Exportgeschäft in Gefahr Wie ein harter Brexit die deutschen Autohersteller treffen würde

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Deutsche Autos bei einem britischen Händler: Die Exporte sind in 2017 bereits um vier Prozent zurückgegangen. Foto: dpa/Andy RainDeutsche Autos bei einem britischen Händler: Die Exporte sind in 2017 bereits um vier Prozent zurückgegangen. Foto: dpa/Andy Rain

Hamburg. Für die deutschen Autohersteller wäre ein harter Brexit der "Worst Case". Schon jetzt sind die Auswirkungen deutlich spürbar.

Die No-Deal-Katastrophe rückt näher. Ein harter Brexit könnte einen wirtschaftlichen Kollaps in Großbritannien auslösen. In höchste Alarmbereitschaft versetzen die besorgniserregenden Entwicklungen auf der Insel auch die deutschen Autohersteller. Ihr Exportgeschäft in Großbritannien ist bereits eingebrochen. Die Auswirkungen nach einem ungeregelten Abkommen sind für sie unkalkulierbar. Eines ist jedoch klar.

"Ein harter Brexit wäre der ,Worst Case'. Er würde die automobilen Lieferketten unmittelbar treffen", sagt Sandra Courant, Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), gegenüber unser Redaktion. Nur ein Verbleib Großbritanniens in der Zollunion und im Binnenmarkt könne funktionierende Lieferketten auf beiden Seiten des Ärmelkanals aufrechterhalten. 

Danach sieht es derzeit – wenige Tage vor der entscheidenden Brexit-Abstimmung im britischen Parlament – allerdings nicht aus. Als beinahe gesichert gilt es, dass die Abgeordneten im Unterhaus am kommenden Dienstag gegen den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May mit der EU stimmen werden. 

Weiterlesen: Im Falle eines No-Deal-Brexits: Nur drei Tage Zeit für einen Plan B

Die Haltung der Parlamentarier zu einem harten Brexit ist klar: sie wollen kein "Worst-Case-Szenario". Allerdings zeichnet sich derzeit keine Mehrheit für einen Alternativplan ab und deshalb steuert das Vereinigte Königreich weiter unaufhaltsam auf einen Brexit zu, bei dem das Land die EU am 29. März ohne Abkommen verlassen würde.

Zur Sache

Harter Brexit
Mit einem harten Brexit wird ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU bezeichnet. Dies wäre der Fall, wenn es bis zum 29.März kein ratifiziertes Austrittsabkommen und keine Bitte Großbritannies zur Verschiebung des Austritts geben würde. Im Vereinigten Königreich drohen dann chaotische Verhältnisse in allen Lebensbereichen. Vor allem die Wirtschaft fürchtet Einbußen. Die nationale Währung, das britische Pfund, könnte deutlich an Wert verlieren, Hauspreise könnten fallen. Deutschland müsste beim Export mit Verlusten rechnen - gerade die deutsche Autoindustrie wäre betroffen, deren größter Export-Markt Großbritannien ist.

"Massive Beeinträchtigungen in der Logistik"

Im Falle eines harten Brexits erwarten die deutschen Autohersteller laut VDA-Sprecherin Courant "massive Beeinträchtigungen in der Logistik". Hinzu kämen hohe Zollkosten, die das Exportgeschäft belasten würden. Ohne Abkommen gäbe es aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine Übergangsfrist. Diese zwei Jahre seien aber nötig, um praktikable Lösungen für das zukünftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien zu finden.

Schon jetzt sind die Auswirkungen des Brexit-Chaos für die deutsche Autoindustrie deutlich spürbar. Laut VDA-Zahlen sind die deutschen Autoexporte nach Großbritannien im Jahr 2017 bereits um vier Prozent zurückgegangen. Es wurden 769.000 deutsche Pkw auf der Insel verkauft, zuvor waren es noch 799.000 Fahrzeuge. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2018 liegen derzeit noch nicht vor.

Deutsche Autohersteller scheuen Investitionen

Auch in umgekehrter Richtung gibt es große Verluste zu verzeichnen. Die Autoexporte aus Großbritannien in die EU verringerten sich in 2017 um fast fünf Prozent. Zudem brachen die Verkaufszahlen auf dem britischen Pkw-Markt ein. Es gab rund sechs Prozent weniger Neuzulassungen. Für 2018 wird ebenfalls ein kräftiges Verkaufs-Minus erwartet. 

Weil die Auswirkungen nach dem 29. März derzeit für die deutschen Autohersteller noch unkalkulierbar sind, agieren sie äußerst vorsichtig. „Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Die Erfahrung zeigt, dass Investitionen meist so lange zurückgestellt werden, bis Klarheit besteht“ , sagt Courant.

Britische Autohersteller haben bereits Maßnahmen ergriffen:

  • Der größte britische Fahrzeughersteller Jaguar Land Rover wird weltweit rund 4500 Stellen streichen. Bereits im vergangenen Jahr hatten 1500 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. "Die nächste Phase dieses Transformationsprogramms beginnt mit einem freiwilligen Entlassungsprogramm in Großbritannien", hieß es in einer Mitteilung des Konzerns. Jaguar Land Rover zählt zu denjenigen, die am lautstärksten vor den Folgen des Brexits für britische Produzenten gewarnt haben. 
  • Die BMW-Tochter Rolls Royce zieht ihre Produktionspause vor. Das Werk in Goodwood in der Grafschaft West Sussex schließe statt normalerweise im Sommer dieses Jahr in den ersten beiden Aprilwochen, erklärte Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA.

So verteuern sich deutsche Autos

Wie sehr ein harter Brexit ein deutsches Exportauto für den britischen Konsumenten verteuern könnte, zeigt eine Studie des Wirtschaftsprüfers Deloitte aus dem Juni 2017. Demnach würde sich ein deutsches Autofabrikat auf dem britischen Markt im Schnitt um 5600 Euro verteuern. Außer höheren Zöllen und erheblichen Einschränkungen in der Lieferkette führte auch eine Abwertung des britischen Pfunds zu negativen Resultaten auf deutscher Kostenseite. Die Studie geht von Preissteigerungen von 21 Prozent für deutsche Autos aus. Wegen der höheren Kosten und des Absatzrückgangs sowohl im Volumen- als auch im Premiumsegment seien Umsatzeinbußen von 6,7 Milliarden Euro zu erwarten. Dies entspräche einem Gewinnrückgang von 600 Millionen Euro, 18.000 Arbeitsplätze wären in Gefahr. Viel Zeit bleibt den deutschen Autobauern nun nicht mehr, um den Folgen eines harten Brexits entgegen zu steuern. 


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