Kosten werden niedrig gehalten So funktioniert das Geschäftsmodell der Schnäppchen-Airlines

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Fliegen ist schöner: Rund 80 Millionen Fluggäste in Deutschland nutzten 2017 einen sogenannten Billigflieger, Tendenz steigend. Die irische Linie Ryanair (Foto) ist eine der bekanntesten unter den Low-Cost-Carriern, wie die Billigfluglinien offiziell genannt werden. Foto: Daniel Bockwoldt/dpaFliegen ist schöner: Rund 80 Millionen Fluggäste in Deutschland nutzten 2017 einen sogenannten Billigflieger, Tendenz steigend. Die irische Linie Ryanair (Foto) ist eine der bekanntesten unter den Low-Cost-Carriern, wie die Billigfluglinien offiziell genannt werden. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Osnabrück. Wer Ostern oder im Sommer preiswert in die Sonne fliegen will, muss sich ranhalten. Die größten Schnäppchen macht, wer drei bis sechs Monate vor Abflug bucht, je voller die Maschinen, desto höher die Preise. Das gilt für klassische Airlines, aber auch für sogenannte Billigflieger wie Ryanair, Easyjet und Co. Wie diese Fluggesellschaften ihre Kosten niedrig halten, lesen Sie hier.

Dank der Low-Cost-Carrier (LCC), wie Billigflieger korrekt genannt werden, boomt die Luftfahrtbranche wie nie: Jahr für Jahr verzeichnen Statistiker mehr Starts, mehr Verbindungen, mehr Fluggäste. Von den rund 236 Millionen Menschen, die 2017 in Deutschland gelandet oder abgeflogen sind, nutzten 80 Millionen einen LC-Carrier, Tendenz: steigend.

Zwar zogen die Ticketpreise zwischenzeitlich an, was am höheren Kerosinpreis lag, auch weichen die Schnäppchen-Geschäftsmodelle auf und vermischen sich mit denen klassischer Airlines. Doch noch ist der LCC-Markt voller Dynamik. Ein Grund ist die ungebrochene Reiselust: Zweidrittel der Deutschen planen dieses Jahr ein bis zwei Urlaubsreisen. Zwar beurteilen mehr und mehr Menschen das Fliegen aus Umweltschutzgründen grundsätzlich kritischer. Zugleich erklären aber 33 Prozent der Befragten einer Yougov-Umfrage, dass sie 2019 noch häufiger das Flugzeug nutzen wollen als 2018. Und gerade auf Kurzstrecken sind viele bereit, zugunsten eines günstigen Tickets auf Service zu verzichten. Billigfliegen bleibt also im Trend. Und öffnet auch weniger Betuchten die Welt: In einer Statista-Umfrage gaben 30 Prozent an, dass sie sich ohne Billigflieger viel seltener eine Flugreise leisten könnten.

Gebucht wird der Schnäppchenflug online, wo sich eine Unmenge an Reisebüros und – portalen tummelt. Von dort werden Reisewillige auf firmeneigene Buchungsportale der Fluglinien geleitet. Das spart Geld: Buchen Kunden direkt bei der Airline, entfallen Provisionen für Zwischenhändler. Low Cost – geringe Kosten, so funktioniert das Geschäftsmodell Billigflieger. 

Wie die Airlines außerdem ihre Kosten niedrig halten, lesen Sie hier:


Crew

Dass Bordpersonal und Piloten der Low-Cost-Carrier im Vergleich zu anderen Gesellschaften schlechter entlohnt werden, ist weithin bekannt und gilt als zentrales Element des Geschäftsmodells Billigflieger. Auch unzureichende Altersversorgung oder Personalkonzepte, bei denen Piloten quasi in Scheinselbständigkeit arbeiten, sind nicht selten. Der Grund liegt auf der Hand: Je geringer die Personalkosten, desto höher die Gewinne. Insbesondere die irische Linie Ryanair, deren Piloten und Kabinenpersonal bereits mehrfach durch Streiks den Flugverkehr gelähmt haben, wird für seine straffe Kostenstruktur kritisiert. Allerdings lieferten sich auch schon Mitarbeiter von Eurowings, die Billig-Tochter der Lufthansa, Arbeitskämpfe mit ihrem Arbeitgeber. Luftfahrt-Experten erwarten jedoch, dass sich die Arbeitsbedingungen für Piloten und Bordpersonal verbessern, sprich sich denen der klassischen Gesellschaften angleichen. „Dass schlechte Arbeitsplatzkonditionen, wie sie insbesondere Ryanair bietet, tatsächliche oder gar nachhaltig Wettbewerbsvorteile bringen, dürfte mehr als fragwürdig sein“, formuliert es Aviatik-Experte Christoph Brützel.


