Reiseunternehmer im Gespräch Gebeco-Gründer Ury Steinweg über fremde Kulturen und persönliche Tipps

Gebeco-Chef Ury Steinweg in der Totenstadt Shah-i-Zinda, Samarkand. Foto: Burkhard EwertGebeco-Chef Ury Steinweg in der Totenstadt Shah-i-Zinda, Samarkand. Foto: Burkhard Ewert

Kiel. Israel und Iran, Italien und Nordkorea: In mehr als 40 Jahren hat Reise-Unternehmer Ury Steinweg mehr als eine Million Deutsche in ferne Länder geschickt. Mit uns sprach der Kieler über seine Firma Gebeco und den Wandel des Marktes, (k)einen Greta-Effekt und seine persönlichen Lieblingsziele.

„Mir macht das Reisen immer noch Spaß“, sagt Ury Steinweg. In diesem Jahr war er in Brasilien und Usbekistan unterwegs. Australien und Russland werden noch folgen. Kolumbien bereiste er privat. Auch wenn er manche Kuppel im Orient zum dritten Mal sieht, hat er die Fotokamera stets im Anschlag: „Es reizt mich immer wieder.“

Mehr als einer Million Deutschen verhalf Steinweg mit seiner Firma in den vergangenen 40 Jahren zu ähnlichen Eindrücken. Er wollte damit Geld verdienen, aber nicht nur. „Unser voller Name ist ,Gesellschaft für internationale Begegnung und Cooperation’“, sagt er. „Das meinen wir ernst.“

Mit Russland fing es an

Der kurze, der bekanntere Name des Reiseveranstalters lautet „Gebeco“. Steinweg ist Vorsitzender der Geschäftsführung und hat den Kieler Anbieter von Studien- und Erlebnisreisen 1978 gemeinsam mit einem Partner gegründet. Mit Fahrten nach Russland und in verschiedene Sowjet-Republiken haben sie begonnen. Später kamen andere Ostblock-Staaten hinzu. Früh schon bot das Unternehmen als eines von wenigen im Westen Reisen nach China an. In Israel organisiert Gebeco eine übergreifende Reise inklusive besetzter Gebiete. Mali und Syrien sind wegen der Sicherheitslage derzeit gestrichen, aber Äthiopien findet sich noch im Programm. Zum Portfolio zählen außerdem Länder wie Iran, Usbekistan und neuerdings auch Nordkorea.

Warum sollte ich Skrupel haben?

Urlaubergruppen durch Länder führen, in denen Bürger wegen ihrer Meinungen in Haft sitzen, wo sie verhungern, zum Tod verurteilt oder als Kinder zur Ehe gezwungen werden? Und damit auch noch Geld verdienen? „Kritik gibt es immer wieder“, meint Steinweg. „Aber warum sollte ich Skrupel haben?“ Es gehe ihm um den Dialog der Kulturen, ums Kennenlernen, auch um Respekt vor der Verschiedenheit. Dies sei nicht verwerflich, im Gegenteil. Gebeco baue Brücken. Zudem: 

Ein Land ist nicht identisch mit der Bevölkerung. Es ist nicht nur für die Besucher wichtig, solche Länder und ihre Menschen besser zu verstehen. Wir geben den Bewohnern totalitär regierter Staaten zugleich die Gelegenheit, etwas über uns zu erfahren.

Säuberlich unterscheidet der in Israel geborene Branchendinosaurier zwischen Studien- und Erlebnisreisen. Er tut es, weil die Kunden es auch tun, und weil sie kritisch sind. Fallen bei einer Bildungsreise zu lange Wege an, gibt es Protest. Erzählt der Führer bei einer Erlebnisreise zu lange, setzt sich die halbe Gruppe ab. Haben die Teilnehmer einer Bildungsreise Freizeit, empfinden sie sie als herausgeworfenes Geld. Ein Erlebnisreisender will dagegen mindestens den Basar auf eigene Faust erkunden und feiert den Verzehr des Hammeleintopfs am Straßenstand als eines der letzten Abenteuer.  

Abenteuer hat Steinweg auch geschäftlich erlebt. Studiosus ist Marktführer und ein harter Konkurrent. Die Sowjet-Reisen brachen nach dem Tschernobyl-Unglück zusammen. Der Spitzenplatz in China war nach der Lungenkrankheit Sars Vergangenheit. Die Tui stieg in die Firma ein, Steinwegs Partner aus. Inzwischen hält der Reisekonzern aus Hannover die Mehrheit, ließ Steinweg mit seinen 200 Mitarbeitern im fernen Schleswig-Holstein aber an der langen Leine, wo er nach dem Wirtschaftsstudium der Liebe wegen hängen geblieben war.

Den Umsatz verdoppelt

Die Tui ließ den Gründer auch dann am Ruder, als es ihr die Klauseln des Anteilskaufs ermöglicht hätten, ohne ihn weiterzumachen. Das ist nicht selbstverständlich bei einer Übernahme durch einen börsennotierten Konzern, geschah aber auch im Lichte dessen, dass sich Gebecos Umsatz in den vergangenen 20 Jahren in einem schwierigen Markt auf rund 120 Millionen Euro verdoppelt hat, während andere aufgeben mussten. „Wir kombinieren die Möglichkeiten eines Konzerns mit den Vorteilen eines individuellen, inhabergeführten Unternehmens“, schildert Steinweg die Arbeitsweise.

