Die LFD-Holding will Branche umkrempeln 4000 Ferkel am Tag - Besuch beim größten Sauenhalter Deutschlands

Von Dirk Fisser | 13.05.2019, 13:10 Uhr

4000 Ferkel kommen in den Anlagen der LFD-Holding jeden Tag zur Welt. Niemand produziert mehr Schweine in Deutschland. Chef ist Jörn Göbert. Und der will nicht nur seinen Betrieb, sondern die ganze Branche umkrempeln. Ein Besuch in Sachsen-Anhalt.

Die Landwirtschaft verändert sich. Das war eigentlich immer schon so. Aber zuletzt mit einer Geschwindigkeit und in eine Richtung, dass sie in weniger als einer Generation nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. Besonders gilt das für die Sauenhaltung – der Bereich, in dem die kleinen Schweine zur Welt kommen. Auf keinem anderen Zweig der Landwirtschaft lastet so ein großer Veränderungsdruck. Nirgends sonst ist die Zukunft so unklar.

Wer wissen will, wo die Reise hingeht, der sollte mit Jörn Göbert reden.

Er ist kein Landwirt und trotzdem der größte Ferkelproduzent Deutschlands. Göbert ist Chef der LFD-Holding, beauftragt von Banken, den Schweine-Konzern so aufzustellen, dass er verkauft werden kann. Dazu später mehr, zunächst zu den Fakten: An elf Unternehmensstandorten über Deutschland verteilt kommen jedes Jahr etwa 1,3 Millionen Schweine zur Welt. Das macht großzügig aufgerundet 4000 LFD-Ferkel pro Tag.

Vom Anfang und Ende

Das weitverzweigte Ferkel-Imperium managet Göbert von seinem Büro in Genthin, Sachsen-Anhalt, aus. Die Ausstattung ist unspektakulär. Das Mobiliar ist etwas in die Jahre gekommen, zahlreiche Aktenordner und ein Laptop – so sieht es wohl in den meisten Büros mittelständischer Unternehmer aus.

Aber Göberts Firma ist anders. Sie ist sozusagen das Alpha und Omega der Sauenhaltung: Die Probleme einer ganzen Branche, aber auch mögliche Lösungen kommen hier zusammen. Hinter Göberts Schreibtisch hängt ein Schild. Die Aufschrift klingt nach seiner eigentlichen Mission: „Make Ferkel Great Again“.

Probleme und Lösungen – der Manager lädt ein in einen LFD-Stall, etwa 30 Minuten von seinem Büro entfernt. Wobei Stall der falsche Begriff ist. Es ist eine riesige Anlage, ein nach außen hin abgeschottetes System und wer hineinwill, der muss erst einmal duschen. Das System muss geschützt werden.

Für den Rundgang durch den LFD-Kosmos hat Göbert das weiße Manager-Hemd gegen Arbeitskleidung und Gummistiefel eingetauscht.

Eine Stunde dauert so eine Reise durch die Anlage. Göbert öffnet beherzt Türen. Eine, zwei, drei und so weiter. Es gibt viele Türen, aber kaum Fenster. Hinter jeder Tür leben Schweine, meist Zuchtsauen.

Die erste Tür: Göbert dreht das Licht an. Es quiekt. Bucht reiht sich an Bucht, darin: Sauen mit ihren Ferkeln. Manche hängen an den Zitzen des Muttertieres, andere schlafen. Abferkelbereich nennt sich diese Abteilung, hier bringen die Muttertiere ihren Nachwuchs zur Welt. Ein Gittergerüst hindert die Sau daran, sich frei zu bewegen.

Die Sau könnte sonst versehentlich Ferkel zerquetschen. Etwa 10 bis 12 Prozent der kleinen LFD-Schweine würden frühzeitig sterben, sagt Göbert. Saugferkelverluste wird das in der Branche genannt. Die Verlustquote der LFD ist vergleichsweise gut. Eben auch wegen des Ferkelschutzkorbes, der die Sau fixiert. Das ist der brancheninterne Name für die Stahlkonstruktion, die Tierschützer ganz abschaffen wollen.

Die zweite Tür: Wieder reiht sich Bucht an Bucht. Dahinter leben die Sauen in Gruppen. Bunte Markierungen auf ihren Rücken zeigen an, wann sie mit welchem Sperma besamt worden sind.

