Zum Start der IAA in Frankfurt ADAC-Präsident im Interview: Das E-Auto ist kein Allheilmittel

Seit 2014 steht August Markl als Präsident an der Spitze des ADAC. Mit aktuell 21 Millionen Mitgliedern ist der Club der größte Verein Deutschlands. Foto: Andreas Gebert/dpaSeit 2014 steht August Markl als Präsident an der Spitze des ADAC. Mit aktuell 21 Millionen Mitgliedern ist der Club der größte Verein Deutschlands. Foto: Andreas Gebert/dpa

Osnabrück. Zum Start der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) warnt ADAC-Präsident August Markl davor, im E-Auto ein „Allheilmittel“ für die Mobilität der Zukunft zu sehen. Auch klassische Verbrenner könne man „sehr wohl emissions- und verbrauchsarm weiterentwickeln“, erklärte Markl. „Das kostet Geld, aber es ist möglich“, sagte er im Interview mit unserer Redaktion. Von den Herstellern wünscht sich Markl „keine Utopien“, sondern realistische, umweltfreundliche Modelle.

Herr Markl, die jetzt startende IAA widmet sich der Zukunft der Mobilität. Durch die Bank setzen die Hersteller auf E-Mobilität. Ist das klug? 

Es ist vor allem wichtig, dass wir Gesundheit, Umwelt und Mobilität in Einklang bringen. Dabei kann die E-Mobilität eine Rolle spielen. Aus unser Sicht ist die Fokussierung auf die E-Mobilität aber nur bedingt zu rechtfertigen. Wir müssen die Herausforderungen von der Produktion der Batterien bis zur Entsorgung vollständig im Blick behalten, dazu gehört auch ein kritischer Blick auf die Gewinnung von Rohstoffen für den Batteriebau, zum Beispiel Kobalt. In der Konsequenz bedeutet das aber auch: Wir sollten über Alternativen wie Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe nachdenken und auch darüber sprechen.

Sehen Sie im E-Auto also eher nicht die Zukunft?

Aus meiner Sicht ist das E-Auto für die Antriebswende ein wesentlicher Baustein. Aber es ist kein Allheilmittel. Der ADAC ist weiterhin technologieoffen. Es kann sein, dass es noch ganz neue Methoden geben wird, um ökologischer zu fahren.

Die Zahl der E-Autos wächst, doch mit Preisen ab etwa 30.000 Euro sind sie längst nicht für jeden erschwinglich. Ist E-Mobilität etwas für Besserverdienende?

Im Moment möglicherweise ja.

Wie könnte man das ändern?

Es müsste ein breiteres Fahrzeugangebot geben. Und die Lieferzeiten müssten wesentlich zurückgehen. Und natürlich müssten die Fahrzeugpreise sinken. Das geschieht aber wohl erst, wenn die Nachfrage die Preise sinken lässt. Im Moment sind E-Autos ja noch deutlich teurer als vergleichbare Benziner- und Diesel-Modelle. Bei einer Umfrage unter unseren Mitgliedern sagten diese: Natürlich möchten wir gern ökologisch fahren. Aber es kann nicht sein, dass das dann um das Eineinhalbfache teurer ist.

Müsste man E-Mobilität noch stärker staatlich fördern?

Es gibt ja bereits zahlreiche Förderungen für die Ladeinfrastruktur und auch für die Fahrzeuge. Auch die Vorteile in der Dienstwagenbesteuerung sind sicher ein starker Hebel. Ich glaube aber, dass die breitere Nutzung der E-Mobilität nicht nur an finanziellen Hürden scheitert, sondern an praktischen Problemen. Das zeigen auch unsere Untersuchungen. Zum Beispiel ist das Laden der Autos in privaten Tiefgaragen noch viel zu selten möglich. Das ist ein riesiges Thema. Den Gesetzgeber würde es kein Geld kosten, wenn er hier die Rahmenbedingungen anpassen würde, aber gerade im urbanen Bereich hätte das sicher eine deutlich positive Wirkung. Die Voraussetzungen für einen Einbau von Lademöglichkeiten könnten vereinfacht werden, dann würden auch mehr Leute mitziehen. Abgesehen davon müssen die Fahrzeuge natürlich auch alltagstauglicher werden.

Viele würden ja gern den öffentlichen Nahverkehr stärker nutzen, doch gerade in ländlichen Gegenden wurde dieser massiv ausgedünnt. Ein Fehler?

