Wie Gründer an Geld kommen Start-up-Finanzierung mit Stolpersteinen

Die staatliche Förderbank KfW beteiligt sich über eine Tochter an Start-ups. Foto: dpaDie staatliche Förderbank KfW beteiligt sich über eine Tochter an Start-ups. Foto: dpa

Osnabrück. Um ein Unternehmen zu gründen, braucht man Kapital, das gilt erst recht für technologiegetriebene Start-up-Firmen. Sie stehen beim Thema Finanzierung besonderen Schwierigkeiten gegenüber, denn die Banken scheuen das Risiko. Zum Glück lassen sich innovative Produkte auch auf anderen Wegen finanzieren.

Wer sich mit Jacob Bussmann unterhält, bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig das Thema Finanzierung für junge, technologiegetriebene Unternehmen sein kann. „Die Banken gehen das Risiko nicht ein, Start-ups in einer frühen Phase Geld zu geben. Kredite gibt es frühestens dann, wenn das Start-up Umsätze macht oder wenn der Geschäftsplan so klar ist, dass die Banken wirklich verstehen, was das Unternehmen vorhat. Gerade bei echten Innovationen ist so ein detaillierter Plan in der Anfangsphase aber oftmals gar nicht möglich.“ Bussmann weiß, wovon er spricht. Zusammen mit dem Agrarwissenschaftler Jan Ritter hat der Forstwissenschaftler das Start-up Seedforward gegründet.

Gemeinsam arbeiten die beiden jungen Männer an biologischen Alternativen zu konventionellen Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat. Dabei sollen Ihre Produkte nicht nur die Pflanzen schützen und das Wachstum fördern, sondern gleichzeitig auch noch den Boden verbesser. Außerdem unterstützen die Gründer Agrartechnikfirmen und Landwirte bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Anbauverfahren. Daran arbeiten sie im sogenannten Seedhouse, einer Art Brutkasten für Start-ups in Osnabrück. Seedforward ist eines von mehreren Start-ups, die für einige Monate dort einziehen.

Kein Bankkredit für Start-ups

Das Problem für Start-ups: Anders als bei gewöhnlichen Gründungsvorhaben ist der Weg zum klassischen Bankkredit großteils versperrt. Wer einen Friseursalon oder einen Handelsbetrieb gründen möchte, der kann beispielsweise auf Kredite der staatlichen Förderbank KfW zurückgreifen, wie Enno Kähler erläutert, Gründungsberater der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim (IHK). „Es gibt ein Förderprogramm von der KfW, das sogenannte Startgeld. Das ist ein Produkt, das man relativ häufig empfehlen kann. Es umfasst Kredite von bis zu 100 000 Euro und deckt damit fast alles ab, was in letzter Zeit an Gründungsideen an uns herangetragen wird.“ Es sind allerdings vor allem klassische Gründungsvorhaben, mit denen Kähler konfrontiert wird.

Die Vorzüge des KfW-Startkapitals liegen vor allem in einer weitgehenden Haftungsfreistellung für die Hausbank des Gründers, wie KfW-Sprecher Wolfram Schweickhardt erklärt: „Das KfW-Startgeld ist für diejenigen Gründer, die einen kleinen bis mittleren Finanzierungsbedarf haben. Damit die Hausbanken das durchleiten, gibt es diese Haftungsfreistellung bis zu 80 Prozent. Mit der Risikoabnahme durch die KfW erleichtern wir den Banken die Zusage eines solchen Kredites. Denn sie müssen dann nur 20 Prozent des Risikos auf die eigenen Bücher nehmen.“ Allein in Niedersachsen hat die KfW im vergangenen Jahr 1583 Kredite für Gründungsvorhaben im Volumen von 324 Millionen Euro vergeben.

Wagniskapitalgeber gesucht

Für technologiegetriebene Start-ups wie Seedforward sind die Kredite allerdings nicht das richtige Instrument, wie KfW-Sprecher Schweickhardt deutlich macht. „Solche Unternehmen brauchen statt Fremdkapital eher Eigenkapital. Die holen sich Investoren an Bord, die sogenanntes Wagniskapital bereitstellen. Da gehen die Investoren hin und investieren breit gestreut in etwa zehn Jungunternehmen in der Hoffnung, dass ein, zwei groß werden.“ Auch hier mischt der Staat in Gestalt der KfW seit Neuestem mit, um den Markt für Wagniskapital, auch Venture Capital genannt, zu stärken.

Dieser ist in Deutschland derzeit noch vergleichsweise klein – zuletzt allerdings stark gewachsen. Nach Angaben des Bundesverbands deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) vergaben private Investoren im Jahr 2010 noch 706 Millionen Euro an Wagniskapital, inzwischen wurde die Milliardenmarke geknackt. Allerdings machte das Wagniskapital 2017 mit 1,05 Milliarden Euro nur einen Bruchteil von insgesamt 11,3 Milliarden Euro aus, die private Beteiligungsgesellschaften in Unternehmen investierten.

Um den Markt weiter anzukurbeln, hat die KfW im vergangenen Herbst ihre Beteiligungstochter KfW Capital gegründet. Diese Tochter beteiligt sich Schweickhardt zufolge mit 20 bis 25 Prozent an privaten Venture-Capital-Fonds, die sich wiederum in Start-ups einkaufen. „Unsere Beteiligung wird oft als eine Art Qualitätssiegel gesehen und sendet ein Signal an private internationale Investoren“, sagt Schweickhardt.

