Festivals Boombranche Livemusik: Satter Sound, satte Geschäfte?

Festivalfreunde lieben nicht nur die Livemusik, sondern auch die entspannte Stimmung. Das lassen sie sich gerne etwas kosten, die Branche boomt. Doch die Konkurrenz ist hart, vor allem Veranstalter kleinerer Festivals riskieren viel. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpaFestivalfreunde lieben nicht nur die Livemusik, sondern auch die entspannte Stimmung. Das lassen sie sich gerne etwas kosten, die Branche boomt. Doch die Konkurrenz ist hart, vor allem Veranstalter kleinerer Festivals riskieren viel. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa +++ dpa-Bildfunk

Osnabrück. Der Livemusik-Markt boomt, die Deutschen geben Milliarden für Konzerttickets aus, besonders Festivals sind beliebt. Das sorgt für gute Geschäfte der Organisatoren – und für Risiken. Denn der Markt ist umkämpft, die Gagen der Künstler steigen und steigen. Das stellt vor allem Veranstalter kleinerer Festivals vor Probleme.

Sommerzeit ist Festivalzeit, und die Branche boomt. Aus mehr als 200 Veranstaltungen kann der geneigte Musikfan mittlerweile in Deutschland auswählen, hinzu kommen viele weitere Open-Air-Festivals im europäischen Ausland. Und im Frühjahr, Herbst und Winter gesellen sich kleinere Indoor-Festivals dazu, die wetterunabhängig funktionieren. Selbst Kreuzfahrtschiffe verwandeln sich regelmäßig in schwimmende Festival-Locations für Heavy-Metal-Freunde oder Gothic-Fans.

Tickets binnen Sekunden ausverkauft

Die Auswahl ist riesig: Anhänger elektronischer Tanzmusik lockt das Mega-Event „Tomorrowland“ in der belgischen Stadt Boom. Deren Name ist Programm: Die 400.000 Tickets für zwei Festival-Wochenenden sind binnen Sekunden ausverkauft. 

Das Festival „Tomorrowland" in der belgischen Stadt Boom verzeichnet Jahr für Jahr Hundertausende Besucher. Insbesondere mit elektronischer Tanzmusik lässt sich gut Geld verdienen, Top-DJs kassieren teils sechsstellige Gagen. Foto: Tomorrowland/System/Handout/dpa


Mehr als 1000 Künstler und dazu eine aufwendige, märchenhafte Festivallandschaft beeindrucken Augen und Ohren. Im vergangenen Jahr versorgten hier unter anderen David Guetta und der Osnabrücker Top-DJ Robin Schulz die tanzfreudigen Massen mit Beats.

Pro Auftritt sechsstellige Summen

Die Fans lassen sich das Spektakel ordentlich etwas kosten, Wochenendtickets kosten ab 249 Euro, hinzu kommen Kosten für Fahrt, Verpflegung und Unterkunft. Wie viel die Stars von dem Geld erhalten, ist ein großes Geheimnis in der Branche. Klar ist aber: International bekannte DJs wie Guetta und Co. verlangen pro Auftritt meist sechsstellige Summen – und bekommen sie wohl auch. Das „Forbes“-Magazin veröffentlicht jährlich eine Liste der bestbezahlten DJs, und so einige Namen darauf finden sich auch auf dem Line-up des „Tomorrowland“-Festivals, zum Beispiel David Guetta. 

Großverdiener: Laut „Forbes" hat der französische Top-DJ David Guetta 2018 rund 15 Millionen Dollar verdient. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa


Der Franzose hat laut „Forbes“ im Jahr 2018 rund 15 Millionen Dollar für seine DJ-Auftritte kassiert. Vom Niederländer Michiel Verwest alias Tiësto kursiert die Zahl 250 000 Euro – pro Auftritt. Und auch die Metal-Szene hat einige Namen, die synonym mit exorbitanten Gagen genannt werden, etwa die US-Hardrocker Guns N’ Roses. Sie sollen 2018 für einen Festivalauftritt in Großbritannien angeblich fünf Millionen Euro bekommen haben.

Hohe Gagen, hohe Ticketpreise

Thomas Jensen, Gründer des „Wacken Open Air“ (W.O.A.) in Schleswig-Holstein, des wohl berühmtesten Metal-Familientreffens der Welt, nannte diese Entwicklung bereits 2018 in einem Interview mit dem „Stern“ „gefährlich“. Letztlich sei es eine Sache von Angebot und Nachfrage, so Jensen. „Wir verhandeln auch mit solchen Bands. Aber wir sind nicht bereit, den Charakter des Festivals den Wünschen einer Band anzupassen“, so Jensen. 


