Im Gespräch mit HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth Handel: Ladesäulen können Attraktivität der Innenstädte fördern

Ladesäulen im Einzelhandel wie hier bei Discounter Lidl sind für HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth eine Möglichkeit, das Ladenetz in Deutschland schnell auszubauen. Auch für die Attraktivität von Innenstädten sieht Genth hier Potenzial. Foto: Lidl/LIDL/obs |Ladesäulen im Einzelhandel wie hier bei Discounter Lidl sind für HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth eine Möglichkeit, das Ladenetz in Deutschland schnell auszubauen. Auch für die Attraktivität von Innenstädten sieht Genth hier Potenzial. Foto: Lidl/LIDL/obs |

Berlin. Ladesäulen für E-Autos werden auf neuen Parkplätzen unter anderem im Handel bald Pflicht sein. Für Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), ist das eine Möglichkeit, das Ladenetz schnell auszuweiten - allerdings fehlt die Förderung. Was können Ladesäulen für die Attraktivität von Innenstädten bedeuten?

Herr Genth, die E-Mobilität kommt in Deutschland nicht richtig aus den Kinderschuhen. Nächstes Jahr im März tritt eine Regelung in Kraft, nach der unter anderem auf Handelsparkplätzen mit mehr als zehn Stellplätzen ein Ladepunkt zur Verfügung stehen muss. Sehen Sie den Aufbau einer Ladestruktur als Aufgabe des Handels?

Wir haben heute einen relativ kleinen Anteil von E-Fahrzeugen auf der Straße. Das liegt unseres Erachtens auch an der fehlenden Infrastruktur – in einer Hauptstadt wie Berlin genauso wie in ländlichen Regionen wie dem Emsland. Dennoch ist es paradox, den Handel per Gesetz dazu zu zwingen, Ladepunkte aufzustellen und sie zu finanzieren, obwohl es kein Geschäftsmodell dafür gibt – auch in fünf Jahren noch nicht. Wir verkaufen Möbel, Lebensmittel etc., aber keine Autos.

Dennoch bieten die bundesweit mehr als 40.000 Parkplätze von Supermärkten und dem Einzelhandel eine Chance, dem Ziel der Bundesregierung, bis 2020 100.000 öffentliche Ladesäulen aufzustellen, einen Schritt näher zu kommen. Aktuell sind es in Deutschland gerade mal 16.000, 2000 davon im Handel. Durch das Potenzial an Parkplätzen könnte der Handel in sehr kurzer Zeit eine Ladeinfrastruktur in ganz Deutschland garantieren und damit einen erheblichen Beitrag zur CO2-Einsparung und zur Umwelt leisten.

Die Infrastruktur hätten Sie auch in den vergangenen Jahren schon aufbauen können. Warum hat es der Handel nicht getan?

Das Problem ist die Förderung. Obwohl die Förderrichtlinie es eigentlich zulassen würde, werden Ladesäulen im Handel oftmals nicht gefördert, da sie nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden zur Verfügung stehen. Das liegt daran, dass gerade in Wohngebieten Parkplätze beschrankt sein müssen. Für eine Ladesäule müsste der Händler einmalig rund 30.000 Euro investieren. Hinzu kommen noch einmal rund 10.000 Euro pro Jahr für den Betrieb und den Strom, der heute aufgrund der komplizierten Abrechnung umsonst an die Fahrzeuge abgegeben wird – egal, ob der Händler ihn zum gleich Preis wie der Privatverbraucher aus dem Netz bezieht, oder Strom einer eigenen Photovoltaik-Anlage verwendet, auf den er paradoxerweise aber auch EEG-Umlage zahlen muss. Statt einer EEG-Umlage, mit der sich die Politik völlig verrannt hat, könnten wir uns eine CO2-Bepreisung vorstellen. Wir brauchen hier ein neues System.

Werden die öffentlichen Ladesäulen des Handels überhaupt genutzt. Auf den Supermarktplätzen scheint der Platz – wenn vorhanden – notorisch frei zu sein…

Ja, sie werden genutzt. Die großen Einzelhändler vom LEH bis zum Möbelhandel spielen uns das zurück. Beim Möbelmarkt stehen die Fahrzeuge etwas länger, im LEH kürzer. Das liegt auch an den Einkaufsgewohnheiten. Die Fahrer von E-Autos planen diese Stopps mit ein. Insofern ist eine E-Ladesäule heute eher eine Marketingmaßnahme als dass damit Geld verdient wird.

Gehen wir davon aus, das Interesse an Elektromobilität nimmt zu und es kommen mehr Fahrzeuge auf die Straße. Sind die Netze – auch beim Handel – überhaupt auf die zusätzliche Kapazität ausgelegt?

Nein, und das ist das nächste Problem. Örtliche Stromnetzanbieter sind momentan gar nicht bereit, Ladepunkte zu unterstützen, da die Netzverfügbarkeit nicht gewährleistet werden kann. Die Anträge unserer LEH-Betreiber dauern mitunter unheimlich lange oder werden nicht beantwortet. Das ist übrigens auch bei der Umsetzung der EU-Richtlinie ein Problem. Sie verpflichtet den Handel zum Aufbau von Ladesäulen. Was macht es für einen Sinn, Ladepunkte zu bauen, die dann nicht angeschlossen werden können, weil die Netzverfügbarkeit nicht da ist?

Verspricht sich der Handel durch die längere Verweildauer auch mehr Umsätze?

