„Aldisierung der Luftfahrtbranche“ Mobilitätsforscher: Fliegen ist Teil einer globalen Verständigung

Plädiert für eine Deckelung der Flüge pro Person, um das Klima zu schützen: Mobilitätsforscher Andreas Knie, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin). Foto: David AusserhoferPlädiert für eine Deckelung der Flüge pro Person, um das Klima zu schützen: Mobilitätsforscher Andreas Knie, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin). Foto: David Ausserhofer

Osnabrück. Zum Abschluss unserer Serie „Billigflieger – Fluch und Segen“ sprechen wir mit dem Mobilitätsforscher Andreas Knie, Professor für Soziologe an der TU Berlin, über die „Aldisierung der Luftfahrtbranche“, die das Reisen demokratisiert hat. Denn dank günstiger Tickets steht auch weniger Betuchten heute die Welt offen. Allerdings, so warnt Knie, könne dies nicht so bleiben: „Wir kommen nicht umhin, uns eine Reduktion der Flugbewegungen zu verordnen.“

Herr Knie, das 21. Jahrhundert ist bisher das Jahrhundert der Billigflieger, noch nie waren so viele Menschen per Flugzeug unterwegs. Sie aber fordern eine Deckelung der Flüge pro Person. Warum? 

Das Fliegen ist einerseits sehr gut, weil wir damit Neues erleben und Leute aus anderen Kulturen kennen lernen. Dass ist alles wunderbar. Aber das Fliegen ist so grundsätzlich schädlich für das Klima, dass wir uns das nicht mehr in diesem Maß leisten können. Die Flüge sind einfach nicht mit den Erfordernissen, die für eine Bekämpfung des Klimawandels notwendig sind, vereinbar.

Nicht wenige freuten sich in den vergangenen Jahren aber über die sogenannte Demokratisierung des Reisens. Sie sind Mobilitätsforscher, aber auch Soziologe: Kennen Sie einen vernünftigen Grund dafür, dass Reisen wieder wie früher nur einer reichen Elite vorbehalten sein sollte? Das wäre ja die Konsequenz, würden die Billigflieger ihre Preise massiv anziehen.

Nein, dahin sollte die Entwicklung nicht gehen. Reisen sollte eine grunddemokratische Möglichkeit sein. Moderne Demokratien sind raumgreifende Veranstaltungen, Menschen wollen sich bewegen, sie wollen Erfahrungen im wahrsten Sinne des Wortes sammeln. Es ist für die Sicherung des Weltfriedens allemal besser, wenn sich Leute schon begegnet sind als wenn man sich nicht kennt. Insofern ist das Fliegen Teil einer globalen Verständigung, und das ist wirklich etwas Gutes. Aber wir müssen schauen, wie wir das mit dem Erhalt der Erde in Einklang bringen.

Man könnte ja auch bei Kompensationsportalen wie Atmosfair oder für Umwelt-Organisationen spenden, um Schäden durchs Fliegen auszugleichen. Was halten Sie davon?

Naja. Es ist besser, als wenn gar nichts passiert. Aber das ist natürlich ein moderner Ablasshandel. Es löscht die Problematik aus dem Kopf. Dadurch, dass ich weiß, ich habe etwas Kompensatorisches getan, verliere ich Problembewusstsein. Tatsächlich müssen wir aber gerade eine größere Sensibilität entwickeln. Man kann Reisen auch anders organisieren, ohne ein schnelles Hüpfen von A nach B. Denn das ist es, was problematisch ist: sich spontan für ein Einkaufswochenende nach London verabschieden, mal eben kurz übers Wochenende von Hamburg nach Ägypten und wieder zurückfliegen. Es ist fraglich, ob dieses Jet-Setten tatsächlich dann noch völkerverständigend ist.

Aber Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie der Generation Ryanair das Fliegen verbieten können.

Es geht doch nicht ums Verbieten, sondern um ein Privileg, das man heutzutage bekommt. Ryanair und die anderen Airlines leben davon, dass wir auf der Grundlage der Idee der internationalen Verständigung alles dafür tun, dass Fliegen billig ist. Das heißt, dass diese Airlines kaum Steuern zu zahlen haben, zum Beispiel entfällt die Mehrwertsteuer für internationale Flüge. Es wird im Gegenteil viel Steuergeld investiert, damit die Flüge hierzulande stattfinden. Airlines wie Ryanair bekommen an bestimmten Standorten noch Geld dafür, dass sie dort landen und starten. Speziell Ryanair ist auch nicht einmal bereit oder Willens, ihren Mitarbeitern die Tariflöhne, die in der Branche üblich sind, zu bezahlen.