Wenn wir insgesamt weniger Autos wollen, müssen wir für einen besseren Nahverkehr sorgen. Insofern: Ja, so betrachtet war das Ausdünnen natürlich ein Fehler. Es braucht ein besseres Angebot von Bus und Bahn. Man darf auch nicht vergessen: Es gibt auch Menschen, die nicht mehr Auto fahren können, in der Stadt, aber auch im ländlichen Raum. Auch sie müssen versorgt werden und mobil bleiben. Dank Smartphone und Internet sind heute allerdings wesentlich flexiblere Angebote für die Kunden auf dem Land möglich als früher. Das birgt auch Chancen.

Vor allem in Großstädten setzen viele auf Sharing-Angebote. Gerade junge Leute wollen sich vielfach gar kein eigenes Auto mehr anschaffen. Hat das Privatauto ausgedient?

Auf dem Land sehen wir das nicht, dort sind Sharing-Angebote auch nicht verfügbar, so dass das Auto zurzeit tatsächlich alternativlos ist. Und in Großstädten müssen Sharing-Angebote wirklich attraktiv sein, sonst werden sie auch dort nicht dauerhaft genutzt. Für Auszubildende oder Studenten, die in der Stadt leben, ist das Auto nicht unbedingt nötig, das stimmt. Doch spätestens, wenn sie ins Berufsleben wechseln, wenn sie eine Familie gründen, wenn sie Kinder zur Schule bringen oder zu einem fixen Zeitpunkt Termine an einem bestimmten Ort einhalten müssen, wird das Auto sehr attraktiv. Für jemanden, der flexibel sein muss und der sich auch viel außerhalb von Innenstädten bewegt, geht es nicht ohne Auto.

Würden Sie heute noch jemandem zuraten, einen klassischen Verbrenner zu kaufen?

Ein aktueller Test von uns hat gezeigt: Einen Verbrennungsmotor kann man sehr wohl emissions- und verbrauchsarm weiterentwickeln. Das kostet Geld, aber es ist möglich. Langfristig müssen wir uns aber vermutlich von den klassischen Verbrennern, die fossile Brennstoffe nutzen, verabschieden. Möglich ist aber, dass Wasserstoff oder andere synthetische Kraftstoffe Benzin und Diesel ablösen. Was klar ist und was wir auch immer wieder postulieren: Bis 2050 muss der Verkehrsbereich vollständig CO2-neutral sein. Je eher wir die Möglichkeiten ausloten, das hinzubekommen, desto besser.

Umweltaktivisten warnen vor dem E-Auto, es sei keineswegs besonders umweltfreundlich. Diese Kritiker verweisen auf die problematische Herstellung und Entsorgung der Batterien, auch käme der benötigte Strom häufig aus wenig umweltfreundlichen Energiequellen. Ist da was dran?

Auf diese Probleme weisen wir auch hin. Solange man nicht weiß, wie der Strom, der vorne aus der Steckdose herauskommt, hinten hineinkommt, so lange ist es sicher problematisch. Im Herbst werden wir eine neue Klimastudie veröffentlichen. Ohne zu viel zu verraten, kann ich schon jetzt sagen: Die Ergebnisse zeigen, die Treibhausbilanz der E-Autos ist nicht die beste. Der Strommix muss besser werden, also der Anteil der Erneuerbaren Energien weiter steigen. Wenn irgendwann alles stimmt, also vom Bau der Batterie über deren Entsorgung und bis zur Stromerzeugung, dann erst können wir sagen, dass die Vorteile der Elektromobilität überwiegen. Aber an dem Punkt sind wir noch nicht.

E-Mobilität ist nicht frei von Problemen: "Solange man nicht weiß, wie der Strom, der vorne aus der Steckdose herauskommt, hinten hineinkommt, so lange ist es sicher problematisch", sagt ADAC-Präsident August Markl im Interview. Foto: ADAC/Peter Neusser

Auch das Ladenetz für die E-Autos lässt zu wünschen übrig. Was muss hier passieren?

Es gibt zwei Ladepunkte, die am meisten gebraucht werden, der eine ist zu Hause, der andere beim Arbeitgeber, denn hier stehen die Autos die längste Zeit. Genau da müssen wir ansetzen und Verbesserungen erreichen und beispielsweise das Laden in privaten Tiefgaragen ermöglichen. Für längere Distanzen mit dem E-Auto braucht es zusätzlich Schnellladesäulen. Davon gibt es bisher deutlich zu wenig. Es kann nicht sein, dass man jedes Mal eine lange Pause machen muss, um das Auto ein bisschen aufzuladen. Das muss schneller gehen.

