Weiche Kriterien werden wichtiger Das liebe Geld ist für Führungskräfte nicht alles

Nicht nur Zählbares spielt in Einstellungsgesprächen eine Rolle. Fach- und Führungskräfte achten vermehrt auf "weiche Faktoren" wie Freizeitangebote und flexible Arbeitszeitmodelle. Foto: dpaNicht nur Zählbares spielt in Einstellungsgesprächen eine Rolle. Fach- und Führungskräfte achten vermehrt auf "weiche Faktoren" wie Freizeitangebote und flexible Arbeitszeitmodelle. Foto: dpa
Lino Mirgeler

Hasbergen/Rieste. Das liebe Geld oder ein Dienstwagen seien das eine, sagt Amazone-Personalchef René Hüggelmeier und nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das andere sind die weichen Faktoren, sie gewinnen immer mehr an Bedeutung“, wenn Unternehmen an Ems und Hase Fachkräfte verpflichten möchten.

Es gehe in den Vertragsverhandlungen dann um Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für den Arbeitnehmer, um Freizeitangebote, Gesundheitsmanagement im Betrieb, flexible Arbeitszeitmodelle oder auch mobiles Arbeiten, so der Personalleiter der Amazonen-Werke – eines großen Landmaschinenherstellers aus Hasbergen-Gaste an der niedersächsisch-westfälischen Landesgrenze.

Den Begriff von der Work-Life-Balance hat Hüggelmeier „inzwischen in Work-Life-Integration abgewandelt“, um zeigen, wo die Herausforderung bei der Personalrekrutierung für die Unternehmen liege. Auch der Charakter des gegenseitigen Kennenlernens und der Vorstellungsgespräche habe sich verändert, so der Personalleiter. Es gebe das klassische Auswahlverfahren von früher nicht mehr, als die Zahl der Bewerber die Zahl der ausgeschriebenen Stellen deutlich übertraf. Heute müsse sich der Arbeitgeber mit seinen Angeboten zeigen und dem Arbeitnehmer werbend präsentieren, erklärt Hüggelmeier. „Ich spreche so etwas immer an“, unterstreicht er mit den Blick auf besagte weiche Faktoren. In den Vorstellungsrunden würden beide Seiten dann zudem schauen und ein Grundgefühl dafür entwickeln, „ob man zueinanderpasst“.

Mittelständler punkten mit flachen Hierarchien

Mittelständische Unternehmen hätten auch „den großen Vorteil flacher Hierarchien, sodass in der Regel Entscheidungen schneller und für die MitarbeiterInnen transparenter und nachvollziehbarer getroffen werden“, ergänzt Stefan Kotte, der Geschäftsführer der gleichnamigen Landtechnik-GmbH aus Rieste. „Diese Schnelligkeit und Transparenz“, mit der er auch werbe, biete gegenüber großen Unternehmen „einen nicht zu unterschätzenden Zufriedenheitsvorteil“, sagt Kotte, da in nicht wenigen Großunternehmen „häufig eine ,organisierte Verantwortungslosigkeit‘ vorherrscht“. Die stets offene Tür des Chefs sei ein Bild, welches diesen Zufriedenheitsvorteil versinnbildliche, so der Firmenchef.

Etabliert haben sich bei Kotte in Rieste aber auch ein betriebliches Vorschlagswesen („Jeder Mitarbeiter kann Verbesserungsvorschläge unterbreiten“) und regelmäßige Befragungen der Arbeitnehmer nach deren Zufriedenheit.

Während Kotte und Hüggelmeier am Ende in der Regel noch Fachkräfte für ihre Unternehmen finden, ist das bei Anton Harms inzwischen offenbar anders. Die Alfsee GmbH nördlich von Bramsche zahle „einen ganzen Batzen mehr als andere in der Gastronomie-Branche, sogar mehr als im Harz“, doch der Fachkräftemangel habe die Region voll erwischt, so der Tourismus-Fachmann.

Zum halben Preis in die Sauna

„Wir bieten neben dem Gehalt an, dass die Beschäftigten unseres Hotels zu bestimmten Uhrzeiten den Fitnessraum des Hauses kostenlos mitnutzen können“, erläutert Alfsee-GmbH-Geschäftsführer Harms, „in unsere Wellness-Sauna können die Mitarbeiter zum halben Preis. Auch ein tägliches Mittagessen gibt es für den, der möchte, deutlich vergünstigt.“ Dazu organisiere man als Arbeitgeber ggf. für Angestellte von außerhalb preiswertere Wohnmöglichkeiten in Arbeitsplatznähe. Das alles überzeuge aber kaum Menschen, in der Gastronomie oder im Hotelsektor arbeiten zu wollen, sagt Harms. Schon gar nicht in ländlichen Regionen. „In ganz Deutschland sind 2,3 Mio. solcher Stellen, die keines akademischen Abschlusses bedürfen, unbesetzt“, fügt der Alfsee-Manager hinzu.

Nicht weit entfernt vom Freizeit- und Erholungsgebiet hat auch Uwe Schumacher seine Büroräume. Er zeichnet für die Niedersachsenpark GmbH verantwortlich und verhandelt nicht direkt mit den inzwischen mehr als 2500 Beschäftigten in den mehr als 60 Betrieben des interkommunalen Gewerbegebietes an der A 1. Doch Schumacher kennt aus zahlreichen Gesprächen mit den Firmenbossen – vor allem bei Grundstücksverhandlungen – sehr genau deren Interessen bzw. Wünsche. „Sie fragen vor einem Kauf und einer Ansiedlung zum einen nach verfügbarem Personal in der Region“, zum anderen wollen sie aber auch etwas zum Wohnungsbau, Schul- und Kindergartenplätzen in den umliegenden Gemeinden oder dem verfügbaren ÖPNV-Angebot hören. Die soziale Infrastruktur im Umland von Rieste und Neuenkirchen-Vörden spiele für nicht wenige Unternehmen im Niedersachsenpark eine bedeutende Rolle, so Schumacher. Damit wollten die Betriebe in ihren eigenen, späteren Verhandlungen mit Fachkräften oder Führungspersonal punkten – und diese zur Vertragsunterschrift bewegen.

In den Gesprächen mit den begehrten Arbeitskräften bleibt den allermeisten Unternehmen laut René Hüggelmeier übrigens nur sehr wenig Zeit. Die „Time-to-hire“-Phase gelte es kurz zu halten, bestätigt der Personalleiter der Amazonen-Werke. Eine möglichst rasche Einigung sei gefragt. Das sei in Zeiten des Fachkräftemangels wichtig, ansonsten greife der Kandidat woanders zu – und sei damit beispielsweise für Hüggelmeiers Landmaschinenunternehmen verloren.


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