Vor Anuga: Handel und Industrie vorsichtig optimistisch Vor allem vegetarische Lebensmittel erhöhen den Umsatz

Der Außer-Haus-Verzehr bleibt laut DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges ein Trend. Foto: Rolf Vennenbernd/dpaDer Außer-Haus-Verzehr bleibt laut DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges ein Trend. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Köln. Ernährung ist ein Trend-Thema und gewinnt auch vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsdebatte weiter an Bedeutung – nicht nur mit Blick auf Lebensmittelverschwendung und Verpackung, für Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) wichtige Themen, bei denen sich der Verband auch mehr Klarheit im politischen Diskurs wünscht. Vor dem Start der internationalen Leitmesse Anuga, die in diesem Jahr zum 100. Mal stattfindet, blicken Lebensmittelhandel und Ernährungsindustrie positiv auf das erste Halbjahr zurück – allerdings bleiben die Erwartungen verhalten.

„Die leichte Umsatzsteigerung war fast ausschließlich preisbedingt“, sagte Minhoff am Dienstag in Köln. Die abgesetzte Menge der deutschen Ernährungsindustrie bleibe konstant auf Vorjahresniveau, während der Umsatz auf 89,5 Milliarden Euro stieg. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, verhält es sich im Handel. Franz-Martin Rausch, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Lebensmittel (BVLH):

„Wir verzeichnen seit Längerem einen leichten Rückgang der Menge. Das liegt auch an der steigenden Zahl der ein- oder zwei-Personen-Haushalte.“

Der Lebensmittelhandel setzte im ersten Halbjahr Waren im Wert von 108,2 Milliarden Euro um. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit Umsätzen in Höhe von 221,6 Milliarden Euro. Der Anteil des Onlinehandels mit Lebensmitteln bleibt dabei konstant bei einem Anteil von ein bis zwei Prozent am Gesamtumsatz. Das liegt für Rausch unter anderem an der hohen Dichte von Verkaufsstätten, die eine Bestellung im Internet unnötig macht.

Bewusste Ernährung bleibt Trend

Auch wenn der BVE die Ergebnisse einer aktuellen Studie zu Ernährungstrends erst kurz vor dem Start der Anuga vorstellen wird, etwas lässt sich aus den aktuellen Umsatzzahlen des Handels erschließen. Die laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) höchsten Umsatzzuwächse erzielten im ersten Halbjahr pflanzliche Brotaufstriche (+16 Prozent), Getreideflocken (+14 Prozent), Fleischersatzprodukte (+14 Prozent) und Müsliriegel (+11 Prozent) – obwohl Vegetarier und Veganer nur etwa 7 Prozent der Bevölkerung ausmachen. BVLH-Hauptgeschäftsführer Franz-Martin Rausch:

„Diese zweistelligen Umsatzsprünge untermauern die langjährige Beobachtung der Marktforschung, dass die Verbraucher weiterhin verstärkt zu Produkten greifen, die im Zusammenhang mit einem ausgewogenen und nachhaltigen Lebensstil stehen.“

Für Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des DEHOGA Bundesverbands, liegt auch das Snacken weiterhin im Trend, ebenso bleibt es beim Boom des außer-Haus-Verzehrs. Das zeigt sich auch in den Handelszentren. „Erstmals hat im ersten Halbjahr die Gastronomie den Handel bei Neuvermietungen in Shoppingcentern abgelöst“, so Hartges. Insgesamt zieht die Hauptgeschäftsführerin für Gastronomie und Hotellerie eine positive Halbjahresbilanz. „Die Reise- und Ausgehfreude ist ungebrochen. Die Branche bleibt auf solidem Wachstumskurs.“ Und im Gastgewerbe habe es erstmals mehr als 1,1 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gegeben.

Verhalten optimistisch für die Zukunft

Ganz anders die künftigen Erwartungen in Handel und Industrie. „Inwieweit der positive Wachstumstrend in der zweiten Jahreshälfte fortgesetzt werden kann, ist fraglich. Zumindest haben die Lebensmittelhersteller zur Jahresmitte ihre Erwartungen an die Geschäftsentwicklung für die nächsten sechs Monate deutlich gesenkt“, so Christoph Minhoff. Neben der Inlandsnachfrage, die für den BVE-Hauptgeschäftsführer eine Triebfeder des Wachstums war, sieht Minhoff auch im wichtigen Auslandsgeschäft mit dem bevorstehenden Brexit Wolken aufziehen.

Mehr als 165.000 Besucher zur Anuga erwartet

Zur Anuga werden laut Kölnmesse-Chef Gerald Böse in diesem Jahr wieder mehr als 165.000 Fachbesucher erwartet. 7500 Aussteller – rund 90 Prozent von ihnen aus dem Ausland – werden sich vom 5. Bis 9. Oktober in Köln präsentieren. Zur ersten Anuga in der Stadt 1924 waren es laut Böse 40.000 Besucher bei rund 360 Ausstellern. Partnerland der Fachmesse ist in diesem Jahr Paraguay. „Erstmals rückt ein südamerikanisches Land ins Blickfeld der Fachwelt“, so der Messechef.

Für die deutsche Ernährungsindustrie spielt Paraguay eine untergeordnete Rolle. Laut Christoph Minhoff exportieren Firmen Waren im Wert von 8,1 Millionen Euro in das südamerikanische Land. Die Importe aus Paraguay seine fünfmal so groß. Deutlich stärker betroffen ist die deutsche Industrie vom bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens. Minhoff:

„Bei einem harten Brexit rechnen wir mit zusätzlichen Zollkosten in Höhe von 382 Millionen Euro pro Jahr.“

Ebenfalls ein großes Thema für die Ernährungsindustrie ist der Fachkräftemangel, vor allem der fehlende Azubi-Nachwuchs. „Das ist ein wesentliches Problem und beeinträchtigt wesentlich die Produktion.“


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