Deutschland diskutiert nicht nur über Umweltschutz und Energiewende, sondern auch über eine CO2-Abgabe. Hintergrund sind scharfe Grenzwerte, die die EU beschlossen hat. Ist eine solche Abgabe eine gute Idee?

Für uns als ADAC ist es wichtig, dass Mobilität bezahlbar bleibt. Zugleich müssen die CO2-Emissionen reduziert werden. Das darf sich gegenseitig nicht ausschließen. In der Diskussion um die CO2-Pepreisung haben wir die im Blick, die besonders betroffen wären, sprich die Verbraucher, insbesondere die Pendler. Sie stark zu belasten, halten wir für nicht fair und auch nicht für zielführend.

Was wäre dann ein Weg?

Sinnvoll wäre aus Sicht des ADAC eine Reform der Kfz-Steuer, die aus Verbrauchersicht planbar, moderat und verlässlich sein muss. Denkbar wäre zum Beispiel, dass sich für neue Pkw die Höhe der Kfz-Steuer ausschließlich an den CO2-Emissionen des Fahrzeuges orientiert.

Der schlechte Zustand der Straßen wird seit Jahrzehnten beklagt, ändern tut sich wenig. Was macht die Politik falsch? Würde hier eine spezielle Abgabe etwas bringen?

Inzwischen hat auch die Politik verstanden, dass die Straßeninfrastruktur über Jahrzehnte kaputtgespart wurde. Man hat in der Vergangenheit viel zu wenig investiert. Interessanterweise fehlt es im Moment nicht an Geld, es steht genug zur Verfügung. Das Problem: Es fehlt an Kapazitäten bei den Baubehörden, bei den Planern und bei den Baufirmen. Hätte man früher reagiert und die Aufgaben sukzessive abgearbeitet, wären die Probleme heute leichter zu bewältigen. Jetzt aber haben wir ein akutes Problem, das sich nicht so schnell lösen lässt. Weitere Abgaben helfen da nicht weiter. Und sie sind auch unnötig: Schon jetzt ist das Steueraufkommen des Straßenverkehrs weit, weit höher als alle Ausgaben für den Straßenbau zusammen. Weitere Abgaben würden die Situation nicht verbessern, das Nadelöhr liegt woanders. Wichtig ist jedoch, dass das Geld, das da ist, zielgerichtet ausgegeben wird.

Der ADAC hat derzeit rund 20 Millionen Mitglieder…

Ich darf eine ganz diskrete Korrektur anbringen: Seit August haben wir 21 Millionen Mitglieder.

Verzeihung, 21 Millionen. Eine stattliche Zahl. Kann man sagen, dass damit der größte Verein Deutschlands nun aus seiner Krise der vergangenen Jahre heraus ist?

Das hoffe ich sehr. Zumindest haben wir viel aus der Krise gelernt. Sie ist ja auch schon eine gute Zeit vorbei. Die Menschen haben uns immer vertraut. In der Krise hat dieses Vertrauen allerdings einen Knick bekommen. Jetzt sind wir wieder nahezu auf dem Wert, den wir auch vorher hatten. Dafür haben wir hart gekämpft, denn das Wichtigste sind für uns die Mitglieder und ihr Vertrauen. Ich denke, dass wir Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückgewonnen haben.

Die Fassade der Deutschland-Zentrale des ADAC in München (Oberbayern). Nach der großen Krise in den Jahren 2014 und 2015 hat sich der Verein einer umfassenden Strukturreform unterzogen, der Autopreis "Gelber Engel" wurde abgeschafft. Aktuell steigen die Mitgliederzahlen des Clubs. Foto: Peter Kneffel/dpa

Auch die Art der Mobilität Ihrer Mitglieder ändert sich. Immer mehr können sich vorstellen, das Auto öfter mal stehen zu lassen, andere setzen auf das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel. Muss sich der Club – der immerhin das Wort Automobil enthält – bald umbenennen?

