DIHK erwartet zehn Millionen neue Anträge Zoll stellt sich auf harten Brexit ein

Nach aktueller Lage sind die Briten am 29. März um 23 Uhr raus aus der EU. Der Zoll stellt sich auf einen harten Brexit ein. Foto: Frank Rumpenhorst/dpaNach aktueller Lage sind die Briten am 29. März um 23 Uhr raus aus der EU. Der Zoll stellt sich auf einen harten Brexit ein. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Osnabrück. In Großbritannien wird politisch auch 29 Tage vor dem Brexit weiter diskutiert, wie, ob und in welcher Form der EU-Austritt kommen soll. Auf eine Entscheidung aus London wartet der deutsche Zoll nicht. Dort laufen die Vorbereitungen für einen harten Brexit.

Lange Staus an den Fährhäfen und am Eurotunnel? Überlaufende Paketzentren? Wie der Tag 1 nach dem EU-Austritt der Briten aussehen wird, darüber kann aktuell auch weiterhin nur spekuliert werden. Auch ein zweites Referendum wird immer wieder ins Spiel gebracht. Die norddeutsche Industrie reagiert trotz politischer Unsicherheit dennoch bereits: Laut einer Umfrage unter 87 Mitgliedsbetrieben von Nordmetall und AGV Nord mit insgesamt rund 31 000 Beschäftigten wollen rund 30 Prozent der Firmen mehr Lagerkapazitäten aufbauen, um Lieferengpässe auszugleichen. Denn jeder dritte Betrieb befürchtet eine Behinderung der Warenströme.

900 Zollstellen bewilligt - doch Nachwuchs fehlt

Beim Zoll stelle man sich bundesweit bereits auf einen harten Brexit ein, sagte Thomas Möller, Leiter des Hauptzollamts Osnabrück. „Wir sind vorbereitet.“ Unter anderem sind im Bundeshaushalt für dieses Jahr 900 zusätzliche Stellen bewilligt, die sukzessive die Verwaltung bundesweit verstärken sollen, heißt es aus der Generalzolldirektion.

Allerdings ist schon jetzt laut einer Auflistung des Bundesfinanzministeriums jede siebte Stelle beim deutschen Zoll aus Personalmangel nicht besetzt. Um bundesweit langfristig den zusätzlichen Personalbedarf zu decken, wird die Ausbildungskapazität erhöht. Doch das braucht Zeit.

An welchen Standorten der Zoll personell verstärkt wird, ist noch nicht entschieden. Allerdings sollen besonders betroffene Bereiche wie Flughäfen oder Seehäfen bei einem harten Brexit mehr Personal bekommen. Auch eine temporäre Unterstützung aus anderen Arbeitsbereichen ist vorgesehen. Wo mehr Mitarbeiter benötigt werden, das hänge auch von den Warenströmen ab, erklärt Möller. „Erst wenn die Wirtschaft reagiert, können wir auch unsere Strukturen anpassen.“ Sie bestimme die Schlagzahl.

DIHK: 200 Millionen Euro Bürokratiekosten

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet im Falle eines ungeordneten Brexits mit bis zu zehn Millionen neuen Zollanmeldungen. Die Kosten allein aufgrund der höheren Zollbürokratie: 200 Millionen Euro, heißt es in der Sonderauswertung einer aktuelle Unternehmensumfrage zum Brexit. Zwölf Prozent der Unternehmen haben demnach auch einen Rückzug aus dem britischen Markt geprüft oder zumindest Vorbereitungen dafür getroffen. Allein in der Region Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim rechnet die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit 5000 zusätzlichen Zollanmeldungen pro Monat.

Betroffen sind unter anderem Logistiker und Paketdienstleister. Erste Konsequenzen hat der Paketkonzern DHL schon gezogen und stellt Hunderte neue Mitarbeiter ein, die sie vor allem um Zollformalitäten kümmern sollen. Seit drei Monaten wöchentlich rund 50. Auch bei Hermes beobachte man die Entwicklungen genau, heißt es aus dem Unternehmen.

750.000 Arbeitsplätze hängen am Handel mit Großbritannien

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich betrug laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr 119 Milliarden Euro. Seit der Brexit-Entscheidung ist diese Summe rückläufig. Vor dem Brexit-Votum war Großbritannien auch mit rund 89 Milliarden Euro Deutschlands größter Absatzmarkt. Im vergangenen Jahr waren es laut vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes nur noch 82 Milliarden Euro und damit Rang 5.

Rund 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Handeln mit Großbritannien ab. Zudem gibt es dort etwa 2500 Niederlassungen deutscher Firmen, die mehr als 400.000 Mitarbeiter beschäftigen. Anders herum haben britische Unternehmen rund 1500 Niederlassungen in Deutschland und beschäftigen etwa 270.000 Mitarbeiter.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN