Elterntiere müssen rausgelassen werden Deutschland droht wegen Bio-Hühnern Ärger mit EU-Kommission

Ein Bio-Huhn. Foto: on Erichsen/dpaEin Bio-Huhn. Foto: on Erichsen/dpa

Osnabrück. Deutschland droht wieder Ärger mit der EU-Kommission: Brüssel könnte in Kürze ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik einleiten. Hintergrund: Die Haltung der Elterntiere von Bio-Legehennen. Denn die verbringen mancherorts ihr ganzes Leben im Stall. Geht gar nicht, heißt es aus Brüssel.

Elterntiere sind wertvoll. Sie sorgen dafür, dass immer genügend Hennen für die Bio-Eierproduktion schlüpfen. Vergleichsweise wenige Betriebe haben sich in Deutschland auf die Haltung der Eltern spezialisiert. Die Betriebe produzieren nur Bruteier.

Foto: dapa/Wüstneck

Die Elterntiere sind deutlich wertvoller als das gewöhnliche Bio-Huhn. Und genau das war wohl der Grund, warum die Eltern auf manchen Betrieben weggeschlossen wurden. Greift der Habicht an, oder gelangt die Vogelgrippe in den Bestand, wird Produktionskapital vernichtet. 

Die Öko-Verordnung der EU schreibt nach Auslegung der Kommission allerdings vor, dass Bio-Tiere Zugang zu Freiland haben müssen- auch deren Eltern. Die Kommission leitete ein sogenanntes Pilotverfahren gegen Deutschland ein. Zweck: Feststellen, ob die Bundesrepublik gegen EU-Vorgaben verstößt.

Direktion zieht eindeutiges Fazit

Nach zahlreichen Briefwechseln zwischen Brüssel und Berlin kommt die zuständige Landwirtschaftsdirektion bei der EU-Kommission zu einem klaren Ergebnis: Eine dauerhafte Unterbringung im Stall sei nicht erlaubt, heißt es in dem Abschlussbericht. Deutschland verstoße gegen die entsprechende Bio-Verordnung. Die Empfehlung an die übergeordnete Kommission: ein entsprechendes Verfahren einleiten.

Auf Nachfrage geben sich die Beteiligten bedeckt. Eine Kommissionssprecherin bestätigt nur, dass die Überprüfung kurz vor dem Abschluss stünde. Aus dem Bundesagrarministerium heißt es, die zuständigen Stellen bei den Bundesländern hätten entsprechende Maßnahmen getroffen. Dies werde der Kommission nun mitgeteilt.

NRW und Mecklenburg-Vorpommern ecken an

Tierhaltung ist in Deutschland Sache der Bundesländer, die Bundesregierung hat vergleichsweise wenig zu melden. Und so kommt es, dass die Bio-Elterntiere je nach Standort des Stalls bislang sehr unterschiedlich gehalten wurden. In Niedersachsen beispielsweise hatten die gut 18.000 Hühner auf ihren neun Betrieben auch Zugang zum Freiland. In Schleswig-Holstein gibt es keine Elterntierfarmen.

In Mecklenburg-Vorpommern hingegen vertrat die Landesregierung bis vor Kurzem noch die Auffassung, ein überdachter Auslauf reiche aus für die besonders wertvollen Hühner. Die Kommission sieht das aber anders, wird aus dem Abschlussbericht deutlich. Die Regierung in Schwerin hat nach unseren Informationen mittlerweile eingelenkt. Per Schreiben an die Geflügelverbände machte das Landwirtschaftsministerium in diesem Monat deutlich, dass die Tiere Freigang haben müssen.

Blick in einen Biostall. Foto: dpa/Förster

In Nordrhein-Westfalen, so ist dem Brüsseler Bericht zu entnehmen, mussten beziehungsweise durften die Tiere teils bislang überhaupt nicht raus. 52.000 Elterntiere verteilen sich laut Landwirtschaftsministerium auf sieben Betriebe. Die meisten haben keinen Zugang zum Freiland. „Wir weisen daraufhin, dass es in der EU-Öko-Verordnung bisher an expliziten Regelungen für die Elterntierhaltung mangelt“, heißt es aus Düsseldorf. 

Die Generaldirektion kommt zu einem anderen Schluss. Teilt die Kommission die Auffassung und leitet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein, könnte die Bundesrepublik am Ende vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt werden. Hohe Strafzahlungen drohen.


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