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Wie Spekulanten an der Börse mit Agrarrohstoffen süße Gewinne erwirtschaften Zocken mit Reis, Mais und Weizen

Von Christof Haverkamp


OSNABRÜCK. Die Preise für Reis, Weizen und Kakao sind in jüngster Zeit nach oben geschossen, ebenso die für Soja und Mais. Das liegt neben wetterbedingten Missernten und erhöhter Nachfrage auch an den Spekulanten, die an der Börse mit Nahrungsmitteln handeln.

Ein umstrittenes Milliardengeschäft: Kritiker werfen den Zockern vor, sie würden die Preise künstlich hochjagen und damit die Armen in den Hunger treiben. Nach Ansicht von Experten hat die Wut über gestiegene Lebensmittelpreise in Nordafrika die generelle Unzufriedenheit mit den Regierungen in Tunesien und Ägypten verstärkt. Wissenschaftler befürchten, dass die Gefahr von Hungerrevolten zunimmt.

An der Chicago Mercantile Exchange und der Chicago Board of Trade, zwei der inzwischen fusionierten größten Börsen der Welt, handeln Anleger ganz legal mit Kakao, Rindern, Schweinen, Soja, Mais und Weizen. Aber nicht nur dort, auch in Frankfurt, London oder Zürich. Die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 führte dazu, dass Spekulanten von den Finanzbörsen zu den Landwirtschafts- und Agrarrohstoffbörsen flüchteten. Die Anleger strichen schwindelerregende Profite ein und trieben gleichzeitig die Preise in die Höhe – sie kletterten unabhängig von der tatsächlichen Versorgungslage nach oben.

Der US-Amerikaner Jim Rogers, einer der ersten und bekanntesten Investoren auf dem Rohstoffmarkt, findet das nicht verwerflich, sondern sogar gut: Wenn die Preise für Lebensmittel steigen, argumentiert er, würden wieder mehr Menschen bereit sein, als Landwirte zu arbeiten. Sonst entstehe eine globale Nahrungsmittelkrise, weil sich das Leben als Bauer nicht rechne. „Je schneller die Agrarpreise steigen, desto besser“, sagte der Star-Investor daher in einem Interview mit dem Magazin „Märkte & Zertifikate“.

Rogers hält Agrarrohstoffe für hochattraktive Spekulationsobjekte. Immer wieder soll er seinen Zuhörern auf Kongressen Zuckertütchen zugesteckt haben, um sie auf die Chancen dieses Marktes aufmerksam zu machen.

Ganz anders sieht das der Schweizer Jean Ziegler, von 2000 bis 2008 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung: Ziegler empört sich seit Jahren darüber, dass die Preise für Grundnahrungsmittel aufgrund von Börsenspekulation nach oben schnellen. Dadurch würden Millionen Menschen in den Abgrund gestürzt. Nach seiner Ansicht sollten daher die Parlamente in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz jedes spekulative Geschäft auf Grundnahrungsmittel verbieten.

Korrekturen verlangen auch die Welthungerhilfe und der Chef der UNO-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO), Jacques Diouf. Nur damit ließen sich die unbegrenzte Spekulation und daraus ergebende Preisschwankungen verhindern, sagte Diouf. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy lehnt Spekulationen mit Agrarrohstoffen ebenfalls ab. Sarkozy hat den Kampf dagegen deshalb zum wichtigsten Thema seiner G-20-Präsidentschaft ausgerufen. Damit beschäftigten sich am vergangenen Wochenende auch die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 in Paris. Beschlüsse wurden jedoch nicht bekannt.

Eine differenzierte Haltung nimmt Bundesagrarministerin Ilse Aigner ein: Zwar kritisiert die CSU-Politikerin, dass Spekulanten die Preise zu sehr in die Höhe treiben. „Klar ist aber auch: Wir brauchen die Finanzanleger“, fügte Aigner im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ hinzu. Bauern sicherten über die Warenterminbörsen ihre Erträge ab, und dazu sei „ein bestimmtes Volumen an Kapital nötig“.

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