Gangway

Von wegen bequem über die Gangway in den Flieger steigen: Wer schon einmal mit einem der sogenannten Billigflieger geflogen ist, hat sicher bemerkt, dass die Flugzeuge dieser Gesellschaften ihre Stellplätze praktisch nie direkt am Flughafengebäude haben, sondern an Außenstellplätzen. Der Grund hierfür sind ebenfalls die Kosten, denn sowohl der Standort direkt am Gebäude als auch die Bereitstellung einer Gangway kämen die Fluglinien deutlich teurer zu stehen als die Plätze am Rande der Flughäfen. Zwar müssen die Fluggäste in der Regel mit dem Bus zum Flieger gebracht werden, doch ohne Gangway können dafür alle Türen des Flugzeugs zum Ein- oder Ausstieg genutzt werden und nicht nur eine. Das spart wertvolle Minuten, denn so kann das Flugzeug schneller wieder abheben, schließlich kostet jede Minute am Boden zusätzliches Geld. Dass die Passagiere zu Fuß zu den Maschinen laufen, kommt ebenfalls vor. Auch mit der Wahl der Flughäfen wird gespart: Häufig fliegen die LCC-Linien von einem Regionalflughafen zum anderen, da hier die Kosten für die Gesellschaft geringer sind als bei großen, internationalen Drehkreuzen.


Kerosin

Auch wenn die Schnäppchen-Fluglinien an allem und jedem sparen: Mit dem Kerosin zu geizen. würde sich nicht auszahlen – obwohl dieses Gerücht immer wieder kolportiert wird. So verursachten schon 2012 Fälle angeblicher Notlandungen dreier Ryanair-Maschinen in Valencia weltweit aufgeregte Schlagzeilen. Der Grund für die außerplanmäßigen Landungen: wenig Kerosin an Bord. Allerdings hatte nicht etwa die Airline daran gespart, schuld war vielmehr ein heftiges Gewitter, das die Flugzeuge zum Kreisen über dem Flughafen zwang. Irgendwann baten die Piloten, bald landen zu dürfen, da das Kerosin sich neige. Dies hätte auch bei Flugzeugen hochpreisiger Linien passieren können. Dennoch helfen niedrige Kerosinpreise grundsätzlich dabei, die Ticketpreise günstig zu halten, was ja das zentrale Geschäftsmodell der Low-Cost-Carrier darstellt. Verteuern sich aber Öl und somit auch Kerosin, schmälert das die Gewinnmarge. Auch eine Kerosinsteuer, die Umweltverbände immer wieder fordern, lehnen die Airlines ab. Theroetisch wäre eine solche Steuer in der EU seit 2004 möglich. Doch bisher konnten sich deren Verfechter nicht durchsetzen.


Flugzeugtypen

Eine gängige Möglichkeit, Kosten zu sparen, ist die Beschränkung auf nur wenige Flugzeugtypen. Der Grund: Sind nur ein oder zwei Modelle im Gebrauch, reduziert das anfallende Wartungs- und Reparaturkosten der Flotte. Auch ermöglicht dieses Prinzip einen sehr flexiblen Einsatz der Maschinen, da sie praktisch auf jeder Strecke im Angebot der Fluglinie fliegen können. Neben den vergleichsweise niedrigen Unterhaltskosten sind die häufig verwendeten Schmalrumpfflugzeuge (etwa vom Typ Boeing 737 oder Airbus A320) auch in der Anschaffung günstig – was der Grund ist für die in der Regel jungen Flotten der Billigflieger. Das rechnet sich: Modernere Flugzeuge gehen weniger oft kaputt und verbrauchen weniger Treibstoff. Die Reduzierung der Modellpalette ist auch im Hinblick auf die Piloten ein Sparmodell: Während beim Pkw-Führerschein eine Fahrerlaubnis für alle Automodelle ausreicht, brauchen Piloten für jeden Flugzeugtyp eine eigene Lizenz. Je mehr Flugzeugtypen im Einsatz sind, desto umfassender muss die Ausbildung der Piloten ausfallen, auch können Piloten bei Bedarf, etwa im Krankheitsfall, nicht einfach ausgetauscht werden.


