Welt-Autismus-Tag Wie eine IT-Firma die Talente von Autisten nutzt

Viele Autisten fühlen sich durch ihre veränderte Wahrnehmung wie in einer eigenen Welt. Foto: dpa/WDR/Fußwinkel/MauritiusViele Autisten fühlen sich durch ihre veränderte Wahrnehmung wie in einer eigenen Welt. Foto: dpa/WDR/Fußwinkel/Mauritius

Berlin. Die Mehrheit der Asperger-Autisten findet keinen Job, dabei haben diese Menschen mitunter besondere Talente und Fähigkeiten. Wie der IT-Dienstleister Auticon versucht, diese gezielt zu nutzen, zeigt dieses Beispiel.

Es war diese eine Frage, die Fabian Tiedje bei seinem allerersten Bewerbungsgespräch endgültig aus der Fassung brachte. "Was denken Sie, welche Noten Sie an der Berufsschule haben werden?", wollte sein Gegenüber, Vertreter eines Hamburger Ausbildungsbetriebs in der IT-Branche, von ihm wissen. Tiedje antwortete wahrheitsgemäß: Basierend auf seinen bisherigen Leistungen in der Realschule und im Fachabitur gehe er davon aus, dass die Noten wohl eher durchschnittlich ausfallen würden.

Die Hände von Fabian Tiedje können programmieren – aber eher keine Bewerbungen schreiben. Foto: Louisa Riepe

Er bekam den Job nicht. Und obwohl der potentielle Ausbilder nach Tiedjes Erinnerung sehr zuvorkommend war, und ihm nach dem Gespräch sogar noch Ratschläge für seine weiteren Bewerbungen gab, bekam der junge Mann auf dem Heimweg eine Panikattacke. 

"In der Bahn hab ich das Gefühl gehabt, dass ich an Herzversagen sterbe."

Heute weiß der 27-Jährige, dass man an Angst nicht sterben kann. Und er weiß auch, warum er auf manche Alltagssituationen heftiger reagiert als andere Menschen. Zum Beispiel auf einen Einkauf in einem unbekannten Supermarkt, auf eine Einladung zur Weihnachtsfeier, oder eben auf Stressfragen im Bewerbungsgespräch. Fabian Tiedje ist Autist. Die Diagnose bekam er, der als Kind schon den Inhalt von Autokatalogen auswendig aufsagen konnte, allerdings erst vor Kurzem.

Filme zeigen ein einseitigen Bild von Autismus

"Durch mein Leben zieht sich der Satz: Herr Tiedje ist nicht auffällig genug", berichtet er selbst. Tatsächlich erinnert er bei einem ersten Kennenlernen nicht im Geringsten an das Bild eines Autisten, wie die Filme "Rain Man" mit Dustin Hoffman und Tom Cruise oder "Das Mercury Puzzle" mit Bruce Willis und Alec Baldwin in der Öffentlichkeit geprägt haben.  


Fabian Tiedje gibt seinem Gegenüber ohne zu zögern die Hand. Er zeigt keine auffälligen, sich wiederholenden Verhaltensmuster. Er folgt dem Gespräch mit offensichtlichem Interesse und kokettiert sogar mit dem Klischee. So antwortet er etwa auf die Frage, was er hier, bei seinem jetzigen Arbeitgeber, genau macht, mit dem Satz: "Aus Spaß hätte ich jetzt fast gesagt: ein Interview geben." 

Probleme entstehen bei der Jobsuche

Und so entwickelte sich Tiedje lange ganz normal: Nach einem – wie er selbst sagt – mittelmäßigen Realschulabschluss machte er eine schulische Ausbildung zum technischen Assistenten für Informatik und anschließend ein Fachabitur im Bereich Elektrotechnik. Sein Studium der angewandten Informatik war dann allerdings nach drei Semestern auch schon wieder beendet. "Ich bin in Programmiermethodik durchgefallen. Die Fachworte und theoretischen Beschreibungen liegen mir einfach nicht", sagt Tiedje. 

Im "Muggelraum", dem Rückzugsort im Büro von Auticon in Hamburg, fühlt Fabian Tiedje sich wohl. Foto: Louisa Riepe

Sein Versuch, am ersten Arbeitsmarkt einen Platz zu finden, mündete dann in die folgenreiche erste Panikattacke. "Ich hatte Angst vor Vorstellungsgesprächen, Angst nochmal eine Bewerbung zu schreiben", erinnert er sich. Es folgte eine Maßnahmen der Arbeitsagentur, um den jungen Mann trotzdem zur Teilhabe am Arbeitsmarkt zu befähigen. Als in diesem Rahmen schließlich auch der Versuch scheiterte, einen Praktikumsplatz für Tiedje zu bekommen, äußerte erstmals eine Psychologin den Verdacht, dass Autismus der Grund für Tiedjes Probleme sein könnte.

Großteil der Autisten ist arbeitslos

Tatsächlich sind viele  Autisten arbeitslos. Einer Studie der Hochschule Regensburg zur Folge sind es rund 50 Prozent der Asperger-Autisten, die eigentlich normal bis überdurchschnittlich intelligent sind. In Deutschland könnten nach Schätzungen von Experten rund 240.000 Menschen zu dieser Gruppe gehören. 30 Prozent von ihnen kommen in Werkstätten für behinderte Menschen unter. Und nur 20 Prozent setzen sich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt durch.

