Neues Logo zum Start der E-Offensive Neustart bei Volkswagen

Neues Auto, neues Logo: VW-Chef Herbert Diess treibt die Neuausrichtung des Konzerns voran.Foto: Boris Roessler/dpaNeues Auto, neues Logo: VW-Chef Herbert Diess treibt die Neuausrichtung des Konzerns voran.Foto: Boris Roessler/dpa

Frankfurt. Mit einem neuen Firmenlogo und dem ersten reinen Elektroauto will Volkswagen den Dieselskandal abschütteln und sich für die Zukunft wappnen. Doch es gibt Gegenwind.

Ein neues Modell, das schon am Vorabend enthüllt wurde. Ein neues Firmenlogo, das schon seit Wochen bekannt ist. Eigentlich kein Grund, um sich bei einer Autoausstellung auf die Füße zu treten. Doch in Halle 3 der Frankfurter Messe herrscht an diesem Dienstagmorgen Hochbetrieb. Hunderte Journalisten und Fachbesucher drängeln sich um die Bühne auf dem Volkswagen-Stand, recken dicht gedrängt Hälse und  Smartphones in die Höhe. 

Denn es geht hier auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) um mehr als ein neues Auto. Eigentlich um nicht weniger als einen Neustart von VW – und vielleicht der gesamten Branche, die seit Jahren im Krisenmodus operiert. Das oft folgenarme Versprechen einer Neuerfindung gehört zwar seit Jahrzehnten zum IAA-Standardrepertoire der VW-Bosse. Doch dieses Mal scheint es ernst zu werden. Denn mit dem ID.3 stellt die Konzernmarke Volkswagen nicht nur ein E-Auto vor, welches ausdrücklich die Branchen-Ikonen Käfer und Golf beerben soll. Zusammen mit dem neuen Logo wollen sich die Wolfsburger zudem runderneuern. Menschlicher, nahbarer, authentischer soll Volkswagen werden. Nicht Technik, sondern Menschen sollen im Vordergrund stehen. Der Stand ist in entsprechend warme Farben gehüllt. Zudem wird ein Soundlogo eingeführt: Nach fünf Tönen sagt eine warme Frauenstimme (in Deutschland die der Synchronsprecherin von Scarlett Johansson) "Volkswagen". 

Widerstand gegen Autoschau 

Denn eines ist neu: Erstmals seit der Unternehmensgründung im Jahr 1937 wird das zentrale Versprechen des bezahlbaren Individualverkehrs ernsthaft infrage gestellt. Nach Dieselgate und Klimadebatte ist die Autoindustrie in der Defensive, auch hier in Frankfurt. Vor dem Messeingang haben Demonstranten einen überdimensionalen pechschwarzen CO2-Ballon aufgestellt, mehrere Gruppen haben für das Wochenende umfangreiche Protestaktionen angekündigt. Und in diese aufgeheizte Zeit fällt eine durch einen Unfall in Berlin ausgelöste Diskussion, ob man die Sport Utility Vehicle (SUV), die aktuell größten Verkaufsschlager der Autoindustrie, aus den Städten verbannen muss. Greenpeace kritisiert, die Branche tue zu wenig – allein der VW-Konzern sei für 582 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verantwortlich. 

Aktivisten bezeichnen Autobauer als kriminell

Das Aktionsbündnis "Sand im Getriebe" will am Sonntag sogar die IAA blockieren. Man wolle ausdrücklich auch mit illegalen Aktionen das "öffentliche Leben stören" um die "kriminellen Machenschaften der Autoindustrie" zu verhindern, heißt es auf der Internetseite der Gruppe. Am Montagabend stellte sich VW-Chef Herbert Diess im Vorfeld der Messe einer "Sand im Getriebe"-Aktivistin mit dem Pseudonym Tina Velo. Velo hatte Diess im Vorfeld als "hochgradig kriminell" bezeichnet. 

