Trend-Thema Escape Rooms Verbandschef: Die meisten Escape-Room-Anbieter unterschätzen die Herausforderungen

Escape Rooms faszinieren aktuell Tausende Menschen. Hier versuchen NOZ-Mitarbeiter, die Rätsel in einem Escape Room der Firma room fox in Osnabrück zu lösen. Foto: Michael GründelEscape Rooms faszinieren aktuell Tausende Menschen. Hier versuchen NOZ-Mitarbeiter, die Rätsel in einem Escape Room der Firma room fox in Osnabrück zu lösen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Escape Rooms sprießen wie Pilze aus dem Boden, doch nicht jeder Betreiber dieser Spielstätten ahnt im Vorfeld, welche Aufgaben und auch Hürden auf ihn zukommen. Seit 2017 gibt es in Deutschland eine eigene Dachorganisation, den Fachverband der Live Escape und Adventure Games (FvLEAG). Wir haben mit Verbandschef Michael Meinke über die boomende Branche gesprochen.

Herr Meinke, der erste Escape Room in Deutschland öffnete Ende 2013 seine Pforten. Seither haben immer mehr Menschen die rätselgespickten Freizeitabenteuer für sich entdeckt. Freunde, Familien oder Firmen buchen Räume, in denen die Teams eine Stunde Zeit haben, um diverse Rätsel zu lösen und den symbolischen Schlüssel zum Ausgang – daher der Name Escape Room – zu finden. Wie erklären Sie sich diese Faszination beziehungsweise diesen Trend?

Der weltweite Erfolg von Escape Rooms lässt sich vielleicht am besten in einigen Stichworten erklären: Ein Team, eine Gemeinschaft spielt, bestehend aus zum Beispiel einer Familie, Freunden oder Arbeitskollegen, zusammen. Escape Rooms sind praktisch für jedes Alter geeignet, selbst Kleinkinder haben ihren Spaß, auch wenn sie meist noch keine Rätsel lösen können. Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich, und in den meisten Fällen funktionieren die Spiele ohne Smartphone und ohne Internet. Und man gewinnt oder verliert gemeinsam. Das sorgt für ein Teamgefühl, gemeinsam tauchen die Spieler in eine andere Welt ein und meistern zusammen nicht nur die Rätselherausforderungen, sondern genießen auch die Erfolgserlebnisse. Im Englischen würde man sagen, es entsteht ein Flow, ein Zustand völliger Vertiefung, sozusagen ein Schaffensrausch. Gemeinsam geht man auf in der Aufgabe, die man lösen muss, und das ist ein tolles Gefühl.  (Weiterlesen: Warum Escape Rooms immer noch so angesagt sind)

Die Tragödie in Polen, bei der fünf Mädchen bei einem Feuer in einem Escape Room zu Tode kamen, hat auch hierzulande zu einer Debatte um die Sicherheit in diesen Spielräumen geführt. Ihr Verband hat eine Stellungnahme dazu herausgegeben und auf die völlig anderen Brandschutzbestimmungen in Deutschland hingewiesen. Dennoch: Hat diese Tragödie Auswirkungen auf die Buchungszahlen gehabt?

Nein, Auswirkungen auf die Buchungszahlen sind uns nicht bekannt. Es gab ganz vereinzelt Nachfragen von Kunden zu den Sicherheitseinrichtungen bei dem Anbieter, wo sie spielen wollen.

 Im Jahr 2017 haben Sie den zugehörigen Fachverband gegründet. Warum war die Verbandsgründung nötig?

Der Verband hat bisher leider nur etwa 30 Mitglieder. Allerdings hat gerade das tragische Unglück in Polen gezeigt, dass eine Branche mit über 400 Anbietern eine neutrale Vertretung gegenüber beziehungsweise eine Anlaufstelle für Medien, Politik und Behörden braucht.

Michael Meinke leitet den Fachverband der Live Escape und Adventure Games (FvLEAG). Foto: Gebhard Bücker

Gibt es eine realistische Schätzung, wie viele Anbieter und Räume es insgesamt in Deutschland gibt?

Wir gehen aktuell für Deutschland von über 400 Anbietern mit über 1000 Räumen beziehungsweise Spielszenarien aus.

Und wie viele Menschen haben bisher einen Escape Room in Deutschland besucht?

Eine Schätzung der Besucherzahlen eines bestimmten Escape Rooms würde ich wie folgt rechnen: Gehen wir von etwa 15 bis 20 Buchungen pro Woche mit durchschnittlich rund 4,5 Teilnehmern pro Buchung aus. Bei 52 Wochen, an denen in der Regel der Raum besucht werden kann, wären es pro Escape Room pro Jahr etwa 3500 bis 4700 Spieler. Hochgerechnet auf alle Räume in Deutschland kommt da schon einiges zusammen.

Die Branche ist noch jung. Mit welchen Problemen oder auch Herausforderungen hat sie zu kämpfen?

Von den meisten Anbietern werden die Herausforderungen rund um ein Unternehmen, zum Beispiel die Aspekte Sicherheit, Baurecht, Steuerrecht, Arbeitsrecht, Betriebsabläufe und so weiter unterschätzt, weshalb die oft mangelhafte Professionalität vermutlich das aktuell größte Problem in der Branche ist.

Wenn Sie eine ganz spezielle rechtliche oder politische Hürde aus dem Weg räumen könnten, die Ihren Mitgliedern immer wieder die Arbeit erschwert, welche wäre das?

