Umsätze wachsen Sneaker: Ein Trend auf leisen Sohlen

In Läden wie Snipes oder Footlocker finden Sneakerfans eine große Auswahl an Schuhen. Verkäufer Clinsman Nana Sai in der Osnabrücker Snipes-Filiale präsentiert ein Paar Jordans von Nike. Foto: Manuel GlasfortIn Läden wie Snipes oder Footlocker finden Sneakerfans eine große Auswahl an Schuhen. Verkäufer Clinsman Nana Sai in der Osnabrücker Snipes-Filiale präsentiert ein Paar Jordans von Nike. Foto: Manuel Glasfort 

Osnabrück. Früher sah man Turnschuhe hauptsächlich in Sporthallen oder auf Tennisplätzen, heute sind Sneaker allgegenwärtig. Spezielle Sneakerläden sprießen überall aus dem Boden, Sammler zahlen für Sondereditionen horrende Preise - und selbst zu feierlichsten Anlässen greift mancher zu seinem Lieblingssneaker. Was hat es mit dem Trend auf sich?

Ein Spaziergang durch die Innenstadt einer beliebigen deutschen Großstadt lässt keinen Zweifel: Sneaker liegen voll im Trend. Modische Sportschuhe in allen erdenklichen Farben und Formen, werden von jung und alt, Männlein wie Weiblein getragen. Bequem, schick und vielseitig - diese Attribute haben den Sneaker zum Erfolgsprodukt in der Modewelt gemacht, ist sich Claudia Schulz sicher, Trendexpertin beim Deutschen Schuhinstitut in Offenbach. Sie glaubt: 
"Insgesamt ist der Sneaker ein Phänomen, das niemals wieder weggehen wird. Das ist vergleichbar mit der Jeans."

Ebenso wie die Jeans sei der Sneaker praktisch, bequem und ideal auf Reisen. Auch für die ältere Kundschaft hat die Industrie inzwischen spezielle Modelle im Angebot, wie Schulz erläutert. „Dadurch dass der etwas bullige, sogenannte Ugly Sneaker so trendy ist, hat sich die Komfortschuhindustrie dieses Themas angenommen. Weil viel Volumen da ist, kann man viel Weite und viele Funktionen unterbringen. Die Hersteller nutzen den Trend, um Komfortschuhe etwas jünger zu gestalten. Und die älteren Kunden sind dankbar dafür." Der Sneaker habe vom eigentlichen Sportschuh abgefärbt, und das generations- und geschlechterübergreifend. Mit dem Sneaker, so Schulz, sei modisch inzwischen "alles machbar". "Es ist inzwischen durchaus salonfähig, wenn ich ein leichtes Sommerkleid trage und dazu coole Sneaker. Es ist sogar Leute, die im Sneaker heiraten."

Im Sneaker zu heiraten, das kann sich auch Florian Wegmann vorstellen. Viele seiner Altersgenossen tragen Sneaker, aber der 22-Jährige hat eine richtige Leidenschaft für ausgefallene Sportschuhe entwickelt. 


Wegmann ist Teil einer Szene, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen und immer auf der Jagd nach dem nächsten Sondermodell ist. Sein Interesse an ausgefallenen Sportschuhen begann bereits mit 13, 14 Jahren. "Das war natürlich auch meinen Eltern etwas schwer zu erklären, dass man etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Ich habe dann selbst angefangen, dafür zu sparen. Denn es ist natürlich auch kein ganz günstiges Hobby." Zu Beginn hatte Wegmann ein, zwei Paare, die er natürlich auch regelmäßig trug. Inzwischen ist seine Sammlung auf rund 100 Paare angewachsen, von denen er längst nicht alle auch anzieht. 