Doch für den VW-Boss ist allein das Gespräch ein Erfolg, denn eigentlich verweigern die Aktivisten das Gespräch mit der Autoloby. Doch bei VW macht Velo eine Ausnahme. Der Konzern setzt mehr als die anderen etablierten Hersteller auf Elektroautos. In zehn Jahren soll beinahe jedes zweite Auto aus dem Konzern einen E-Antrieb haben. Nur so seien Klimaziele und EU-Vorgaben zu erfüllen. Andere Technologien wie Wasserstoff würden erst in zehn Jahren "interessant", sagt Diess. Auch Berührungsängste mit neuen Wettbewerbern hat VW nicht – immer wieder wird offen über den Kauf des Elektropioniers Tesla debattiert. 

Das neue Logo soll diese Beweglichkeit auch verdeutlichen: Das V und W im Kreis gerät schmal, beinahe filigran – und erinnert an die Varianten der 1960er-Jahre. Im Vergleich zum blau-weißen Vorgänger mit dem 3-D-Effekt wirkt die nicht auf eine Farbe festgelegte 2D-Variante reduziert, gleichzeitig soll es flexibler einsetzbar sein, insbesondere im Digitalen. Weltweit müssen in den kommenden Monaten etwa 70000 Logos ausgetauscht werden, auf dem markanten Markenhochhaus in Wolfsburg leuchtet es bereits seit Montagabend. Es ist auch wohl der Versuch, den Muff der Vergangenheit abzuschütteln. Das alte Logo ist eng verbunden mit Dieselgate und seinen Folgen. Das will VW hinter sich lassen: Das neue soll nicht nur im übertragenen Sinne strahlen – bei den meisten Neufahrzeugen soll es künftig beleuchtet sein.

VW-Chef: Größte E-Offensive der Autoindustrie

Das beeindruckt die Kritiker nicht: Velo wirft Diess vor, immer mehr schwere SUV-"Stadtpanzer" auf den Markt zu werfen. Der kontert: "Ja, wir bauen SUVs. Aber wir brauchen deren Gewinne, um in die Zukunft investieren zu können". Während die Aktivistin die Autos vor allem in den Städten "zurückdrängen" will, sieht der VW-Chef auf Dauer keinen Widerspruch zwischen Auto und Umwelt. "Die Menschen müssen nicht auf Wohlstand und Komfort verzichten. Davon bin ich überzeugt", sagt er. "Wir glauben, dass das Auto in der neuen Welt noch eine große Zukunft hat", sagt Diess. Und diese Zukunft ist für VW elektrisch. Mehr als jeder andere große Hersteller setzt der Konzern auf Elektroautos. 

Der ID.3 ist für Diess deswegen "mehr als ein neues Modell". "Das ist das Auto, das von uns jetzt erwartet wird", sagt er. Ein "entscheidender Moment" sei dies, sagt Diess. Der ID.3 soll der Anfang eines "Modellfeuerwerks" auf Basis des Modularen E-Antriebs-Baukastens (MEB) werden, verspricht Volkswagen-Markenchef Ralf Brandstätter. Er spricht vom "Start der größten Elektrooffensive der Automobilindustrie". Und auch die anderen Konzernmarken machen mit: Neben Volkswagen feiert Porsche den Produktionsstart des Taycan, gegenüber zeigt Audi mit dem AI:Trail quattro die Studie eines elektrischen Offroaders, der aussieht wie ein futuristisches Mondfahrzeug. 

Eine Branche unter Druck

Die glänzenden Visionen können aber nicht über die Sorgen der Branche hinwegtäuschen: Der Umstieg auf neue Antriebe und die schwache Autokonjunktur kostet Milliarden und auch wohl zehntausende Arbeitsplätze. Viele Hersteller sparen sich in diesem Jahre den teuren Stand auf der IAA, ganze Hallen bleiben leer. Und bei den Zulieferern ist die Stimmung gedrückt: Der Vorstandschef des hannoverschen Zulieferers Continental, Elmar Degenhart, spricht am Rande der Messe von möglichen "betriebsbedingten Kündigungen", die man als letztes Mittel nicht ausschließen könne. 

Und Diess warnt, dass das E-Auto für breite Käuferschichten zu teuer werden könnte und mahnt bei der Politik Subventionen an. "Gerade kleinere Autos, die elektrifiziert werden, sind in Zukunft überdurchschnittlich teuer", sagt er. Es brauche also den Staat, damit Volkswagen auch weiter Autos für die breite Masse anbieten kann.   


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