Die Branche ist allerdings in Bewegung, Geschäftsmodelle gleichen sich an. Reden wir hier über eine sterbende Branche? Wird es in Zukunft keine Billigflieger mehr geben?

Billigflieger ist kein guter Begriff. Sagen wir vielleicht so: Es gibt Anbieter, die günstigere Angebote als andere anbieten können. Und ja, auf Dauer werden diese Angebote so nicht erhalten bleiben können. Die Mengen, die die Flugzeuge an CO2 emittieren, sind exorbitant hoch, darauf werden wir zu reagieren haben. Wir können und sollten es uns ökonomisch auch nicht erlauben, einen Flug anzubieten oder anzutreten, der günstiger ist als das Taxi zum Flughafen.

Fliegen würde unweigerlich teurer, wenn man eine Kerosinsteuer einführen würde. Wäre das sinnvoll?

Ja. Die Airlines haben ein Privileg, das heute nicht mehr zu rechtfertigen ist. Wenn man das mit dem Auto oder der Bahn vergleicht. Autofahrer zahlen Mehrwertsteuer und auch Mineralölsteuer und vielerorts auch eine Abgabe für die Straßen, die sie benutzen. Auch die Bahn bezahlt nicht nur Mehrwertsteuer, sondern zusätzlich eine Abgabe für die Nutzung der Schiene. Das alles fehlt in der Luftfahrtbranche. Das heißt, wir haben hier eine völlig ungleiche Wettbewerbsordnung. Und das verführt natürlich die Kunden dazu, schneller einmal den Flieger zu nehmen.

Könnte man dagegen nicht klagen? Das ist doch objektiv betrachtet unfair.

Das ist auf jeden Fall unfair. Die Regelung kommt aus einer längst historischen Zeit als alle dachten, Fliegen sei das Beste, was es gibt auf der Welt.

Das dachten wir von Kreuzfahrten auch mal…

Ja, stimmt. Im Gegensatz zu den Kreuzfahrten hat man Flugreisen aber ganz bewusst günstig gemacht. Man hat gesagt: Nein, das Kerosin darf auf keinen Fall besteuert werden. Und nein, Mehrwertsteuer auf die Tickets dürfen wir auch nicht erheben. Das muss man sich mal vorstellen! Es gibt kein anderes Produkt, worauf keine Mehrwertsteuer erhoben wird. Doch für die Luftfahrtbranche hat man diese Steuern einst ausgeklammert mit dem Argument, dass wir uns doch bitteschön in die Luft bewegen sollen. Dieses Denken ist aus der Zeit gefallen.

Welche Gegenmaßnahme schlagen Sie vor?

Wir brauchen eine europäische Verständigung. Da könnte Deutschland ruhig vorangehen. Wir können den europäischen Luftverkehr natürlich nicht allein regulieren. Aber wir könnten die innerdeutschen Flüge zum Beispiel klassisch verbieten, sodass keine kommerzielle Airline mehr solche Flüge bei uns anbieten darf.

Allerdings sind Verbote selten beliebt, schon gar nicht beim Wähler. Und wer als Politiker fordert, neue Steuern zu erfinden und einzuführen, begeht quasi politischen Selbstmord.

Das sehe ich anders. Menschen sind durchaus bereit, sich zu verändern. Menschen sehen auch, dass das mit dem Klima ein ernsthaftes Problem wird. Menschen sind natürlich in Routinen organisiert, das heißt, sie denken über das, was sie im Verkehr tun, nicht ständig nach. Aber wenn wir uns klar werden, dass Fliegen so massiv klimaschädlich ist und dass diese Art der Fortbewegung mindestens verteuert werden, wenn nicht gar innerhalb Deutschlands verboten werden muss, dann sind Menschen durchaus einsichtig. Zumal es Alternativen gibt. Das ist überhaupt kein Selbstmord, wenn sich ein Politiker für diese Themen einsetzt.

Die Debatte erinnert dennoch an den Veggie-Day, mit dem die Grünen zwar vielleicht Gutes wollten, sich aber doch nur geschadet haben. Menschen lassen nicht gerne bevormunden.

Ja, das stimmt auch. Allerdings ist daran die Journaille auch nicht unschuldig. Manchmal werden Themen hochgepuscht und bekommen eine Bedeutung, die ihnen nicht zusteht. Der Veggie-Day war so ein Fall, denn tatsächlich isst längst nicht jeder Mensch jeden Tag Fleisch. Doch darüber wurde nicht geredet, sondern nur über die angebliche Bevormundung. Die Aufregung war entsprechend groß und nicht angemessen. Zum Thema Mobilität muss man sagen: Wir müssen wir uns genau überlegen, wie wir uns in Zukunft bewegen wollen. Und wir müssen offensiv darüber nachdenken, wie wir die enormen CO2-Emissionen, die in der Höhe ja besonders schädlich sind, und auch die anderen Schadstoff-Ausstöße in den Griff bekommen. Es geht ja nicht nur um CO2. Wir kommen nicht umhin, uns eine Reduktion der Flugbewegungen zu verordnen.