Wegmann absolviert derzeit eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und lebt in einer Osnabrücker WG. Seine Sammlung lagert er in einem Nebenraum seines Zimmers, dort stapeln sich derzeit nach seinen Angaben um die 100 Paar Schuhe. Durch seine Hände gegangen sind aber schon deutlich mehr Exemplare: Um sich sein teures Hobby zu finanzieren, beschränkt der 22-Jährige sich nicht mehr nur aufs Kaufen, sondern handelt auch mit Schuhen. „Neben der Ausbildung versuche ich hier und da, Schuhe zu verkaufen, um mir mein Hobby zu finanzieren. Mit dem Geld vergrößere ich meine Sammlung.“ 

Drei Tage im Auto vor dem Laden übernachtet

Seine Leidenschaft gilt vor allem der Jordan-Serie von Nike, die nach der Basketball-Legende Michael Jordan benannt ist. Immer wieder bringt Nike besondere, streng limitierte Versionen des Schuhs heraus. Wegmann kauft die Sammlerstücke zumeist über das Internet ein, zumal viele Sondereditionen in Deutschland gar nicht herausgebracht werden. Was war das Verrückteste, was Wegmann gemacht hat, um an einen Schuh zu kommen? "2015 habe ich mal drei Tage lang vor einem Laden in Berlin gecampt. Mittwochnacht bin ich hin, Samstag kam der Schuh dann raus", erinnert er sich. Zusammen mit zwei Freunden habe er im Auto vor dem Laden übernachtet. 

Der Sneakertrend hat natürlich nicht nur eine Sammlerszene hervorgebracht, er ist ein Massenphänomen, wie Trendexpertin Schulz betont. Ketten wie Snipes oder Footlocker finden sich inzwischen in den Fußgängerzonen jeder größeren Stadt - und an den Wochenenden . Die stylishe Ladengestaltung hebt sich deutlich vom klassischen Schuhhandel ab: Zumeist werden nur die Wandflächen der Läden genutzt, wo die Schuhe der Kundschaft wie Kunstwerke präsentiert werden. Allein Snipes - 1998 gegründet und 2011 von der Deichmann-Gruppe gekauft - betreibt deutschlandweit mehr als 170 Filialen. Die Kette Footlocker und ihre Tochter Sidestep kommen zusammen auf fast ebenso viele Geschäfte.

Der Sneaker-Boom lässt sich auch mit Umsatzzahlen belegen, wie eine Marktstudie des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln und der BBE Handelsberatung GmbH zeigt. Die Umsätze mit sportlichen Schuhen wuchsen demnach zwischen 2011 und 2017 um durchschnittliche 6,5 Prozent pro Jahr. Die Sportschuhe und Freizeitschuhe, unter die auch Sneaker fallen, machen inzwischen knapp 30 Prozent des Marktvolumens aus.




Allerdings ist das für den Handel kein uneingeschränkter Grund zur Freude, jedenfalls für den klassischen Schuhfachhandel. Inhabergeführte Geschäfte und klassische Ketten wie Zumnorde können laut Studie "am Hype zum sportlichen Schuh nur eingeschränkt partizipieren." Als Grund dafür nennen die Autoren auch die  "dem Lifestyle entsprechendere" Aufmachung der Sneakerläden. Anders ausgedrückt: Die oftmals angestaubte Ladengestaltung des klassischen Schuhhandels spricht die jüngere Sneaker-Kundschaft zu wenig an. 

Immer wieder klagt der Handel allerdings darüber, dass sie von den Herstellern vernachlässigt würden. "Wir bekommen keine Ware" sagte Brigitte Wischnewski, die Präsidentin vom Bundesverband des Deutschen Schuheinzelhandels (BDSE), bereits vor zwei Jahren in der "Welt". Auch die Autoren der IFH-Studie erheben diesen Vowurf: "Insbesondere die großen Sportartikelhersteller, die ihre Macht im Markt über den andauernden Boom von Sportschuhen extrem ausbauen konnten, forcieren das Direktgeschäft und zeigen wenig Interesse, kleinbetriebliche Händler ohne passendes Markenumfeld zu beliefern. 

Expertin Schulz vom Schuhinstitut sieht dennoch nicht schwarz für den klassischen Schuheinzelhandel. Zwar räumt sie ein, dass es im Moment "sicherlich nicht leicht" sei, einen stationären Laden erfolgreich zu führen, sagt sie.

"Aber mit den richtigen Ansätzen ist vieles möglich. Ein klassisches Schuhgeschäft muss sein Sortiment, sein Laden-Design und die Ansprache der Kunden anpassen."



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