NBank mit Beteiligungsprogramm

Auch die niedersächsische Förderbank NBank hat ein Beteiligungsprogramm aufgelegt namens NSeed, das Start-ups dabei helfen soll, Kapitalengpässe zu überwinden. Mit 150 000 bis 600 000 Euro beteiligt sich NSeed als stiller Gesellschafter an jungen, technologiegetriebenen Unternehmen. „Die unternehmerische Führung überlassen wir den Gründern“, betont Georg Henze, Teamleiter Beteiligungen bei der NBank. „Wir sind aber dicht an dem Gründerteam dran und stehen beratend zur Seite, solange wir die Anteile halten.“ Schließlich habe man keine Sicherheiten. Elf Start-ups nehmen an dem Programm teil, die meisten davon in und um Hannover, Göttingen und Braunschweig. Doch auch in Osnabrück und Oldenburg sei man präsent. Namen nennt Henze nicht. Ebenso wie KfW Capital ist NSeed immer um private Co-Finanzierer bemüht. 3,3 Millionen Euro hat NSeed laut Henze im vergangenen Jahr in niedersächsische Start-ups investiert und dazu noch 2,9 Millionen aus der Privatwirtschaft eingeworben.

Die Kooperation zwischen privaten und öffentlichen Investoren ist charakteristisch für die Start-up-Szene. Auch das Seedhouse in Osnabrück finanziert sich aus öffentlichen Fördermitteln und Geldern der regionalen Privatwirtschaft. Florian Stöhr ist Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft, die von 28 Unternehmen aus der Region mit dem Ziel der Start-up-Förderung gegründet wurde. Stöhr betont, dass die Start-ups keine Anteile an die Beteiligungsgesellschaft verkaufen müssten, um in das Seedhouse einzuziehen.

Bei der Suche nach Investoren rät er den Gründern, genau hinzusehen. „Der erste Kandidat ist nicht immer gleich der Richtige. Man muss sich immer überlegen: Passt der strategisch zu uns? Gibt es eine Vertrauensbasis? Man darf nicht nur darauf schauen, wer wie viel Geld für wie viele Anteile gibt.“ Stöhr ergänzt: „Wenn man mit Investoren zu tun hat, sind immer auch Trolle dabei.“

Durchwachsene Erfahrungen mit Geldgebern

Auch Seedforward-Gründer Bussmann und Ritter haben durchwachsene Erfahrungen mit Geldgebern gesammelt. Nachdem sie die Frühphase ihres Start-ups mit dem Exist-Gründerstipendium finanziert hatten, erzählt Bussmann, „hatten wir keine Anschlussfinanzierung, weil noch nicht klar zu definieren war, wie sich das Ganze entwickelt.“ Es habe die Zusage einer Stiftung gegeben, doch das Geld sei nicht gekommen. Dann habe es einen strategischen Investor gegeben. „Das war eine Beratungsfirma, die 500 000 Euro als Wechseldarlehen investieren wollte. Aber sie haben ihr Wort gebrochen und uns einfach fallengelassen“, erzählt Bussmann. „Die haben einfach von heute auf morgen nicht mehr kommuniziert.“

Bussmanns und Ritters Suche nach einem Investor fand letztlich doch noch ein glückliches Ende. Ein sogenannter Impact Investor, die DresInvest GmbH aus Erkerode, war von ihrer Geschäftsidee angetan. Bei Impact Investoren steht nicht allein die Rendite im Vordergrund, sondern es spielen auch soziale und ökologische Ziele eine Rolle. Hinter DresInvest steht ein Ehepaar aus der Automobilbranche. Sie stiegen in Bussmanns und Ritters junge Firma ein. „Sie wollten eigentlich eine Stiftung gründen, haben sich dann aber entschieden, in Nachhaltigkeit zu investieren“, berichtet Bussmann. Das Ehepaar habe sich mit DresInvest an acht Start-ups jeweils mit 200 000 Euro und mehr beteiligt. „Wir haben bisher 12,5 Prozent der Anteile abgegeben. Bei den beiden haben wir auch ein gutes Gefühl, die wollen sich langfristig engagieren“, sagt Bussmann.

Business Angels beteiligen sich

Bei dem Ehepaar handelt es sich um sogenannte Business Angels, die sich an Unternehmen beteiligen und zugleich Existenzgründer mit Know-how und Kontakten unterstützen. „Es ist mehr als nur ‚dummes Geld‘, die bringen auch ihre Kompetenz oder sogar Leidenschaft mit ein“, sagt Bussmann. Der Kontakt kam über das Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND) zustande. Die Finanzierung von Seedforward speist sich aber aus mehreren Quellen. Nach Bussmanns Angaben fördern zwei Stiftungen das junge Unternehmen mit Zuschüssen: Brigitte und Aloys Coppenrath Stiftung aus Osnabrück sowie die Steinhoff Familienstiftung aus Westerstede, die primär junge Forscher fördert. Außerdem habe man fleißig Förderanträge geschrieben und so öffentliche Zuschüsse einwerben können. 

Wie geht es jetzt weiter für das junge Unternehmen? Weitere Investoren an Bord zu holen und damit die eigenen Anteile zu verwässern, das wollen Bussmann und Ritter nicht. Im Gegenteil: Auch wenn es mit ihrem Impact Investor gut läuft, wollen sie ihn auf lange Sicht wieder herauskaufen. Es sei eben ein Gefühl von Einschränkung, „wenn ich jemanden mit im Boot sitzen habe“, sagt Bussmann.

Statt weitere Miteigentümer an Bord zu holen, werden Bussmann und Ritter vermutlich den Gang zur Bank antreten. „Wenn die Umsätze stimmen, bekommst du einen Kredit zu brauchbaren Konditionen“, sagt Ritter. Während Banken für andere Gründer die erste Anlaufstelle in Finanzierungsfragen sind, sind sie für technologiegetriebene Start-ups oftmals die vorerst letzte.


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