Senioren shoppen häufiger online Geschäfte verlieren gegen Onlinehandel: Stirbt der Präsenzhandel aus?

Von Mischa Ehrhardt

Das diesjährige Weihnachtsgeschäft ist schleppend angelaufen.Das diesjährige Weihnachtsgeschäft ist schleppend angelaufen.
Heiner Beinke

Osnabrück. Seit Beginn der Pandemie hat der Onlinehandel einen Schub bekommen. Die Einzelhändler indes klagen nicht nur über das schleppende Weihnachtsgeschäft. Sie befürchten durch 2G-Regeln teilweise Umsatzeinbrüche um 50 Prozent.

Es gibt auch eine gute Nachricht inmitten von vielen schlechten für den stationären Einzelhandel: In die Geschäfte in den Innenstädten strömten rund um den diesjährigen „Black Friday“ deutlich mehr Konsumenten als im vergangenen Jahr. Das ist eines der Ergebnisse der Studie von Forschern der Frankfurt School of Finance and Management.

Allerdings gießen Experten auch hier Wasser in den Wein: Im Vergleich zum Vorkrisenniveau von 2019 haben die Händler einen Rückgang von zwischen 15 und 25 Prozent verzeichnet, eine genauere Auswertung der Umsätze in diesem Jahr steht noch aus. „Diese Zahlen klingen erst einmal noch vertretbar“, sagt Studienautor Christian Schulze, Professor für Marketing an der Frankfurt School. „Sie sind es aber nicht wirklich. Denn diese 15-25 Prozent sind genau die Kunden, die man braucht, um am Ende des Jahres Gewinn zu machen. Insofern ist das schon ein ziemlich dramatischer Rückgang gegenüber dem Niveau vor der Pandemie“.

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Vor allem Senioren entdecken den Online-Handel

Schulze und seine Kollegen haben seit Anfang 2018 über mehr als drei Jahre 1000 Online Shops in sechs Ländern untersucht. Sie werteten dafür 500 Millionen Einkäufe mit einem Gesamtumsatz von rund 60 Milliarden Euro aus. Eines der überraschenden Ergebnisse: Gerade bei Senioren über 65 Jahren war während der Lockdowns ein überdurchschnittlicher Anstieg des Online-Shoppings zu beobachten – die E-Commerce-Aktivitäten der älteren Generation haben sich während der Pandemie-Beschränkungen mehr als verdoppelt. 

Ebenso überraschend ist auch, dass bei ihnen nach dem Ende der Lockdowns keine nennenswerte Gegenbewegung in die Geschäfte mehr stattgefunden hat. „Ich glaube der entscheidende Punkt ist, dass die Lockdowns für viele Senioren tatsächlich Anlass waren, die Hürden für Online-Shopping endlich zu überwinden. Also technische Probleme und eine Skepsis gegenüber Online-Einkäufen“. Hinzu kommt natürlich, dass Senioren wenig Internet-Affin waren. Dadurch ergeben sich statistisch schon bei vergleichsweise kleinen Veränderungen hohe Steigerungsraten.

Aus den Ergebnissen leiten Schulze und seine Kollegen ab, dass alle Händler – stationäre wie online – sich auf diese Zielgruppe gezielt einstellen müssen. Zudem müssten vor allem stationäre Händler ihre Online-Kanäle ausbauen, um den Umsatzschwund in der realen Welt durch Online-Lieferungen ausgleichen zu können. Denn eines der Kernergebnisse der groß angelegten Studie ist auch, dass die Verschiebungen vom Stationären hin zum Online-Shopping auch nach den Pandemie-Einschränkungen von Dauer sein werden. „Eine Rückkehr zu ‚Normal-Null‘ ist extrem unwahrscheinlich, sagt Christian Schulze. „Je länger wir die Daten erheben, umso höher scheint der längerfristige Effekt zu sein: Es wird ein substantielles, nachhaltiges Wachstum im Online-Handel geben“.

2G-Regeln im Einzelhandel belasten zusätzlich

Nötig ist der verstärkte Fokus auf Online-Kanäle für Händler umso mehr angesichts der neuen Corona-Beschränkungen. So haben Bund und Länder am Donnerstag weitreichende Einschränkungen für Ungeimpfte beschlossen. Unter anderem sollen die Geschäfte des Einzelhandels nur noch Geimpften oder Genesenen offenstehen. Von dieser 2G Regel ausgenommen sind nur Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs, wie etwa Supermärkte oder Apotheken.

Dies ist ein weiterer Dämpfer für die stationären Einzelhändler, nachdem das Weihnachtsgeschäft in den vergangenen Tagen nur schleppend angelaufen ist. Eine Trendumfrage des Handelsverbandes Deutschland hat ergeben, dass nur 20 Prozent der 350 befragten Unternehmen mit den Umsätzen im bisherigen Weihnachtsgeschäft zufrieden sind, rund 60 Prozent der Handelsunternehmen gab Rückgänge gegenüber dem Vorjahr an.

Der Einzelhandelsverband HDE kritisierte die neuen Corona-Einschränkungen für die Branche. Angesichts Maskenpflicht und funktionierender Hygienekonzepte seien diese nicht nachvollziehbar, sagt Geschäftsführer Stefan Genth. „Und das in der wichtigsten Phase des Jahres." Mit dem Ausschluss von Ungeimpften müssten viele Betriebe im Handel nun mit Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent rechnen. Daher forderte der Lobbyverband großzügigere staatliche Hilfen für den Einzelhandel.


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