Präsident Paetow im Interview Agrarverband DLG: Landwirtschaft geht noch umweltfreundlicher

Neue Technik ermöglicht die zielgenaue Ausbringung von Gülle. Das ist gut für die Umwelt, wird aber noch nicht überall eingesetzt. Foto: Michael GründelNeue Technik ermöglicht die zielgenaue Ausbringung von Gülle. Das ist gut für die Umwelt, wird aber noch nicht überall eingesetzt. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Größer, schneller, teurer? Das war einmal auf der Agritechnica – die weltgrößte Landtechnikmesse, die jetzt in Hannover startet. Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) sagt, die Landwirtschaft könne noch umweltschonender arbeiten. Was dem im Wege steht, verrät der Ausrichter der Agritechnica im Interview.

Herr Paetow, vor wenigen Tagen gingen Tausende Bauern auf die Straße, um ihrer Existenzangst Ausdruck zu verleihen. Jetzt kommt die Agritechnica, eine Messe, auf der neuste und folglich auch teuerste Technik für Landwirte präsentiert wird. Wie passt das zusammen?

Es geht nicht um die großen, chromglänzenden Maschinen, die das Herz der Bauern höherschlagen lassen. Es geht darum, wie wir als Landwirtschaft nachhaltiger und damit gesellschaftlich akzeptierter werden können. Entsprechende Lösungsansätze werden auf der Messe zu sehen sein – etwa in Sachen mechanischer Unkrautbekämpfung, die zu einem weiteren Rückgang des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft führen können.

Hubertus Paetow. Foto: Felix Holland

Die Verfügbarkeit von Technologien ist das eine. Die Finanzierbarkeit das andere. Viele Landwirte kämpfen mit finanziellen Problemen. Wie sollen sie die neue Technik bezahlen? 

Dahinter steckt die Frage, wie ernst die Politik es mit den Ansagen meint, dass die Landwirtschaft nachhaltiger werden soll. Meint sie es ernst, muss sie das Bemühen der Bauern auch unterstützen.

Es geht also umweltfreundlicher als jetzt?

Die Frage ist doch, wie das mit dem zweiten großen Ziel vereinbart werden kann: einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft. Wir können als Gesellschaft sicherlich sagen, wir wollen einen Agrarsektor, der fast keine Auswirkungen auf die Umwelt hat. Aber dann werden Lebensmittel importiert, die andernorts ohne Rücksicht auf die Umwelt produziert worden sind. Ist das wirklich sinnvoll? Ich denke nicht. Also müssen wir schauen, wie wir die Landwirtschaft hierzulande nachhaltiger machen, ohne die wirtschaftliche Existenz der Bauern zu zerstören. Das geht durchaus.

Ein Beispiel, bitte.

Nehmen wir den Streit um die Nitrat-Belastung des Grundwassers: Es gibt Technologien, die eine verlustarme Ausbringung von Gülle auf dem Acker ermöglichen. Immer nur so viel, wie die Pflanze braucht. So eine Technik wird aber bislang nur in etwa der Hälfte der Fälle eingesetzt. Eine Ausbringung auf breiter Fläche – aus welchen Gründen auch immer – ist trotz aller Diskussionen aber immer noch ebenso üblich. Die Politik sollte die grundwasserfreundlichere Variante fördern.

Foto: Michael Gründel

Es ist also doch noch Spielraum beim Thema Düngung? Viele Landwirte lehnen die neuen Auflagen gerade in Problemgebieten ab und sagen, Pflanzen würden nach den Vorstellungen der Politik unter Bedarf ernährt. 

Teile der Verschärfungen sind widersinnig. Mein Betrieb liegt ebenfalls in einem roten Gebiet. Die Politik möchte, dass wir hier pauschal weniger düngen. Ich muss aber auch die Ökonomie bedenken, wir müssen ja Geld verdienen. Sprich: Der Ertrag muss hoch bleiben. Das wird dazu führen, dass wir dem Boden Nährstoffe entziehen und ihm so auf Dauer schaden.

Wieso wurde das auf politischer Ebene nicht bedacht?

Es geht da meines Erachtens nicht ums Bedenken, sondern um die nachvollziehbare Einschätzung auf Basis fachlicher Grundlagen. Die Landwirtschaft ist ein enorm komplexes System. Jede noch so kleine Stellschraube, kann große Auswirkungen haben. Politische Entscheidungen werden meinem Eindruck nach derzeit aber eher nach vermeintlichen Mehrheiten und Umfragewerten gefällt. Ich halte es für dringend erforderlich, dass die Politik einen gesellschaftlichen Entscheidungsprozess darüber anstößt, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll. Am Ende brauchen wir einen Konsens, der sich daran orientiert, was sinnvoll ist und nicht, was gute Umfragewerte sichert.

Gilt das auch für neue Züchtungsmethoden wie die Genschere?

Ja, neue Züchtungsmethoden machen eine nachhaltigere Landwirtschaft möglich. Wir brauchen die Zulassung. So können Getreidearten gezüchtet und weiterentwickelt werden, die wir für einen umweltschonenderen Anbau brauchen. Aber klar: Die Meinung über die neue Technologie geht derzeit eher in eine andere Richtung. Wir dürfen nicht zulassen, dass Innovationen aufgrund unbegründeter Sorgen kaputt geredet werden. Aber ich bin ganz optimistisch, auch gegen die Eisenbahn oder das Auto haben Menschen protestiert. Und doch hat sich die kollektive Vernunft durchgesetzt.

Foto: dpa/Jens Büttner

 


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