Frühjahrsprognose der Institute "Wirtschaft hat sich abgekühlt, aber sie friert noch nicht"

Der Bau boomt, aber die Industrie schwächelt, heißt es im Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforscher.
Foto: Jens Büttner/dpaDer Bau boomt, aber die Industrie schwächelt, heißt es im Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforscher. Foto: Jens Büttner/dpa

Berlin. Nach den "Wirtschaftsweisen" und der Bundesregierung haben jetzt auch die führenden Forschungsinstitute ihre Wachstumsprognose deutlich gesenkt. Neben dem Brexit und internationalen Handelskonflikten ist die heimische Autoindustrie zum Sorgenkind geworden. Eine Rezessionsgefahr wird aber nicht gesehen.

Die Lage: "Die deutsche Wirtschaft hat sich abgekühlt, aber sie friert noch nicht", brachte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft Kiel die Botschaft der führenden Wirtschaftsforscher am Donnerstag in Berlin auf den Punkt. Dabei ergibt sich kein einheitliches Bild: Die "Überhitzung" beim Bau dauere fort, so der Fachmann. Dank kräftiger Lohnsteigerungen bei moderater Inflation zieht der Konsum weiter an, auch der Dienstleistungssektor ist ausgelastet. Schwäche zeigt aber das verarbeitende Gewerbe, hier zeigt der Daumen nach unten. Aktuellstes Indiz: Der Auftragseingang der deutschen Industrie brach im Februar im Vormonatsvergleich um 4,2 Prozent ein. 

Risiken und Chancen: Im Herbst hatten die fünf führenden Institute noch mit einem Wachstum von 1,9 Prozent für dieses Jahr gerechnet, nun korrigierten sie die Prognose auf 0,8 Prozent deutlich nach unten. Der langjährige Aufschwung sei "zu Ende", sagte Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Gefahr einer "ausgeprägten Rezession" einer über mehrere Monate schrumpfenden Wirtschaft bestehe aber nicht. Schon für 2020 rechnen die Forscher mit der Rückkehr eines kräftigeren Wachstums von 1,8 Prozent.

Größtes Risiko bergen die Abkühlung der Weltwirtschaft und ein harter Brexit. Dieser würde "Sand ins Getriebe der internationalen Lieferketten streuen", was "mehrere Zehntel an Prozentpunkten Wachstum" kosten könnte, sagte Holtemöller. Die "psychologische Komponente" könne die Effekte noch verstärken. Positiv: Die verfügbaren Einkommen der Privathaushalte dürften in diesem um 3,1 Prozent und im kommenden um 3,3 Prozent steigen. Und es entstehen weiter neue Jobs - allerdings nicht mehr so viele wie in den vergangenen Jahren.

Sorgenkind Auto-Industrie: Der Einbruch beim Diesel-Absatz und die Elektro-Offensive stellen die Schlüsselbranche mit ihren 820.000 Beschäftigten vor einen Umbruch, der kaum "ohne Reibungsverluste" gelinge, so Roland Döhrn vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Daraus könne ein "zentrales Problem für die deutsche Wirtschaft werden, das uns jahrelang erhalten bleibt". Einig sind sich die Forscher, dass es nicht Aufgabe der Politik sei, die bedrohten Jobs staatlich zu schützen. Auch eine öffentliche Förderung der Batterie-Produktion wird kritisch gesehen, weil nicht abzusehen sei, welche Technologien sich am Ende durchsetzen werden.

Forderungen an die Politik: Besonders die "erheblichen Ausweitungen" der Renten-Leistungen bereiten den Forschern Sorgen, weil diese ab 2025 nur durch massive Steuererhöhungen um bis zu sechs Prozentpunkte zu finanzieren wären. Die von der Regierung geplante Grundrente für langjährige Beitragszahler schaffe falsche Anreize und bekämpfe keine Altersarmut, weil nur ein Prozent derjenigen, die 35 Jahre gearbeitet hätten, bedürftig sei. "Insgesamt sollte die Wirtschaftspolitik stärker darauf ausgerichtet werden, die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland zu verbessern", lautet die zentrale Forderung des Gutachtens.


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