Das ist ganz klar die Schaffung einer vernünftigen baurechtlichen Einordnung von Escape Rooms. Aktuell werden wir mit zum Beispiel zusammen mit Spielhallen formal in den Topf der Vergnügungsstätten geworfen. Wünschenswert wäre auch die Erstellung von für alle Beteiligten verbindlichen Brandschutzvorschriften für Escape Rooms und Escape-Room-Betriebe.

Die Branche boomt, rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz in 2018 wurden erzielt. Und sie wächst rasant, in einigen Städten haben Escape-Room-Fans schon die Qual der Wahl. Ist bald der Zenit erreicht? Fürchten Sie eine Marktsättigung oder auch Kannibalismuseffekte?

Wir sind der Meinung, dass die Zahl der Anbieter und die Zahl der Escape Rooms momentan schneller wachsen als die Nachfrage. Das führt automatisch zu Wettbewerb und am Ende zu einer Marktbereinigung. Es ist allerdings schwer abzuschätzen, wann und wie stark das zu einer Reduzierung des Angebots führen wird.

Gibt es Zahlen, wie viele Räume bisher wieder geschlossen wurden oder wie viele Anbieter vom Markt wieder verschwunden sind?

Maximal zehn Prozent, einige davon wohl nur vorübergehend. Wir gehen anhand von zahlreichen Gründeranfragen an den Verband auch jetzt davon aus, dass nach wie vor mehr Betriebe öffnen werden als schließen. Dennoch beobachten wir, dass sich neben Kooperationen auch erste Konzentrationen von Anbietern zeigen.

Braucht es eine bestimmte Qualifikation, einen Escape Room zu gründen beziehungsweise zu betreiben oder dort zu arbeiten? Welche?

Die oftmals zu findende mangelnde Professionalität von Anbietern hängt ursächlich damit zusammen, dass im Prinzip jeder einen Escape-Room-Betrieb eröffnen kann. Es ist dafür keine Qualifikation nachzuweisen. Sehr wohl ist sie aber erforderlich, wenn auch schlecht in eine Berufsschublade einzusortieren. Ich würde den Begriff des Unternehmers am passendsten finden. Dementsprechend wäre ein BWL-Studium sicherlich eine sehr gute Basis. Damit ist man aber bestimmt nicht auf die Praxis des deutschen Bürokratismus und Formalismus vorbereitet. Als Spielleiter benötigt man keine Ausbildung und kein Vorwissen. Zuverlässigkeit, Flexibilität bei der Arbeitszeit, Freude am Umgang mit Menschen, Spaß an Rätseln und Spielen und ähnliche Fähigkeiten sind allerdings sehr wichtig.

Mit genug Konkurrenz trennt sich meist auch die Spreu vom Weizen. Wie unterscheiden sich die „Räume der ersten Stunde“ von denen, die heute neu entstehen?

Früher hat es vollkommen ausgereicht, Ikea-Möbel und Vorhängeschlösser zu verwenden. Das wird auch heute noch so praktiziert und begeistert nach wie vor Erstspieler, die auch immer noch die Mehrheit unserer Kunden ausmachen. Die zunehmende Anzahl der Mehrfach- beziehungsweise Vielspieler hat allerdings inzwischen höhere Ansprüche, vor allem in Bezug auf die Kulisse, die Immersion eines Raumes, die Rolle des Spielleiters und natürlich in Bezug auf das Gamedesign, den Spielfluss und die Rätsel.

Die meisten Escape Rooms kann man nur im Team lösen. Auch immer mehr Firmen entdecken diese Teambuilding-Effekte für sich, in der Schweiz schicken sogar Unternehmen und Banken Bewerber in solche Räume, um diese auf ihre Stressresistenz, Problemlösungskompetenzen und Teamfähigkeiten hin zu testen. Mit Spiel und Spaß hat das nur noch wenig zu tun. Was halten Sie davon?

Die Nutzung von Escape Rooms für ein Assessment-Center, als Marketingtool oder als Teambuilding-Maßnahme steht noch relativ am Anfang der Möglichkeiten. ich selbst halte sehr viel davon. Zum Beispiel erlebt man einen Bewerber in einem Vorstellungsgespräch oftmals ganz anders als in einem Escape Room. Ein Escape Room kann aber auch bei einem Einsatz in einem Unternehmen jede Menge Spaß und Freude am gemeinsamen Spiel bringen.

Die Branche fächert sich auf, einige Raumbetreiber bieten Spiele an, die in der Virtual Reality stattfinden, wieder andere setzen auf Outdoor-Abenteuer, zugleich werden bestehende ältere Räume immer wieder neu gestaltet, um Abnutzungseffekte zu vermeiden. Blicken Sie doch mal in die Zukunft: Welche Art von Escape Rooms wird es wohl in fünf oder in zehn Jahren geben?

Meiner Meinung nach wird der Wunsch der Menschen, für eine begrenzte Zeit in eine andere Welt abtauchen und Abstand vom Alltag gewinnen zu können, die Branche in den nächsten fünf bis zehn Jahren bestimmen. Es wird darauf ankommen, ob es einem Anbieter gelingt, zum Beispiel durch den Einsatz von Schauspielern, diesen Immersion-Effekt weiter zu steigern. Wer möchte nicht einmal aus einem Gefängnis ausbrechen oder in eine Bank einbrechen? Ein Beispiel für diesen Trend sind die geplanten Star-Wars-Parks von Disney. Diese sind zwar nicht vergleichbar mit Escape Rooms, aber sie passend zum Wunsch der Kunden, in eine andere Welt abzutauchen.

Und zum Schluss: Ihr Verbandsname ist einigermaßen sperrig. Gibt es eine griffige Abkürzung? Welche?

Bei uns hat sich FvLEAG als Abkürzung etabliert.


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