dazu aufgerufen, auf vier Ebenen tätig zu werden: Bildungsangebote, die Umsetzung der Konvention gegen Kinderarbeit auf die Landesgesetze, Maßnahmen der sozialen Sicherung und Arbeitsmarktpolitik – also würdige Löhne, sodass die Familien ihre Kinder nicht aus Überlebensgründen zum Arbeiten schicken müssen. Der stärkste Rückgang der Kinderarbeit ist in Asien zu beobachten, hier wurde Grundbildung ausgeweitet und extreme Armut überwunden. In Afrika, vor allem in der Subsahara, hingegen haben sich die Armutszahlen in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Dort muss weiterhin etwa jedes fünfte Kind arbeiten gehen.

Was sind die Folgen ausbeuterischer Kinderarbeit?

Wenn Kinder über ihre begrenzte Kraft hinaus physische Arbeit verrichten müssen, werden sie gesundheitlich geschädigt, sei es, dass ihr Knochenbau behindert oder deformiert wird, oder sie oft lungengeschädigt sind, wenn sie in staubintensiven Industrien oder im Bergbau tätig sind. Diese Kinder können niemals eine Schule besuchen, und sie werden daran gehindert, sich physisch voll zu entfalten, ihre Gesundheit zu erhalten und sich auszubilden für ein Leben mit qualifizierter Arbeit.

Sie unterscheiden zwischen akzeptabler Mithilfe in der Familie und ausbeuterischer Arbeit. Sind die Grenzen nicht fließend?

Als Kinderhilfswerk haben wir Verständnis dafür, dass in Familien von Kleinbauern die Kinder von früh auf mithelfen. Das haben unsere Großeltern auch getan bei ihren Eltern auf dem Feld. Es gehört zur Menschheitsgeschichte, dass Kinder mithelfen und dabei Kenntnisse und Erfahrungen von Eltern und Großeltern erwerben. Andererseits gibt es gesammeltes Wissen darüber, wie schädlich es ist, wenn ein Kind Fünf-Kilogramm-Steine durch die Gegend schleppt oder feinen Mineralstaub in Minen und Webereien einatmet. Es gibt gute Möglichkeiten, Grenzen zu ziehen, sowohl auf der Ebene der Gesetzgebung als auch bei unserer Projektarbeit. Denn wo die Rechte eines Kindes verletzt werden, etwa das Recht auf Bildung, da muss sich etwas ändern.

Was muss geschehen, um die Akzeptanz für fair gehandelte Produkte in der Gesellschaft zu erhöhen?

Information ist das A und O. Im Textilbereich gibt es inzwischen Fair-Trade-Siegel, und die Modeunternehmen selbst haben auch eigene Zertifizierungssysteme auf den Weg gebracht, über die sie berichten. Das sind gute Schritte, aber wir wünschen uns, dass es in der Branche verbindliche Regeln gibt, wonach ausgeschlossen werden kann, dass Kinderarbeit im Bereich Nähen und Sticken, aber auch in den Vorstufen wie Webereien und Spinnereien anfällt. So etwas muss branchenmäßig geregelt werden und braucht auch eine unabhängige Prüfung. Wir haben bei aller Bitterkeit nach den schweren Unfällen in Bangladesch begrüßt, dass es bei Brandschutzabkommen endlich zu einem Abkommen kam zwischen großen Textilunternehmen, Gewerkschaften und den NGOs.

Können Sie ein positives Unternehmer-Beispiel nennen?

C&A ist zum Beispiel aktiv geworden gegenüber seinen Produzenten und Zulieferern in Indien. Es ist gelungen, innerhalb von wenigen Jahren, die Kinderarbeit im Textilzentrum in Tirupur in Indien von vormals rund 40000 Kindern, die man in den Fabriken gefunden hat, auf weniger als 5000 zu senken. Das zeigt: Es geht, wenn man will. C&A hat hier andere Unternehmer, die in dieser Region produzieren, mit ins Boot geholt. Das sind Belege dafür, dass niemand ohnmächtiger Spielball von wirtschaftlichen Mächten sein muss.

Machen sich Ihrer Meinung nach westliche Unternehmen mitschuldig, die Kinderarbeit bei Handelspartnern tolerieren?