Rechnerisch 2,35 mal werfen die LFD-Sauen Ferkel. Im Jahr etwa 30 kleine Schweine. Das geschieht im Abferkelbereich. Hier in der Gruppenhaltung, wo die Tiere sich frei bewegen können, fällt auf, wie lädiert manche Sau ist. Wie sagt Göbert? „Schweine sind keine Pazifisten.“

Die Sauen kämpfen Rangordnungen innerhalb der Gruppen aus. Dabei kann es ganz schön zur Sache gehen. Das, so könnte man sagen, ist der Preis für die Freiheit.

Hinter der dritten Tür war’s das schon wieder mit ihr. Eine Sau reckt nur kurz den Kopf, dann lässt sie ihn niedersinken. Stehen, liegen, fressen. Das sind die drei Optionen, die sie im sogenannten Deckzentrum hat. Auch hier schränkt ein Gestänge das Tier in der Bewegung ein – der sogenannte Kastenstand, indem die Tiere künstlich besamt werden. 19 Tage lebt die Sau bei der LFD so, in anderen Betrieben deutlich länger.

Was Göbert bis hierhin gezeigt hat, unterscheidet die LFD eigentlich nur in der Dimension von anderen Sauenhaltern. Aber genau hier beim Kastenstand, ist dann etwas Entscheidendes anders. Jeder zweite Kasten ist leer.

Das zuständige Veterinäramt Jerichower Land hat es angeordnet und kann sich dabei auf ein höchstrichterliches Urteil berufen. Denn was die Sau in diesem Kastenstand nicht weiß: Sie lebt in einer Anlage, die Rechtsgeschichte geschrieben hat.

Weil das Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Magdeburg vom 24. November 2015 so wichtig ist, hier der Leitsatz ungekürzt:

„Aus § 24 Abs. 4 Nr. 2 TierSchNutztV ergibt sich zwingend, dass den in einem Kastenstand gehaltenen (Jung)Sauen die Möglichkeit eröffnet sein muss, jederzeit in dem Kastenstand eine Liegeposition in beiden Seitenlagen einzunehmen, bei der ihre Gliedmaßen auch an dem vom Körper entferntesten Punkt nicht an Hindernisse stoßen.“ “

Im Klartext heißt das, die Sau muss sich im Kastenstand ausstrecken dürfen, ohne an eine Nachbarin zu stoßen. Was das Gericht feststellte, ist aber in fast keinem Stall in Deutschland der Fall. Sie alle sind damit nicht im Einklang mit dem deutschen Recht und müssen umgebaut werden. Punkt.

Eine ganze Branche als Sanierungsfall

Als der 3. Senat in Magdeburg dieses Urteil sprach, war Göbert erst wenige Tage im Dienst. Geholt mit klarem Auftrag der Banken: die LFD verkaufsfähig aufzustellen. Der Betrieb gehörte einst Adrianus Straathof. Die Vorgeschichte in Kurzfassung: Der Niederländer überwarf sich mit Anwohnern, Tierschützern, Politik und Behörden. Am Ende stand ein Tierhaltungsverbot gegen ihn. Straathof verließ Deutschland. Zurück blieben die LFD, ihr ramponiertes Image und Zehntausende Sauen.

Nun also ist es an Göbert, das Beste rauszuholen. Das Problem: Nicht nur die LFD ist ein Sanierungsfall, sondern eigentlich die gesamte Sauenhaltung. Der Kastenstand und die Frage nach der Freiheit für die Sau ist nämlich nur eines der drängenden Probleme. In der Branche spricht man auch von den drei K: Kastenstand, Kupieren, Kastrieren.

Der Sanierer und die drei K

Wo die Tiere durch Zucht nicht mehr weiter den Erfordernissen der Produktion angepasst werden konnten, wird nachgeholfen: Die Sau wird in ihrer Bewegung eingeschränkt (Kastenstand), den Ferkel der Ringelschwanz kurz nach der Geburt abgeschnitten, damit sich die Tiere später nicht gegenseitig anfressen (Kupieren), und die Hoden der kleinen Eber werden ohne Betäubung abgeschnitten, weil ihre Aufzucht schwieriger ist und das Fleisch einiger männlicher Tiere einen unangenehmen Geruch entwickeln kann (Kastrieren).