Urlaub im Iran: Gehört wie Italien und Israel zum Angebot. Foto: Abedin Taherkenareh/dpa

An sein Konzept der geführten Gruppenreise glaubt der Chef auch in Zeiten von Internet und Individualismus unbeirrt. „Ich bin mir sicher, es zieht genau deshalb weiterhin.“ Das sei nicht nur in Ländern der Fall, wo Sitten, Schrift, Sprache oder die Sicherheitslage für Reisende anspruchsvoll seien, die auf eigene Faust unterwegs sind. Nein, Steinweg nennt einen anderen Grund. Viele Menschen seien einsam. Auf einer Reise mit Gleichgesinnten erlebten sie Gemeinschaft: 

Das Gruppengefühl ist kein Nachteil, sondern ein wesentlicher und für viele Teilnehmer sehr wichtiger Bestandteil dieser Art zu reisen.

Steinwegs eigene Gruppe zählt inzwischen rund 30 Mitglieder – es ist die Familie mit allen Kindern und Enkeln. Einmal im Jahr verreist er mit ihr ganz klassisch, ins Ferienhaus nach Spanien. „Dann kochen wir selbst, erzählen und machen eigentlich nichts.“ Künftig hat der Unternehmer mehr Zeit dafür. Seine Anteile an der Gebeco will er behalten, aber die Geschäftsführung abgeben. Im nächsten Jahr wird er 67 Jahre alt. Dann soll irgendwann Schluss sein, mit dem Arbeiten zumindest. Mit dem Reisen nicht. 

Ury Steinweg im Interview 

Der Gebeco-Gründer über Vater-Sohn-Reisen und Abenteuer, Nachhaltigkeit und seine Lieblingsziele 

Herr Steinweg, mehr als 40 Jahre lang Erlebnisreisen zu entwickeln und zu verkaufen heißt ja auch, mehr als 40 Jahre lang selbst zu reisen. Was war Ihr größtes Abenteuer?

Eine Besonderheit waren immer die Hochzeiten, zu denen ich eingeladen war, etwa als Ehrengast eines Reiseleiters in Usbekistan. Dort konnten wir hinter die Kulissen blicken. Lernen musste ich außerdem, dass ich auch als Vielreisender nicht frei von Vorurteilen bin. Einmal waren wir in Indien, wo ich üblicherweise abweisend auf Bettler reagiere. Ein kleines Mädchen sprach uns an, und ich wollte es rüde wegschicken, bis sich herausstellte, dass es uns einen „Deal“ vorschlagen wollte: Meine Frau sollte ihm ein deutsches Lied vorsingen. Das Kind würde uns danach ein indisches Lied vortragen. So geschah es dann auch, und beide strahlten. Ich hingegen schämte mich in Grund und Boden.

Jedes Jahr in Zentralasien oder Südamerika unterwegs zu sein – wird da auch ein Reiseprofi mal krank? 

Das bleibt nicht aus, aber zum Glück nie ernsthaft. Schlimm war es einmal in Usbekistan. Dort verwenden sie manchmal Baumwollfett beim Kochen. Dafür sind europäische Mägen nicht gemacht. Selbst unsere üblichen Medikamente helfen dann nicht mehr.

Was hat sich geändert in den vergangenen 40 Jahren am Reiseverhalten der Kunden?

Wir sehen, dass unsere Kundschaft sich aufgespalten hat. Die einen wollen immer bessere Hotels, auch mal Business Class fliegen oder eine Gruppenreise als private Kleingruppe mit selbst bestimmtem Teilnehmerkreis antreten. Solche individuell geschneiderten Reisen machen inzwischen fünf Prozent des Umsatzes aus. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Leute, die sagen, ich möchte möglichst wenig zahlen. Bei der Gebeco sind die Teilnehmer außerdem mit uns gealtert, während sie sich zu Beginn überwiegend aus Studenten und jungen Akademikern zusammensetzten. Und, ganz interessant: Die Leute wollten am Ende doch immer die touristischen Höhepunkte sehen und nicht noch einen Kindergarten oder eine Fabrik mehr, was unter dem Gesichtspunkt der Begegnung anfangs immer dazugehörte. In den letzten Jahren schließlich geht der Trend ein wenig zu einem bewussteren, langsameren Tourismus. Reisen wie „In 14 Tage um die Welt“ sind nicht mehr gefragt.

Heißt das, es gibt einen Greta-Effekt, dass die Leute weniger fliegen?

Das sehe ich nicht. Wir achten bei allen unseren Angeboten unter anderem darauf, dass wir inhabergeführte Hotels bevorzugen, Plastikmüll vermeiden oder unsere Reiseleiter schulen, dass nicht immer die Klimaanlage laufen muss. Wir haben darüber hinaus eine Produktlinie „Nachhaltiges Reisen“ – aber sie wird kaum angenommen. Die wenigsten Reisenden sind zum Beispiel bereit, durch die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs Zeit zu verlieren oder auf Höhepunkte zu verzichten, wenn es anders besser und schneller geht.

Wie lautet Ihr persönlicher Reisetipp?

Meine privaten Lieblingsregionen liegen in Asien. Ich bin fasziniert von den Menschen, der Kultur und den Landschaften in Myanmar. Ich liebe Indien mit seiner Vielfalt und auch seinen Problemen. Usbekistan mag ich ebenfalls sehr, dort habe ich meine Silberhochzeit gefeiert. Darüber hinaus empfehle ich St. Petersburg und Peru als unbedingt sehenswert. Unabhängig vom Ziel denke ich zudem sehr gerne an die Reisen zurück, die ich als Vater nur zu zweit mit jeweils einem meiner Kinder gemacht habe. Sie haben für beide Seiten prägende Erinnerungen geschaffen.  

Moschee in Buchara: Usbekistan gehört neben anderen Regionen in Asien zu Steinwegs liebsten Reisezielen. Auch St. Petersburg empfiehlt er sehr. Foto: Burkhard Ewert



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