„Ein gemeinsamer Arbeitsmarkt ist ein ganz dickes Brett“ Euregio: Viele Chancen bleiben ungenutzt

Wenig Grenzgänger: Potenziale für den Arbeitsmarkt zu nutzen ist laut einer Studie schwierig. Foto: Friso Gentsch/dpaWenig Grenzgänger: Potenziale für den Arbeitsmarkt zu nutzen ist laut einer Studie schwierig. Foto: Friso Gentsch/dpa

Osnabrück. Fachkräftemangel, unbesetzte Lehrstellen, Forschung an Zukunftstechnologien: Eigentlich müsste eine niederländisch-deutschen Kooperation für Unternehmer im Grenzgebiet ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Denn die Probleme, mit denen Firmen kämpfen, sind dies- und jenseits der Grenze die selben. Eine Studie zeigt jedoch, dass diese Chancen selten genutzt werden. Eine Spurensuche.

Die Niederlande sind – nach China – der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Für Niedersachsen steht der Nachbar laut Industrie- und Handelskammern Niedersachsen (IHKN) mit einem Handelsvolumen von 14,1 Milliarden Euro sogar an erster Stelle. Doch ausgerechnet in der Grenzregion bleiben Möglichkeiten der Zusammenarbeit auch 60 Jahre nach Gründung der Euregio noch immer ungenutzt. Das ist das Fazit einer Studie der Universität Osnabrück im Auftrag der großen Euregio-Städte Osnabrück, Münster und Enschede. Philip Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geografie an der Uni Osnabrück, fasst in der Auswertung zusammen:


"Viele schauen lieber 100 Kilometer ins Landesinnere als 50 Kilometer über die Grenze."


 Das sieht Frank Hesse, Geschäftsbereichsleiter International der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, ähnlich. Doch für ihn liegt das nicht nur an den Firmen: „Dass trotz aller intensiven Zusammenarbeit weiter Hürden bestehen, ist nicht zu übersehen. Dies betrifft insbesondere den Arbeitsmarkt, der dies- und jenseits der Grenze noch immer relativ stark reguliert ist“, sagte er und nennt als Beispiel die Entsenderichtlinie. Sie führe zu einem hohen bürokratischen Aufwand bei den Unternehmen, die in anderen EU-Mitgliedsländern wie in den Niederlanden tätig werden wollen. Aber auch die Sprache sei ein limitierender Faktor. Immerhin: Im IHK-Bezirk sind es 796 Firmen, die im Nachbarland aktiv sind. 

Ems-Achse: Volle Auftragsbücher lassen wenig Zeit für Kooperation

Doch nicht immer lassen sich Unternehmen für grenzüberschreitende Projekte begeistern. Diese Erfahrung hat Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse, gemacht. „Insbesondere auf deutscher Seite ist es zurzeit schwierig.“ Der Grund dafür ist aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich ein Grund zur Freude: Die Auftragsbücher sind voll. „Somit bleibt wenig Zeit für den grenzüberschreitenden Austausch, und die Notwendigkeit wird aktuell bei den Betrieben auch nicht gesehen.“ Dabei biete die Grenzregion eine riesige Chance für Unternehmen, findet Lüerßen: „Im Kampf um Fachkräfte können wir besser punkten, wenn wir das ganze Potenzial der Region nutzen und nicht nur im Halbkreis denken. Das gilt für Jobs, Hochschulen, Kulturangebote, Sport und vieles mehr.“

Das sieht man auch auf niederländischer Seite so. „Die Studie zeigt uns, dass die Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Unternehmen aus Deutschland und den Niederlanden längst nicht ausgeschöpft sind“, so Peter Schildkamp, Projektleiter vom Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Enschede. 

Kooperation bei Branchenthemen erfolgreich

Dennoch gibt es eine Reihe von erfolgreichen Aktivitäten, so Lüerßen. Besonders erfolgreich seien diese bei Branchenthemen. „Zum Beispiel, wenn unser Metall- und Maschinenbau-Netzwerk (MEMA) und die Metallunie auf niederländischer Seite etwas gemeinsam unternehmen. Das gilt auch für den Energiesektor, die maritime Wirtschaft oder den IT-Bereich." Dennoch gebe es Luft nach oben, zumal es auf niederländischer Seite ein Bündnis wie die Ems-Achse nicht gebe. Der Ems-Achse-Geschäftsführer fordert:

„Aus grenzüberschreitenden Kooperationen müssen auch konkrete Projekte, Maßnahmen und Mehrwerte generiert werden. Es darf nicht nur Treffen geben, weil es politisch ,in‘ ist oder es Fördermittel gibt.“


Die schleppende betriebliche Kooperation ist laut einer Studie der Ems-Dollart-Region unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Arbeitsmärkte deutlich voneinander getrennt sind. Es gebe kaum grenzüberschreitende Arbeitsmobilität. Das zeigt auch das Beispiel der Grenzstadt Nordhorn. Nur knapp 130 der fast 32.000 Beschäftigten sind Grenzgänger – lediglich 0,4 Prozent, und das trotz höherer Arbeitslosigkeit in den Niederlanden.