Viel verschenktes Potenzial, wenn man bedenkt, dass in den Menschen mit Autismus einige Talente stecken. Fabian Tiedje zählt beispielsweise das räumliche und logische Vorstellungsvermögen, seine Fähigkeit, Muster zu erkennen und schnelle, abstrakte Denkvorgänge zu seinen Stärken. 

"Das Problem ist, dass die Unternehmen nicht offen sind."

Das sagt Heike Gramkow, die Leiterin der Niederlassung des IT-Dienstleisters Auticon in Hamburg. Das Unternehmen beschäftigt gezielt Autisten, und vermittelt sie als Consultants oder Berater für zeitlich begrenzte Projekte an Kunden aus der Branche. Gegründet wurde es 2011 von Dirk Müller-Remus, der selbst einen Sohn im Autismus-Spektrum hat. Seit dem wächst Auticon stetig, betreibt mittlerweile sieben Standorte allein in Deutschland und beschäftigt rund 200 Mitarbeiter – davon etwas mehr als die Hälfte Autisten.

Die Hürde der Bewerbung – für Autisten oft unüberwindbar

"Autisten haben besondere Stärken, die wir Nicht-Autisten nicht haben", sagt Heike Gramkow. Mit ihrer Fähigkeit zur Mustererkennung, ihrer Genauigkeit und Geschwindigkeit seien sie gut für verschiedene Aufgaben in der IT-Branche geeignet, etwa für Softwareentwicklung oder Datenanalyse. Gramkow kritisiert vor diesem Hintergrund die in vielen Personalabteilungen gängige Selektion der Bewerber nach Abschlussnoten. "Unsere Consultants haben selten einen Studienabschluss", sagt sie.

Außerdem würden Bewerbunsggespräche nicht autismusgerecht geführt. Als Beispiel nennt Gramkow eine offene Frage wie: Was haben Sie bisher gemacht? "Unsere Consultants wissen da gar nicht, so wo sie anfangen sollen", erklärt Gramkow. Will der Gesprächspartner die Lebensgeschichte von Geburt an hören? Oder nur den beruflichen Werdegang erfahren? Für Menschen mit Autismus sei das mitunter nicht klar und so reagierten sie gegebenenfalls unpassend, sagt Gramkow.


Ihre Mitarbeiter müssen noch nicht einmal ein Anschreiben verfassen, um bei Auticon angestellt zu werden. Vielmehr verschickt das Unternehmen einen IT-Fragebogen an Interessenten, um ihre Fähigkeiten und Interessen kennenzulernen. Was dann folgt, ist ein längerer Prozess mit Tests und Vorbereitungswochen. Immer dabei sind die sogenannten Jobcoaches, Pädagogen, die die Consultants später auch bei ihren Projekten unterstützen und in die Teams der Kunden begleiten.

Diagnose Autismus als Voraussetzung

Von diesem System profitiert auch Fabian Tiedje, der seit 2018 für Auticon arbeitet. Voraussetzung für die Einstellung war – neben seinem Interesse an IT – auch die ärztliche Diagnose Autismus, auf die er allerdings über zwei Jahre warten musste. Jetzt wird er von Auticon in einer Hamburger Firma eingesetzt, die eine Software für die Versicherungsbranche überarbeitet. Bei 30 Stunden Arbeit pro Woche verdient er, wie er selbst sagt, sehr ordentlich. Die Bezahlung bei Auticon orientiert sich nach Angaben von Heike Gramkow am marktüblichen Standard. 

Später kann Tiedje bei Auticon vom Junior zum Consultant, Senior und schließlich zum Expert aufsteigen. Aber nicht nur beruflich, sondern auch persönlich entwickelt er sich durch seinen neuen Job weiter: So begleitete er seine Kollegen zur gemeinsamen Weihnachtsfeier in ein Restaurant in der Nähe der Reeperbahn. Dort war er zum allerersten Mal. Doch in der Gruppe fühlte er sich offensichtlich sicher.

"Autismus ist kein Systemfeher sondern ein anderes Betriebssystem". Hinter diesem Motto stehen Jobcoach Tanja Nittel, Auticon-Leiterin Heike Gramkow und Consultant Fabian Tiedje (v.l.). Foto: Louisa Riepe

Was ist eigentlich Autismus?

Autismus lässt sich nicht in Blutwerten messen oder im Röntgenbild sehen. Aber Fachärzte erkennen bestimmte Verhaltensmuster: Betroffene haben oft Probleme in der zwischenmenschlichen Interaktion, außerdem weisen sie Auffälligkeiten in der Kommunikation auf und haben oft spezielle Interessen Aktivitäten, die sie immer wiederholen. 
Die individuelle Ausprägung ist bei jedem Autisten unterschiedlich. Deshalb sprechen Wissenschaftler inzwischen von Autismus-Spektrum-Störungen. Mädchen und junge Frauen bekommen deutlich seltener eine Diagnose als Jungen und Männer. Die amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention gehen inzwischen davon aus, dass eins von 86 Kindern autistisch ist.



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