Neu gegründet Verband will alternative Proteinquellen in den Fokus rücken

Buffalo-Würmer statt Rind als Proteinlieferant? Das Geschäft mit Alternativen zum klassischen Fleisch wächst. In Düsseldorf hat sich nun ein Verband für Alternative Proteinquellen gegründet. Akteure aus allen Bereichen sollen hier zusammenkommen. Foto: Ingo Wagner/dpaBuffalo-Würmer statt Rind als Proteinlieferant? Das Geschäft mit Alternativen zum klassischen Fleisch wächst. In Düsseldorf hat sich nun ein Verband für Alternative Proteinquellen gegründet. Akteure aus allen Bereichen sollen hier zusammenkommen. Foto: Ingo Wagner/dpa

Osnabrück. Veganes Schnitzel, Fleisch aus der Petrischale, Burger aus Insekten – die Debatte um Alternativen zum traditionell erzeugten Fleisch und damit auch zu Proteinquellen ist in vollem Gang. In Düsseldorf hat sich nun ein Bundesverband gegründet, der es sich zum Ziel gemacht hat, eine differenzierte Diskussion zu führen – mit Start-ups, Wissenschaftlern und Großkonzernen, die auch Mitglied des Verbands sind.

Während sich der Lebensmittelriese Tönnies im vergangenen Jahr großteils aus dem Veggie-Abenteuer verabschiedet hat und den Hype um die Veggie-Wurst als beendet ansieht, geht Wettbewerber Rügenwalder Mühle mit vegetarischem Schinken oder veganen Frikadellen genau den entgegengesetzten Weg. Im kommenden Jahr will das Unternehmen 40 Prozent seines Umsatzes mit Fleischalternativen erwirtschaften – im vergangenen Jahr waren es bereits 25.

Vernetzung vorantreiben

Damit ist das Thema Fleischalternativen längst kein Randthema für besonders hippe Start-ups mehr. Hinzu kommt sogenanntes „clean meat“, Fleisch aus der Petrischale, für dessen Herstellung kein Tier sterben musste. Dennoch sieht Sebastian Biedermann, Vorsitzender des neu gegründeten Bundesverbands für Alternative Proteinquellen (BALPro), bei diesem Thema in Deutschland Nachholbedarf. „Wir diskutieren zu engstirnig. Lebensmittelproduktion geschieht in Systemen, vom Bauernhof bis zum Lebensmitteleinzelhandel. Diese gilt es, miteinander zu vernetzen.“

Außerdem sei die Diskussion, unter anderem, wenn es um ökologische Vor- und Nachteile von Proteinalternativen gehe, nicht differenziert genug. Hinzu kommt für Biedermann ein Nachholbedarf in der Start-up-Förderung, die über die reine Verfahrenstechnik hinausgehen müsse. Das wiederum würde die Innovation der Branche fördern, die durch eine gezieltere Entwicklung und Big Data schneller und besser neue Produkte auf den Markt bringen könnte. Biedermann sagt:

„Länder wie die USA und Israel sind hier deutlich weiter als wir.“


Genau dafür – den konstruktiven Austausch zwischen allen Akteuren – soll der in Düsseldorf ansässige Verband, der mit mehr als 30 Mitgliedern an den Start geht, eine Plattform bieten. Mit dabei sind Start-ups, Wissenschaftler und Hersteller wie Rügenwalder oder auch der Großhändler Metro. Diskussionsforen sind geplant, ebenso wie Branchendialoge.

Forderung nach einheitlicher Kennzeichnung

Denn auch in der Gesellschaft läuft die Diskussion um Produkte aus Proteinalternativen durchaus kontrovers. Der Europäische Gerichtshof hat bereits vor zwei Jahren entschieden, dass veganer Käse nicht Käse heißen darf. Auch das vegane Schnitzel darf sich nach jahrelanger Diskussion nicht wie das Original nennen. Solche Entscheidungen sieht Biedermann nicht im Sinne der Verbraucher und argumentiert:

„Der Konsument braucht eine Orientierungshilfe, damit er das Produkt beim Kauf einordnen kann, einen Referenzpunkt.“


 Eine vegane Bratwurst „Soja-Röllchen“ oder ähnlich zu nennen, sei kontraproduktiv. Von der Politik erwartet er hier Handlung. „Es braucht Einheitlichkeit über alle Produktgruppen hinweg.“

Der Markt wächst rasant

Denn der Markt für alternative Proteinquellen – von pflanzlichen Ersatzstoffen über Insekten bis zu im Labor produziertem Fleisch – sei riesig und weltweit mit großem Wachstumspotenzial sowie großen Margen. Das zeigt auch die Marktforschung. Allein mit Blick auf essbare Insekten wird mit einem Marktwachstum von 190 Prozent bis 2023 gerechnet.  „Meist sind es kleine Start-ups, die etwas Neues entwickeln und in kleinen Chargen auf den Markt bringen. Wenn es gut läuft, weckt das das Interesse größerer Konzerne.“ Die wiederum hätten eine bessere Infrastruktur, um die Produkte weiter und in größeren Mengen in den Markt zu verteilen. „Das Start-up macht das Produkt salonfähig, das Großunternehmen trägt es in die Breite“, fasst Biedermann zusammen. Einen Niedergang der Start-up-Branche in diesem Bereich sieht er nicht. „Auch sie profitiert. Die New Economy ist einfach schnelllebig.“

Trend erst am Anfang

Den Trend zu Proteinalternativen sieht Biedermann insgesamt erst am Anfang. Neben Pflanzen, Insekten und im Labor gezüchtetes Fleisch wird sich mehr entwickeln. „Wir werden in Zukunft eine deutlich differenziertere Proteinversorgung sehen“, ist der Vorsitzende überzeugt – auch wenn Deutschland hier nicht Vorreiter sei. Eine Verdrängung tierischer Produkte sieht Biedermann jedoch nicht unbedingt. Er fordert:


„Wir müssen jedoch dazu kommen, alle Proteinquellen als gleichwertig zu sehen.“


Die verwendeten Begrifflichkeiten seien mit Blick auf die Akzeptanz der Kunden entscheidend.


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