Der Norden setzt bei Energiewende auf Vernetzung Sonnenkraft und Wasserstoff sollen die Wende bringen

Mit grünem Wasserstoff (hier ein Tankvorgang in Laatzen bei Hannover) lassen sich auch Autos antreiben. Foto: Ole Spata/dpaMit grünem Wasserstoff (hier ein Tankvorgang in Laatzen bei Hannover) lassen sich auch Autos antreiben. Foto: Ole Spata/dpa

Berlin. Die Energiewende bedeutet mehr als nur Strom aus Windkraft. Doch die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus, heißt es bei einem Expertenforum.

Sektorenkopplung. Hinter dem stinklangweiligen Wort versteckt sich ein Kaleidoskop von Chancen. Darin sind die Energieexperten in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin einig. Und nach jahrelangem Frust über den Stillstand in Sachen Energiewende regt sich besonders in Norddeutschland Hoffnung, dass mit den Klimaprotesten Bewegung ins Thema kommt. Das merkt man auch an diesem Montag bei der Veranstaltung des SPD-Wirtschaftsforums – auch wenn der Frust über die bisherige Energiepolitik des Bundes tief sitzt. 

Endlich hört jemand zu

Sektorenkopplung ist die Vernetzung verschiedener Bereiche der Energieversorgung. Wenn die Abwärme eines Kraftwerks Wohnungen heizt. Wenn das Elektroauto überschüssigen Windstrom in seine Batterie lädt. Oder die Waschmaschine nur bei Billigstrom anspringt. Angesichts schier unendlicher Möglichkeiten geraten Experten ins Schwärmen: Dank der Digitalisierung schein nichts unmöglich. 

Die Energiewende wurde lange als Stromwende verstanden, kritisiert Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies. „Wir reden über Energie, nicht nur über Strom“, wiederholt der in die Politik gewechselte Ingenieur seit Jahren gebetsmühlenartig. Nun hören ihm immer mehr Leute zu. Strom umfasst bislang nur einen kleinen Teil der in Deutschland verbrauchten Energie. Soll die Energieversorgung bis 2050 dekarbonisiert sein, braucht es einen riesigen Wandel. Und dort sieht der Norden seine Chance: Hier gibt es Windstrom im Überfluss. Daraus könne man Wasserstoff machen. Der wiederum kann Turbinen, Heizungen und Flugzeuge antreiben.

„Müssen die Dächer mit Photovoltaik zuknallen“

Die Menschen sollen direkt profitieren, fordert Lies. „Wir können in Berlin so viel diskutieren wie wir wollen, das bekommt mein Nachbar nicht mit“, sagt der Landespolitiker und Sander Gemeinderat Lies. Wenn aber die Windraderträge Thema im Rat seien, sei jeder betroffen. 

„Die Energiewende wurde auf dem Land gestartet. Über den Erfolg wird in der Stadt entschieden“, sagt der Chef der Osnabrücker Stadtwerke, Christoph Hüls. Auf urbanen Dächern sei noch viel Platz für Photovoltaik (PV). Die bisherigen Regeln seien zu kompliziert und riskant für viele Privatleute. Hier sollten die kommunalen Versorger mit einfachen Angeboten helfen dürfen, fordert er. „Der Häuserkampf kann nur von Stadtwerken gewonnen werden“, sagt Hüls. Dass die Energiewende so quälend langsam voran geht, hat ihm zufolge einen politischen Grund. „Wir haben eine CO2-Krise: Die ist aber für die meisten nicht spürbar“, sagt Hüls mit Blick auf die aktuell geplante Kohlendioxid-Bepreisung von 10 Euro pro Tonne. Die Politik wolle, dass die Bürger wenig merkten. Das sei „keine CO2-Vermeidungsstrategie, sondern Verhaltensveränderungsvermeidungsstrategie“.

„Wir müssen alle Dächer mit PV vollknallen“, sagt Patrick Graichen von der Energie-Denkfabrik Agora. Er fordert ein Ende des „Entweder-Oder“. Wenn man die Klimaneutralität 2050 ernst nehme, „brauchen wir alles gleichzeitig“, sagt er: Viel mehr Strom aus Erneuerbaren Energien, synthetische Kraftstoffe und eine Wasserstoffstrategie. Doch vorne spielen die Deutschen nicht mit. Im niederländischen Groningen sei man viel weiter, räumt der SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal ein. Das „Käseland“ zeige, wie es geht, klagt er. Und es kommt noch schlimmer: Hüls greift bei der Umstellung der Osnabrücker Busflotte auf E-Antrieb bisher nur auf niederländische Fabrikate zurück. Dabei gebe es doch einen Autohersteller, der Busse baut in Niedersachsen, sagt Tobias Kempermann von der EWE. Und an dem sei sogar das Land beteiligt.


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