Wir sind schon länger wesentlich mehr als ein Autofahrer-Club. Denken Sie an das Knowhow zum Thema Reisen. Wir verstehen uns als Mobilitätsclub, als Mobilitätshelfer, aber auch als Verbraucherschützer. Der Ursprung und das Herz des ADAC ist das Thema Helfen. Das ist sichtbar in der Pannenhilfe, aber auch in vielen anderen Bereichen. Wir beraten unsere Mitglieder, helfen ihnen ganz praktisch und entwickeln unsere Angebote weiter. Recht neu ist zum Beispiel unser Schlüsseldienst. Den Namen ADAC aber werden wir trotzdem nicht ändern, der ist unsere Marke.

Was halten Sie vom Trendgefährt E-Scooter? Wird er unsere Mobilität nachhaltig ändern?

E-Scooter sind emissionsfrei und eine junge, moderne Form der Mobilität. Bei Kurzstrecken können E-Scooter Autos sicherlich ersetzen. Für den Weg zum Bäcker muss man wirklich nicht das Auto nehmen, da bieten sich E-Scooter oder das Fahrrad eher an. Die Zunahme der E-Scooter ist jedoch auch mit Schwierigkeiten verbunden. Sie darf zum Beispiel nicht dazu führen, dass die Sicherheit leidet. Es gibt zum Beispiel schmale und schlechte Radwege, hier kann es schwierig werden. Auch fehlende Rücksichtnehme oder mangelnde Übung der E-Scooter-Fahrer können die Sicherheit gefährden und Unfälle begünstigen. Das darf nicht sein. Im Moment sind wir da an einem Scheideweg. Wir müssen schauen, wie sich das entwickelt. Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht Leute erst geschult werden müssen, bevor sie auf die E-Scooter steigen.

Selbstfahrende Autos sind ebenfalls eine Zukunft, die näher rückt, die Technik dazu schreitet fort und fort. Die Ethikkommission, in der Sie mitgearbeitet haben, hat Leitlinien dafür entwickelt, aber auch vor einer Totalüberwachung des Menschen durch rundum vernetzte Fahrzeuge gewarnt. Müssen Autofahrer tatsächlich Angst vor einer solchen Überwachung haben?

Wichtig ist die Wahlfreiheit des Verkehrsteilnehmers, er muss weiterhin selbstständig im Straßenverkehr unterwegs sein können. Was aber ebenfalls wichtig ist, dass der fahrerlose Verkehr von einer geeigneten Leitstelle disponiert und überwacht wird. Das kennen wir vom Flugverkehr, von der Eisenbahn oder dem Taxi. Wir werden ähnliche Leitstellen brauchen für den fahrerlosen Verkehr. Allerdings muss die informationelle Selbstbestimmung desjenigen, der im Pkw sitzt, gewahrt bleiben. Dafür sorgen schon jetzt unsere strengen Datenschutzgesetze, und dabei soll es auch bleiben.

Auch der ADAC digitalisiert sich und entwickelt sich technisch weiter. Apps leiten die Pannenhelfer zum Einsatzort, ganz ohne Telefonanruf. Wird es die Notrufsäulen bald nicht mehr geben?

Das ist eine Frage, die wir uns tatsächlich seit einigen Jahren stellen. Wer heute eine Panne hat, zieht sein Smartphone aus der Tasche und ruft den ADAC an oder die Polizei. Unsere Pannenhilfe-App ist noch einfacher, die funktioniert auch ohne Anruf, zugleich wird der Standort per GPS übermittelt, auch ihre Telefonnummer haben unsere Mitglieder dort bereits hinterlegt. Dennoch muss man die Notrufsäulen beibehalten als eine Art Sicherheitsnetz. Es kann ja sein, dass der Handy-Akku leer oder das Netz weg ist. Dann hätte man keine Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Für diese Fälle sind die Säulen dann doch unverzichtbar.

Seit Jahrzehnten zentrales Betätigungsfeld des ADAC: die Pannenhilfe. Foto: Harry Melchert/dpa

Die IAA steht vor der Tür, auch Sie sind vor Ort. Was wünschen Sie sich, dort zu sehen?

Ich hoffe am meisten darauf, dass die Hersteller für die Mobilität der Zukunft geeignete Fahrzeuge zeigen werden und dass sie diese dann auch auf den Markt bringen. Also keine Utopien, sondern Modelle, von denen man sagen kann: Ja, damit kann ich schon bald ökologisch fahren, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Das würde ich mir wirklich wünschen.

Und, wird Ihr Wunsch in Erfüllung gehen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.


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