zuletzt aktualisiert vor

Unternehmen: Branchenüblich Verdi kritisiert „System Bünting“ und spricht von sittenwidrigen Löhnen

<em>Volle Regale: </em>Das ist bei den Supermarktketten der Bünting-Gruppe Aufgabe der NWD-Mitarbeiter. Deren Entlohnung kritisiert Verdi. Foto: dapdVolle Regale: Das ist bei den Supermarktketten der Bünting-Gruppe Aufgabe der NWD-Mitarbeiter. Deren Entlohnung kritisiert Verdi. Foto: dapd

Osnabrück. Nach den großen Kampagnen gegen Lidl, Schlecker und Netto nimmt Verdi jetzt das nächste Einzelhandelsunternehmen ins Visier: Die Gewerkschaft prangert die Entlohnung bei der Bünting-Gruppe mit ihren Ketten wie Combi und Famila an.

Die Parallelen fallen sofort ins Auge: angeblich sittenwidrige Löhne, übermäßig viele Mini-Jobber und fragwürdige Anweisungen der Personalabteilungen. So klangen die Vorwürfe vor einem Jahr gegen den Discounter Netto, vor zwei Jahren gegen die Kleidungskette Kik. Genau so klingen heute auch die Vorwürfe gegen Bünting .

Gut 10000 Menschen arbeiten bei der Unternehmensgruppe, die ihren Sitz in Leer, Ostfriesland, hat. Schon lange wird hier nicht mehr nur mit Tee gehandelt. Zu dem weitverzweigten Firmennetz gehören neben weiteren Supermärkten etwa unter der Marke „Markant“ eine Elektronikkette – und seit 2007 auch eine firmeninterne Leiharbeitsfirma mit dem Namen „ Nord-West Dienstleistung GmbH“ , kurz: NWD.

2000 Menschen sind hier nach Bünting-Angaben angestellt – teils unter sittenwidrigen Bedingungen, wie zumindest die Gewerkschaft Verdi moniert. Die NWD-Mitarbeiter werden auf der Internetseite des Unternehmens als „unsichtbare Helfer“ umschrieben: Sie putzen die Supermärkte, prüfen die Haltbarkeitsdaten der Ware und füllen die Regale auf. Kunden bekommen davon wenig mit, da die Arbeiten in der Regel nachts geschehen.

Was die Gewerkschaft auf die Palme bringt, sind die Gehälter der konzerninternen Leiharbeiter. Laut einem Personalfragebogen aus dem Jahr 2011 für einen zwölfmonatigen Zeitvertrag einer Reinigungskraft wird eine Arbeitsstunde im ersten Tätigkeitsjahr mit 5,67 Euro pro Stunde vergütet, 5,90 Euro im zweiten, 6,56 Euro im dritten und so weiter. „Das ist sittenwidrig“, schimpft Heiner Schilling. Er ist Landesfachbereichsleiter Einzelhandel für Niedersachsen und Bremen bei der Gewerkschaft und hält die Tariflöhne dagegen: Demnach verdient eine Raumpflegerin „ohne besondere berufliche Vorbildung oder Ausbildung“ im ersten Jahr mindestens 9,86 Euro pro Stunde.

Bünting verweist bei der Entlohnung der NWD-Mitarbeiter aufs Betriebsgeheimnis. Nur so viel: Die unternehmensinterne Leiharbeitsfirma sei nicht tarifgebunden. Das muss Gewerkschafter Schilling zähneknirschend zugeben. NWD hat die Löhne mit dem Betriebsrat ausgehandelt. „Formalrechtlich ist das alles sauber“, so Schilling.

Dennoch erkennt er in dem Lohngefüge bei dem ostfriesischen Unternehmen ein System. Auch bei den regulär in den Einkaufsmärkten von Combi und Famila angestellten Mitarbeitern drückt Bünting nach Ansicht der Gewerkschaft das Lohnniveau unter die Schmerzgrenze.

Schilling legt eine Auswertung vor: 30 Filialen mit insgesamt rund 1500 Mitarbeitern habe Verdi unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Ziemlich genau die Hälfte, rund 780 Mitarbeiter, sind sogenannte Mini-Jobber. 440 arbeiten auf Teilzeit, und nur etwa 100 Angestellte in den 30 Niederlassungen sind laut Verdi Vollzeitbeschäftigte. Schilling: „Das ist einsame Spitze in der Einzelhandelsbranche – im negativen Sinne.“

Mini-Jobs gefragt

Bünting hält dagegen: Die Kombination unterschiedlicher Arbeitsmodelle sei branchenüblich. „Wir machen darüber hinaus die Erfahrung, dass gerade Teilzeitstellen und Mini-Jobs von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aktiv nachgefragt werden, da sie eine flexible Lebensgestaltung ermöglichen“, heißt es auf Nachfrage. Aber: „Eine dezidierte Aufstellung der unterschiedlichen Arbeitsmodelle können wir aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.“

Unserer Zeitung liegt eine vertrauliche E-Mail vor. Darin heißt es, dass bei Mini-Jobbern „bevorzugt Bewerber ohne bzw. mit geringer Berufserfahrung“ einzustellen seien. Die Verkaufsleitung habe sich mit der Personalleitung verständigt, „dass wir Bewerber mit umfangreicher Berufserfahrung ab sofort nicht mehr genehmigen werden“. In Leer weiß man auf Nachfrage nichts davon. „Es handelt sich hierbei jedenfalls nicht um eine offizielle Anweisung der Bünting-Unternehmensgruppe.“

Für die Gewerkschaft ist der Fall eindeutig: Keine bis kaum Berufserfahrung bedeutet weniger Gehalt. „Das Unternehmen lebt und überlebt durch diese niedrigen Löhne“, sagt Schilling. Für ihn ist die Anweisung bezüglich Mini-Jobber nur ein weiterer Puzzlestein im „System Bünting“, wie er es nennt.


0 Kommentare