Göbert hat sich so seine Gedanken gemacht über die Probleme. Die Zeit dazu hat er. Denn die Situation ist verfahren. Keiner weiß, wie es weitergehen soll und über allem schwebt noch die Afrikanische Schweinepest – eine todbringende Tierseuche, die in China bereits Millionen Schweine getötet hat. Es ist nicht die Frage ob, sondern wann sie Deutschland erreicht. So eine Ausgangslage ist wohl selbst den risikofreudigsten Investoren zu unsicher.

Also macht Göbert weiter. Der Sanierer ist nicht mit diesem System groß geworden. Er ist von außen hineingekommen. Von Haus aus ist er Prozessingenieur, kein Schweinehalter. Vielleicht ist er auch deswegen freier, über Alternativen nachzudenken. Er selbst sagt:

„Ich leite das Unternehmen auf Basis von logischem Denken und Einfühlungsvermögen, nicht auf Basis von Traditionen.“ “

Eine Erkenntnis, die der Quereinsteiger gewonnen hat: Das Kastrieren der Ferkel und das Schlachten kastrierter Ferkel sollte in Deutschland komplett verboten werden. „Das macht doch kein Landwirt gerne“, sagt er. Die Alternativen der Bundesregierung – Kastration unter Vollnarkose – und der Branchenvertreter – Kastration unter Lokalanästhesie, injiziert in die Hoden – bezeichnet Göbert als „Murks“.

Er favorisiert eine andere Variante: Die Eber mästen und einfach früher als bisher zum Schlachthof bringen. Noch bevor sie in die Pubertät kommen und damit der unangenehme Geruch entstehen kann.

Die Fixierung der Sauen im Kastenstand will er ebenfalls auf ein Minimum reduzieren. Schon jetzt liegt er mit 19 Tagen unter dem Branchenschnitt.

„Da sehe ich noch Potenzial, den Zeitraum weiter zu verkürzen.“ Auch wenn das immer wieder innerhalb der Branche angezweifelt wird. „Wir zeigen, dass es anders geht, als es vielleicht über Generationen gelehrt und praktiziert wurde“, sagt Göbert.

Aber eigentlich sind es ja nicht drei, sondern vier Ks, die Sauenhalter vor Probleme stellen. K Nummer vier: die Kosten. Zum einen machten die Betriebe laut Bundesregierung vergangenes Jahr im Schnitt elf Euro Verlust – pro Ferkel. Zum anderen ist eben vollkommen unklar, wie die anderen drei K umgesetzt werden sollen. In was Landwirte also investieren sollen.

Göbert hat auch darüber nachgedacht. Seiner Auffassung nach muss die deutsche Schweinebranche grundsätzlich umsteuern – weg von der Masse. Das verpackt Göbert in Sätze wie:

„Schweinehälften aus Deutschland sind ein Auslaufmodell.“ “

Wie bitte? Das von dem Mann, der die größte Schweinezucht Deutschlands leitet? Ja, Göbert ist der Meinung, dass deutsche Produzenten den Preiskampf auf dem Weltmarkt nicht gewinnen können. Also sollten sie sich auf den heimischen Markt konzentrieren. „Wir wollen das Geld der Verbraucher. Deswegen müssen wir ihnen einen echten und fühlbaren Mehrwert bieten.“

Für Göbert sind das nachvollziehbare Regionalität und der Geschmack. „Wenn Kunden bereit sind, für ein Rindersteak aus Argentinien oder von sonst wo her viel Geld zu bezahlen, kann mir niemand erzählen, dass so etwas nicht auch mit Schweinefleisch funktionieren kann“, skizziert Göbert seinen Weg aus der Krise.

Und wie weiter?

Wenn er recht hat, dann ist das vielleicht eine Möglichkeit, den Strukturwandel in der Sauenhaltung zu bremsen, dass also ein paar weniger Betriebe im Jahr aufhören. Und wenn Göbert irrt? Dann geht der Wandel der Landwirtschaft und speziell der Sauenhaltung weiter wie bisher: in Richtung von Großbetrieben wie der LFD. Denn vor allem kleine, familiengeführte Betriebe geben auf. Laut Branchenumfragen will jeder zweite Sauenhalter in den kommenden Jahren seinen Stall dichtmachen. Diejenigen, die weitermachen und den Unwägbarkeiten des Geschäfts trotzen, sind die großen.