Auch Schlamm und Dauerregen kann den Metal-Fans beim „Wacken Open Air“ in Schleswig-Holstein nicht die Stimmung vermiesen. Das mehrtägige Event mit rund 80.000 Besuchern gilt als größtes Metal-Familientreffen der Welt. Foto: Axel Heimken/dpa


Klar ist: Je teurer die Künstler, desto höher muss am Ende der Eintrittspreis ausfallen, und auch die nötige Technik und Infrastruktur sowie Sicherheitskonzepte lassen die Kosten steigen. Klar ist aber auch: Ein Festival von Weltruhm wie das W.O.A. gleicht einer mittelständischen Firma, der Jahresumsatz liegt bei rund 25 Millionen Euro.

Millionengeschäft „Hurricane“, „Southside“ und Co.

Auch die eher rockig-poppig orientierten Zwillingsfestivals „Hurricane“ in Scheeßel zwischen Bremen und Hamburg und „Southside“ nahe dem Bodensee setzen laut „Statista“ jeweils etwa zwischen zehn und 13 Millionen Euro um. Veranstaltet werden sie vom Hamburger Festival-Spezialisten FKP Scorpio, der auch das „M’era Luna“ in Hildesheim, das „Plage Noire“ am Weissenhäuser Strand oder das „Deichbrand“ nahe Cuxhaven verantwortet. 

Beliebt im Norden: Auf halbem Weg zwischen Hamburg und Bremen im Örtchen Scheeßel findet jährlich das „Hurricane"-Festival statt. Rund 75.000 Musikfreunde strömen herbei. Foto: Daniel Reinhardt/dpa


Der Kartenverkauf läuft. Für das „Hurricane“ 2019 Ende Juni sind bereits alle Wochenendtickets weg. Die limitierten „Early Bird“- und „Wildcard“-Tickets für das „Deichbrand“ sind ebenfalls schon ausverkauft.

Weiterlesen: Interview mit  „Hurricane“-Veranstalter Stephan Thanscheid: Die Ansprüche der Gäste steigen

Auch der elektronische Festivalmarkt im Norden boomt: Zum „Airbeat One“ nach Neustadt-Glewe (Mecklenburg-Vorpommern) zieht es jedes Jahr rund 50 000 Musikfans, das „Fusion“-Festival in Lärz nahe des Müritz-Sees ist mit rund 70 000 Gästen stets ausverkauft.

1,5 Milliarden Euro für Konzerttickets

Der Grund: Livemusik liegt im Trend. Die Zahlenexperten von „Statista“ verzeichnen seit Jahren steigende Ausgaben der Deutschen für Livemusik-Events, rund 1,5 Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für Konzerttickets aus (Stand 2017), und noch scheint der Zenit nicht erreicht. Die Unternehmensberater von PricewaterhouseCoopers (PwC) schreiben in ihrer Marktanalyse „German Entertainment and Media Outlook 2018–2022“: „Für den Livemusikmarkt prognostizieren wir einen leicht positiven Wachstumstrend. Mit einem jährlichen durchschnittlichen Wachstum von 2,6 Prozent wird das Gesamtvolumen 2022 circa 2,2 Milliarden Euro betragen.“

Alles online: Musikmarkt im Wandel

Sinkende Tonträgererlöse, ausgelöst durch die Digitalisierung der Branche, haben demnach dem Musikmarkt zwar zugesetzt, doch das Live-Erlebnis steht dennoch hoch im Kurs. 

Wenn überhaupt physische Tonträger, dann kaufen Musikfans von heute die gute alte CD: Sie bringt im Vergleich zu anderen Tonträgern immer noch die meisten Einnahmen, allerdings längst nicht mehr so viel wie früher. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa


Zumal die Ticketverkäufe häufig ins digitale Geschäft integriert werden, was den Absatz von Festival- und Konzertkarten zusätzlich anheizt. Der Musikfan von heute streamt Musik bequem übers Internet und bestellt dort die Tickets für sein Live-Erlebnis gleich mit.

Immer mehr Musikfans streamen ihre Wunschtitel übers Internet. 2018 meldete die Branche erstmals höhere Einnahmen durch Streaming-Angebote als über CD-Verkäufe. Foto: Ole Spata/dpa


Utopische Preise

Der Konzert- und Festival-Markt boomt also. Aber 250 000 Euro Gage für einen einzelnen Künstler? Fünf Millionen Euro für eine Band? Für Veranstalter kleinerer, regionaler Festivals sind solche Summen schlicht utopisch. Etwa für Marius Kleinheider. Der 35-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Hütte rockt“, welcher seit 2007 das gleichnamige Festival in Georgsmarienhütte auf die Beine stellt. Die Idee, geboren in einer Bierlaune, erwies sich als gut: War die erste Auflage mit mehr als 2000 Besuchern schon ordentlich, sind es heute um die 4000 an beiden Festivaltagen. Wie bei vielen Festivals üblich, gibt es bei „Hütte Rockt“ einen Campingbereich, einen Bereich, wo die Bühne steht, dazu Essens- und Getränkestände sowie Händler. 