Nein, die Erfahrung zeigt, dass der Umsatz nicht steigt, die Kunden kaufen nicht mehr. Allerdings stehen unsere Händler täglich und permanent im Wettbewerb zueinander. Da zu bestehen und Kunden zu binden, kann ein Argument für eine Ladesäule sein.

Sie haben eben von Kundenbindung gesprochen. Die will der Handel auch in den Innenstädten. Können Ladesäulen die Attraktivität fördern?

Ja natürlich, das ist eine Maßnahme, ebenso wie die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs. Wir wollen weiterhin vitale Innenstädte und Ortszentren – nicht nur in 1A-Lagen, sondern auch die Stadtbezirke sind wichtig. Der Handel wird in den Innenstädten von morgen weiterhin eine wesentliche Rolle spielen. Das müssen aber auch die Stadtplaner mitdenken. Wir brauchen attraktive Standorte. Da ist etwas mehr notwendig als den Handel zu bitten, seine Geschäfte attraktiv zu halten.

Wenn man über die Attraktivität von Innenstädten spricht, ist man schnell beim Thema Digitalisierung und E-Commerce.

Richtig, mehr als 50 Milliarden Euro werden pro Jahr über das Internet umgesetzt. Der hybride Kunde wird jedoch zur Normalität. In Zukunft wird es gar nicht mehr möglich sein, genau zuzuordnen, wo der Kauf ausgelöst wurde.

Entsprechend ist es für uns wichtig, dass die Digitalisierung auch in den Geschäften stattfindet. Hier bewegt sich der Rechtsrahmen der neuen E-Privacy-Verordnung in die falsche Richtung. Statt zu erreichen, dass der Handel digitaler unterwegs ist, wird das Korsett an Verbraucher- und datenschutzrechtlichen Vorschriften enger. Wir sprechen uns nicht gegen Datenschutz aus, einiges hat jedoch mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun.

Inwiefern?

Digitale Serviceangebote für den Kunden werden zum Beispiel durch die Cookie-Richtlinie eingeschränkt. Schon heute wäre es möglich, Kunden im Laden Produktinformationen, Gutscheine, Sonderangebote oder Ähnliches auf sein Smartphone zuschicken. Cookies, die dafür notwendig sind, muss der Kunde jedoch jedes Mal zwingend zustimmen. Doch wer klickt im Laden jedes Mal? Das ist weltfremd.

Auf der anderen Seite sind große Plattformanbieter mit ihren „Club“-Lösungen unterwegs. Hier stimmt der Verbraucher schon bei Anmeldung allem zu. Wenn die Richtlinie so kommt, wäre es ein Rückschritt für den Mittelstand.

Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge wünschen sich Kunden mehr deutsche Plattform-Alternativen wünschen. Ist das ein Thema für den Handel?

Plattformen haben heute eine hohe Bedeutung, sie sind der Flaschenhals zum Endverbraucher. Entsprechend sind sie ein großes Thema für den Handel, ohne sie ist es schwierig, in Internet sichtbar zu sein. Sie sind jedoch Fluch und Segen zugleich. Insbesondere mit Blick auf Anbieter wie Amazon, die Plattform und Händler zugleich sind und damit in Konkurrenz zu den Plattformnutzern treten. Da ist es richtig, dass die EU-Kommission und das Kartellamt zurzeit untersuchen, ob Plattformbetreiber, die auch ein eigenes Geschäft haben, die Informationen aus dem Plattformgeschäft auch für das eigene Geschäft nutzen. Wenn das der Fall wäre, wäre es wettbewerbswidrig.

Gibt es denn Alternativen zu den Großen?

Viele unserer Unternehmen bauen mittlerweile eigene Plattformen. Die Frage ist, ob der Verbraucher sie annimmt und wahrnimmt. Das kann weder die Bundesregierung noch der Handel entscheiden, sondern es hängt davon ab, wie attraktiv die Angebote sind und wie stark sie im Netz sichtbar werden. Wir werden nie ein deutsches Amazon bauen können, dafür wäre der Marketingaufwand viel zu groß. Wichtig ist daher, dass der Verbraucher erkennt, welchen Nutzen er wo hat, auch beim Thema Datenschutz. Daten sind die neue Währung und viele der vermeintlich kostenlosen Angebote werden mit den Daten erkauft. Da haben wir im Handel einen Vorteil, weil wir unsere Daten nicht an Dritte weitergeben.

Wie sieht für Sie die Innenstadt der Zukunft aus?

Viele Städte stehen vor einem Verkehrsinfarkt, wie die Ein- und Auspendlerquote so hoch ist. Um dem entgegenzuwirken und Innenstädte attraktiver zu machen, muss ein Fokus auf das mobile Arbeiten gelegt werden. Ein Blick auf die Innenstädte selbst – egal welcher Größe – wird einen interessanten Mix aus Wohnen, Handel, Dienstleistung, Kultur und Gastronomie, aber auch die Produktion zeigen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Handwerk und der 3D-Druck für personalisierte Produkte sind zwei Bereiche, die in die Innenstadt geholt werden könnten.

Früher wurde die Produktion bewusst aus den Innenstädten verlagert.

Ja, das ist etwas paradox. Wir haben früher Gewerbehöfe in der Stadt gehabt – heute geht die Entwicklung wieder dahin zurück. In einer Stadt ist eine Nutzungsdurchmischung wieder nötig. Eine Rolle rückwärts in die Zukunft quasi. Natürlich wird es hier Gewinner und Verlierer geben. Im ländlichen Raum wird es wichtig sein, die richtigen Angebote zu machen und eine sehr gute digitale Infrastruktur zu schaffen. 5G an jeder Milchkanne ist zwingend erforderlich.


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