Ja, absolut. Es ist völlig normal, dass ein Unternehmen Zulieferprodukte auf Qualität prüft. Wir fordern: Gleichrangig zur Produktqualität muss auch die Verantwortung dafür übernommen werden, dass es unter anständigen Arbeitsbedingungen erfolgt ist und dass keine Kinder um ihre Lebenschancen gebracht wurden. Man muss sich zudem klarmachen, dass in der Textilbranche Lohnkosten durchschnittlich nur zwei bis drei Prozent vom Endpreis ausmachen. Das macht deutlich, welch verschwindend geringer Anteil durch Lohn ausgelöst wird. Ein oder zwei Prozent mehr Lohnkosten würden sich für den Verbraucher im Preis am Ende kaum bemerkbar machen. Der Verbraucher kann durch Nachfrage nach fair gehandelten Produkten sehr viel dazu beitragen, dass die Schamgrenzen und die Verantwortungsbereitschaft bei den Unternehmen gesteigert werden.

Nicht nur Unternehmen, sondern auch Kommunen sind in der Pflicht, wenn es um Pflastersteine oder Fußbälle geht. Die Kommunen sind aber finanziell klamm. Wie sollen sie mit der Problematik umgehen?

Kommunen sollen auf jeden Fall Verantwortung übernehmen. Jede Gemeinde für sich ist ein überschaubarer Konsument, aber wenn wir die Kommunen – und überhaupt die öffentliche Hand – in ihrer Gesamtheit sehen, sind sie eine unglaubliche Konsumentenmacht. Wenn hier Regeln gemeinsam vereinbart, Nachfragen gebündelt und Informationen vernetzt würden, könnten ganze Branchen zum Einlenken bewegt und Märkte gestaltet werden. Außerdem: In denselben Fabriken, in denen Billigmarken hergestellt werden, werden auch Edelmarken zu gleichen Löhnen produziert. Es stimmt also nicht immer, dass sich Kinderarbeit und gnadenlose Ausbeutung in besseren Preisen für den Verbraucher niederschlagen – oder umgekehrt, dass es dann nicht mehr bezahlbar wird. Es ist eher eine Frage, Transparenz einzufordern.

Was meinen Sie konkret?

Genauso, wie es Menschen gibt, die ein T-Shirt nicht mehr anziehen würden, wenn sie wüssten, dass es mit Kinderarbeit gefertigt wurde, könnte ich mir vorstellen, dass Menschen gegen eine Fußgängerzone protestieren, für die Sklavenarbeiter im Schweiße ihres Angesichtes Steine geklopft haben. Ich möchte in einer Kommune leben, die auch in dieser Hinsicht auf Fairness achtet. Und das ist nicht viel teurer. Eine Kommune kann es zum Markenzeichen machen, dass es fairen Saft in der Kantine gibt und faire Steine die Fußgängerzone schmücken.

Die internationale Gemeinschaft hat vereinbart, bis 2016 die schlimmsten Formen von Kinderarbeit abzuschaffen. Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung zum Thema?

Ich zweifle daran, dass es gelingen wird, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit bis 2016 abzuschaffen. Aber wenn es gelingt, die betroffenen Staaten dazu zu bewegen, die Umsetzung der Gesetze zu verstärken, kann man weitere Fortschritte erzielen. Die neue Bundesregierung kann einiges dazu beitragen. Der Bund kann etwa durch das öffentliche Beschaffungswesen Zeichen setzen und auch die Länder dazu ermuntern. Ferner erwarten wir, dass bei der Außenwirtschaftsförderung – Stichwort Hermes-Kredite – der Ausschluss von Kinderarbeit ein Standardkriterium für die Vergabe sein sollte. Und wir erwarten natürlich auch, dass die Bundesregierung bei ihren bilateralen Außenbeziehungen aktiv wird: Wo es um Handelsabkommen und Investitionsabkommen geht, gehört das Thema Kinderarbeit mit an den Verhandlungstisch.

Mit einem Abend der Begegnung bedankt sich tdh am Mittwoch im Schloss Osnabrück bei regionalen Partnern, Spendern und Gästen aus Politik, Wirtschaft und Entertainment, darunter Peter Maffay und Barbara Schöneberger, für deren Unterstützung.