„Sehr großes finanzielles Risiko"

Der Unterschied zu kommerziellen Festivals ist allerdings enorm, denn hier arbeiten alle Helfer ehrenamtlich, insgesamt mehr als 250. Das senkt die Kosten, die natürlich dennoch vorhanden sind. „Einen Teil bekommen wir durch die Ticketverkäufe rein. Allerdings wollen wir ja mit diesem Festival etwas für die Region machen, dazu gehört, die Preise niedrig zu halten“, erklärt der Vereinsvorsitzende. 

2016 waren die Donots beim Festival „Hütte Rockt". Organisiert wird das zweitägige Musikevent in Georgsmarienhütte von Vereinsvorstand Marius Kleinheider (3. von links) und den ehrenamtlichen Mitstreitern des Vereins „Die Hütte rockt". Foto André Havergo


40 Euro kostet ein Ticket zurzeit für beide Tage, das ist in der Tat vergleichsweise günstig, denn so manche Band nimmt für ein Solo-Konzert schon 30 Euro und mehr. „Dann wird Geld mit dem Getränkeverkauf umgesetzt, den wir in Eigenregie organisieren. Und wir haben gute Sponsoren aus der Wirtschaft hier vor Ort und aus öffentlicher Hand“, sagt Kleinheider. Und dennoch: „Es ist schon ein sehr großes finanzielles Risiko für unseren kleinen Verein, das immer wieder auf die Beine zu stellen“, sagt Kleinheider.

Bandauswahl unter verschärften Bedingungen

Auch die Gagen, die zuletzt immer weiter gestiegen sind, machen es den Organisatoren kleinerer Events schwer. „Es ist nicht leicht, geeignete Bands zu finden“, erklärt Kleinheider und rechnet vor: „Es gibt Bands, sie sind mäßig bekannt, verlangen 30 000 Euro und ziehen vielleicht 900 Leute sicher an. Dann gibt es Bands, zu denen kommen sicher 3000 Leute, die verlangen aber auch 150 000 Euro. Das ist eine Liga, die für uns finanziell nicht machbar wäre. So viel kostet ungefähr das ganze Festival.“ Hinzu kommen Terminkollisionen der Bands, weil viele, auch kleinere Festivals zeitgleich um gute und bezahlbare Künstler buhlen.

Weiterlesen: Interview mit Christoph Hengholt, Organisator des „Schlossgarten Open Airs“ in Osnabrück und des „Emsland Open Airs“ in Meppen

Faszination Festival bleibt unberührt

Von Schwierigkeiten hinter den Kulissen bekommen die Zuschauer in der Regel wenig mit, sie freuen sich einfach auf die Festivals mit ihrer besonderen Atmosphäre. 

Sommer, Sonne, Festivalspaß (hier beim „Hurricane“ in Scheeßel): Von Debatten um Künstlergagen bekommen die Gäste wenig mit. Einzig steigende Ticketpreise sorgen vorab in Internet-Foren für Unmut. Gekauft wird trotzdem, wenn Bandauswahl und das sonstige Angebot stimmen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa


Doch nicht nur die Fans sind begeistert, auch Künstler. Zum Beispiel Doro Pesch. Die „Queen of Metal“ ist seit 1993 Dauergast beim Wacken Open Air. Sie sagte unserer Redaktion: „In Wacken spielt man vor über 80.000 begeisterten Fans aus der ganzen Welt auf einer der größten und schönsten Bühnen überhaupt.“ 

„I love it – ich liebe es“, sagt Metal-Queen Doro Pesch über das „Wacken Open Air". Sie ist seit 1993 Dauergast bei dem schleswig-holsteinischen Festival. Foto: Imago Images/Olaf Malzahn


Auch das Miteinander unter den Musikern sei famos, so Pesch, es gehe zu „wie bei einem Familienfest“: „Man trifft jedes Jahr ganz viele Kollegen, die man schon Jahre kennt und schätzt, und häufig entwickeln sich daraus gemeinsame Projekte oder Gastauftritte beim jeweils anderen Künstler, sei es auf der Bühne oder auch auf neuen Alben. I love it!“

Nach dem Festival ist vor dem Festival

Und nach dem Festival? Dann wird durchgeatmet – und mit den Planungen für das nächste Jahr losgelegt. 

Weiterlesen: In Festivallaune? Hier eine Übersicht für 2019


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