Wenig Lehrlinge aus den Niederlanden im IHK-Bezirk

Auch die Zahl der Azubis aus dem Nachbarland ist im IHK-Bezirk Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim vergleichsweise niedrig. Jahrgangsübergreifend sind es aktuell laut IHK 20 Auszubildende mit niederländischer Staatsangehörigkeit. Die Berufsbilder sind dabei bunt gemischt, vom Kaufmann über die Fachkraft im Gastgewerbe oder bis zum Mechatroniker.

Nicht mehr mit dabei sind allerdings Lehrlinge im Bereich Sanitär und Heizung. Sehr zum Bedauern von Berend Lucas, Betriebsleiter regional und Ausbildungsleiter bei Kronemeyer. Seit rund eineinhalb Jahren hat das Unternehmen aus Uelsen keinen niederländischen Azubi mehr. „Die Konjunktur in den Niederlanden hat wieder angezogen, sodass sie auch dort einen Ausbildungsplatz bekommen“, sagt Lucas.

Vor rund fünf Jahren war das anders. Da hatte das Unternehmen aus der Grafschaft mit dem rund 20 Kilometer entfernten Ausbildungszentrum „Regionaal Techniek Centrum“ (RTC) Hardenberg einen Kooperationsvertrag geschlossen. Denn gerade im Sanitärbereich sind Azubis rar gesät, sagt der Ausbildungsleiter. Bis heute. Niederländische Auszubildende drückten am RTC zwei Tage die Woche die Schulbank und absolvierten den praktischen Teil ihrer Ausbildung bei Kronemeyer, jenseits der Grenze.

Fachkräftegewinnung ist im Nachbarland schwierig

Die Erfahrungen waren gut, um so mehr bedauert Lucas, dass sie keine Azubis mehr bekommen. Die Sprache sei „mit Niederländisch und Plattdeutsch“ von Anfang an kein Problem gewesen. „Zu Beginn sind die Azubis mit einem unserer niederländischen Monteure mitgegangen, später mit den deutschen Kollegen“, erzählt er. Mittlerweile sind jedoch alle ehemaligen Azubis zurück in die Niederlande gegangen.

Anders ist das beim Handelsunternehmen Bünting. „Wir beschäftigen eine beträchtliche Anzahl an Mitarbeitern aus den Niederlanden in unseren grenznah gelegenen Standorten“, sagt Personalleiter Peter Detmers. Das Unternehmen plane, das Engagement zur Fachkräftegewinnung in der niederländischen Grenzregion zeitnah noch zu verstärken. Detmers betont:

„Wir sind sicher, dass sich hier weitere Chancen zur Gewinnung von Fachkräften eröffnen.“


Einfach ist das nicht, weiß Ems-Achsen-Geschäftsführer Dirk Lüerßen aus Erfahrung. „Wir haben auch schon eine Reihe von Job-Bussen mit niederländischen Fachkräften zu unseren Unternehmen oder zur Jobmesse in Lingen gebracht.“ Knapp 600 Personen hätten das Angebot bislang genutzt. „Ein gemeinsamer Arbeitsmarkt ist aber ein ganz dickes Brett. Dafür gibt es noch viel zu viele bürokratische Hürden und unterschiedliche Regelungen.“

Ähnlich sieht es Frank Hesse, Geschäftsbereichsleiter International der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, auch mit Blick auf die Gewinnung von Auszubildenden: „Grundsätzlich ist eine stärkere Bewerbung unbesetzter Lehrstellen auf niederländischer Seite zu begrüßen. Allerdings gibt es Hemmnisse, wie unterschiedliche Sozialversicherungssysteme, kulturelle Unterschiede und zunehmend auch Sprachbarrieren.“

Handlungsempfehlung: Mehr Infos und Sprachkurse

Die Handlungsempfehlungen der Osnabrücker Studie, um den grenzüberschreitenden Austausch zu fördern, sind einfach: Kurzfristig brauche es neben langfristigen Ansprechpartnern vor allem Info-Material und Vorzeige-Beispiele, um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit publik zu machen. Hinzu kommen Sprachkurse für Projektteilnehmer sowie grenzüberschreitende Medien.

Langfristig ist jedoch auch die Politik gefragt: Unter anderem müssten Arbeitsmarktbeschränkungen abgebaut werden. Auch eine Förderung grenzüberschreitenden Verkehrs spricht die Studie an. Hier sind die nordrhein-westfälischen Nachbarn Niedersachsen einen Schritt voraus. Fünf niederländische Provinzen haben jüngst mit NRW eine Arbeitsagenda für Mobilität auf den Weg gebracht.


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