Etwa die Hälfte der Deutschen würde Ihnen hier vielleicht zustimmen. Eine aktuelle Umfrage besagt, dass etwa 50 Prozent der Deutschen sich vorstellen können, aus Umweltschutzgründen auf eine Flugreise zu verzichten. Zugleich sagen etwa 40 Prozent, dass sie planen, in diesem Jahr noch häufiger zu fliegen als sonst. Das ist doch scheinheilig, oder?

Nun, es bildet die Realität wohl gut ab. Zurzeit haben wir unglaublich günstige Flugpreise. Wenn man für 14 Euro von Berlin nach Köln fliegen kann, dann nehmen Menschen den Flieger und setzen sich nicht in die Bahn oder ins Auto. Das ist die Ungerechtigkeit, und die müssen wir ändern. Und das werden die Menschen auch verstehen und akzeptieren.

Ist es nicht auch unfair, wenn Flugpreise wieder steigen? Schließlich machen wir die Welt wieder kleiner, indem wir Menschen, die sich diese Reisen dann nicht mehr leisten können, ausschließen.

Wir haben für den internationalen Flugverkehr vorgeschlagen, die Zahl der Flüge zu deckeln, und zwar auf drei Flugpaare pro Jahr. Es gibt eine Reihe von Menschen, die sagen: Ach, so oft fliege ich ja gar nicht. Die Menschen, die viel fliegen wollen oder müssen, müssten sich von den Wenig-Fliegern die Optionsrechte kaufen. Das ist gerecht. Diejenigen, die viel fliegen möchten oder müssen, zahlen entsprechend mehr für die Schäden, die dadurch angerichtet werden. Solche, die wenig fliegen, werden belohnt. Vielleicht könnten diese Angebote dann nicht immer alle gleichermaßen nutzen, weil sich das Fliegen insgesamt verteuern würde. Aber das ist nun mal so. Nicht jeder kann immer alles haben, von dieser Idee müssen wir uns verabschieden. Ich zum Beispiel kann mir auch keinen Maserati leisten, selbst wenn ich vielleicht gern einen hätte.

Bisher reden wir nur über die Menschen, die in die Billigflieger einsteigen. Was ist mit den Fluggesellschaften, müssten die nicht längst umweltfreundlichere Flugzeuge entwickeln?

Warum denn? Es gibt doch gar keinen Druck. Wir haben keine wirklichen europäischen, schon gar keine weltweiten Debatten über Schadstoffgrenzwerte. Über Lärmgrenzwerte wird diskutiert, da tut sich etwas, Flugzeuge sind leiser geworden, es gibt einige Ansätze. Doch kein Staat traut sich, die Emissionsgrenzwerte drastisch nach unten zu verschieben. Dementsprechend gibt es auch keinen Anreiz für Neuentwicklungen.

Wie könnte man das ändern?

Man müsste ähnlich wie bei Autos über Quoten nachdenken, zum Beispiel, dass jeder zehnte Flug künftig CO2-frei stattfinden muss. Man muss auch über Wasserstoffantrieb nachdenken, über batterieelektrische Systeme, insgesamt über andere Antriebe. Aber die Hersteller und die Airlines tun dies zu wenig, weil der Druck fehlt.

Wären solche Alternativen denn technisch möglich?

Da ist vieles möglich und viel Luft nach oben. Aber ohne Druck passiert zu wenig.

In Ordnung, die Politik sollte also mehr Druck ausüben. Und das Fliegen sollte oder vielmehr muss teurer werden. Welche Alternativen gibt es denn zum Billigflieger? Wie soll man günstig die Welt entdecken, per Fahrrad?

Zum Beispiel durch längere Aufenthaltszeiten. Man erkundet die Welt ja nicht im Flugzeug, sondern indem man andere Länder besucht und auch eine Weile bleibt. Wer für ein Wochenende in die Dominikanische Republik düst und dann sofort wieder zurück oder ein paar Tage in einem All-inclusive-Resort in Ägypten verbringt und dort nicht herausgeht, lernt wohl kaum Land und Leute kennen.

Wie reisen Sie denn persönlich?

Auch ich reise mit dem Flieger. Aber vor allem reise ich mit der Bahn.


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