Verbindungen

Im Gegensatz zu klassischen Fluggesellschaften bieten die sogenannten Billigflieger in der Regel ausschließlich Direktverbindungen an, ein Umsteigen entfällt. Wenn Passagiere ohne Umstieg ihr Wunschziel nicht erreichen können, müssen sie bei diesen Airlines ihren Umstieg selbst organisieren. Das erspart den Fluglienien enorme Kosten: Bringt beispielsweise ein herkömmlicher Ferienflieger seinen Passagier via Umstieg bis zum Zielort, muss die Fluggesellschaft für diesen einen Fluggast zwei Flugzeuge samt Crew zur Verfügung stellen. Auch das aufwändige Umladen des Gepäcks können sich Low-Cost-Airlines, die größtenteils Kurz- und Mittelstrecken im Angebot haben, sparen. Nicht zu unterschätzen sind auch die logistischen Schwierigkeiten, die das Umsteigen mit sich bringt: Flugpläne müssen penibel abgestimmt werden, Kooperationen mit anderen Fluglinien sind üblich, was Aufwand, Komplexität und Störanfälligkeit des fragilen Systems erhöht – und Kosten treibt. Allerdings ist auch hier die Branche in Bewegung, Geschäftsmodelle nähern sich an. Einige Schnäppchen-Linien bieten zum Beispiel bereits Fernverbindungen an. 


Gepäck

Je intensiver Preise verglichen werden, desto größer die Gefahr, dass Kunden abspringen. Um dies zu verhindern, setzen Billigfluglinien auf die Direktvermarktung über das Internet. Ist der Kunde erst einmal auf der Webseite der Fluglinie, kann er weniger leicht das dortige Angebot mit dem anderer Anbieter vergleichen. Dabei unterscheiden sich gerade Zusatzkosten von Airline zu Airline, zum Beispiel Mehrkosten für Gepäckbeförderung, das Reservieren bestimmter Plätze, etwa am Fenster oder am Notausgang, für den Bordservice, für Versicherungen oder den persönlichen Check-in, der höhere Kosten verursacht als das Online-Einchecken . Jedoch reagieren Kunden durchaus preissensibel. So haben hohe Preise für Reisegepäck, das über Handgepäck hinausgeht, dafür gesorgt, dass Reisende auf zusätzliche Koffer verzichten und stattdessen die vorgegebenen Maße für das Handgepäck bis auf den letzten Zentimeter und das letzte Gramm ausnutzen. Wer häufiger mit dem Billigflieger abhebt, kennt den Kampf um die Gepäckfächer über den Sitzreihen. Da viel Gewicht aber ein Kostentreiber ist, werden die Höchstmaße immer wieder angepasst. 


Sitze

Für viele Reisende ist das Thema Beinfreiheit beim Buchen kein großes Thema. Den Umstand, dass vor allem bei Kurzstrecken auf Bequemlichkeit weniger Wert geklagt wird, machen sich Low-Cost-Carrier zunutze. Der Grund ist leicht nachzuvollziehen: Je mehr Sitze in die Maschine passen, desto mehr Fluggäste pro Flug können befördert werden und desto höher steigen Umsatz und Gewinn. Um Platz zu sparen, werden zum einen die Sitze flacher, sprich weniger ausladend gebaut, zum anderen werden sie näher zusammengerückt. Hier einige Maße: Während Eurowings-Sitze 78,7 Zentimeter Abstand zum Vordersitz haben sind es bei Ryanair nur 76,2 Zentimeter. Versüßt wird die Enge durch günstige Tickets. Eine gesetzliche Mindestvorgabe für die Abstände gibt es bisher übrigens nicht, ein entsprechender Vorstoß wurde von einem US-Gericht gestoppt, da die Enge nicht zwingend ein Sicherheitsproblem darstellt. Tests hatten gezeigt, dass der Sitzabstand etwa bei Evakuierungen keinen Unterschied macht. Allerdings warnen Kritiker, dass immer dicker und schwerer werdende Fluggäste perspektivisch durchaus zum Problem werden könnten. 


Service

Wenn Reisende sich für einen Flug im Billigflieger entscheiden, buchen sie dort nur die reine Beförderung von A nach B, der Service an Bord ist in der Regel nicht oder in nur sehr eingeschränkter Variante im Preis enthalten. Doch auch beim Low-Cost-Carrier gibt es selbstverständlich Essen und Getränke an Bord, allerdings gegen Aufpreis. Jeder Fluggast kann sich also auch im Billigflieger eine Rundumversorgung buchen, wenn er dies denn möchte. Dieses sogenannte à la Carte-Prinzip lässt das Geschäftsmodell Billigflieger überhaupt erst funktionieren: Nur mithilfe der kostenpflichtigen Zusatzangebote können die Airlines den niedrigen Grundpreis für die Beförderung, an dem sie nahezu nichts verdienen, kompensieren. Dieses eigentlich den Low-Cost-Carriern vorbehaltene Prinzip findet allmählich auch bei traditionellen Fluglinien mehr und mehr Nachahmer. Viele Airlines haben ihre kostenfreie Bordverpflegung in den vergangenen Jahren zusammengestrichen, die goldenen Zeiten von kostenlosem Champagner und Kaviar an Bord, sofern es sie denn je gab, sind Geschichte. Es sei denn natürlich, der Fluggast zahlt dafür. 


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