Zeche stellt Betrieb ein Steinkohle-Aus in Ibbenbüren: Schicht im Schacht

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Die letzten ihres Berufsstandes: die Bergleute Andreas Witthacke und Dirk Schäfer (rechts) bringen den Zechenbetrieb in Ibbenbüren zu Ende. Hinter ihnen geht es anderthalb Kilometer in die Erde hinab. Foto: Manuel GlasfortDie letzten ihres Berufsstandes: die Bergleute Andreas Witthacke und Dirk Schäfer (rechts) bringen den Zechenbetrieb in Ibbenbüren zu Ende. Hinter ihnen geht es anderthalb Kilometer in die Erde hinab. Foto: Manuel Glasfort

Ibbenbüren. Der Steinkohlebergbau in Deutschland ist Geschichte, als eines der letzten zwei Bergwerke hat die Zeche in Ibbenbüren die Förderung eingestellt. Ein Aus mit Ansage – und dennoch trifft es die Kumpel hart.

Der Förderturm am Nordschacht in Ibbenbüren ragt in den trüben Dezemberhimmel. An der Spitze der stählernen Landmarke drehen sich ab und an die zwei Seilscheiben – ganz so als würde hier noch Steinkohle ans Tageslicht gefördert. Doch damit ist es vorbei, längst laufen die Rückzugsarbeiten. Nach rund 500 Jahren endet der Kohlebergbau im Tecklenburger Land. Mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop Ende dieser Woche ist der deutsche Steinkohlebergbau Geschichte. Schicht im Schacht. Die Politik will es so.  (Hier weiterlesen: Das Ende des modernsten Bergbaus in Europa)

Bereits am 17. August dieses Jahres stellte die RAG Anthrazit Ibbenbüren den Regelbetrieb ein, auf Wunsch der Belegschaft blieb die Öffentlichkeit außen vor. „Das ist schon eine emotionale Kiste“, sagt Volker Krause, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Bergwerk. Krause schreitet durch die Flure des Verwaltungsgebäudes, das die Handwerker schon für die Nachnutzer umbauen. Jahrzehntelang hat Krause über Tage für die Zeche gearbeitet, doch ihm geht das Aus nicht weniger nahe als den Kumpeln unter Tage.

"Wir haben hier unseren Berufsstand beerdigt"

Besonders aufwühlend wurde es für Krause und seine Kollegen noch einmal am 4. Dezember, dem Gedenktag der Bergbau-Schutzpatronin St. Barbara. Die Kumpel förderten das symbolische „Letzte Fördergefäß“ zutage und überreichten es an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), das Steigerlied wurde angestimmt. Als Krause davon erzählt, kämpft er gegen die Tränen. „Wir haben hier an diesem Tag unseren Berufsstand beerdigt“, sagt Krause.

Mit schwerem Gerät arbeiteten die Kumpel unter Tage. Das Bild zeigt einen Seitenkipplader. Nach Einstellung des Regelbetriebs müssen solche Maschinen an die Oberfläche geholt werden. Foto: RAG Anthrazit Ibbenbüren

Bis zum Jahr 2014 förderte die Zeche noch rund zwei Millionen Tonnen Steinkohle jährlich, die zum Großteil im benachbarten Kraftwerk verfeuert wurde. Seither wurde die Förderung gedrosselt auf 870 000 Tonnen bis August dieses Jahres. Parallel schrumpfte die Belegschaft, die meisten Kumpel gingen in den Vorruhestand. Wer dafür zu jung war, kam woanders unter.

Auch wenn inzwischen keine Kohle mehr auf der Zeche gefördert wird, arbeiten noch immer mehr als 800 Bergleute in Ibbenbüren. Sie sind mit dem Rückbau der unterirdischen Anlagen beschäftigt. Rohre, Leitungen und schweres Gerät müssen aus den horizontalen Tunneln entfernt werden, den sogenannten Strecken. Erst danach können die senkrecht in die Tiefe führenden Schächte mit Beton verschlossen werden. „Es ist nicht so, dass man eine Tür zumacht, und damit ist die Sache erledigt. Wir ziehen uns nun Schritt für Schritt zurück“, erklärt Heinz-Dieter Pollmann, der den Rückzug leitet. Pollmann ist Markscheider, ein öffentlich bestellter Vermessungsingenieur im Bergbau. Läuft alles nach Plan, werden im kommenden Jahr die Schächte versiegelt.

Markscheider Heinz-Dieter Pollmann ist für die Beendigung des Bergbaus in Ibbenbüren verantwortlich. Er organisiert den Rückzug aus dem Bergwerk. Foto: RAG Anthrazit Ibbenbüren

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich die Ibbenbürener Bergleute immer tiefer ins Erdreich vorgegraben, durch den Nordschacht geht es 1560 Meter hinab, damit ist er einer der tiefsten Schächte Europas. Es ist einer der gravierenden Nachteile der deutschen Steinkohle, dass sie sehr tief im Boden liegt und unter schwierigen geologischen Bedingungen gefördert werden muss. Das macht sie – zusammen mit hohen Sicherheits- und Umweltstandards – deutlich teurer als Kohle vom Weltmarkt.

Allein dank staatlicher Subventionen blieb der Abbau hierzulande rentabel. Nach Angaben des Umweltbundesamtes flossen allein zwischen 1980 und 2003 mehr als 100 Milliarden Euro an Fördergeldern. Der EU waren die Subventionen ein Dorn im Auge. Nach jahrelangem, zähem Ringen zwischen der Politik, dem RAG-Konzern und den Gewerkschaften folgte 2007 der Ausstiegsbeschluss, damals arbeiteten noch fast 33 000 Bergleute beim Zechenunternehmen RAG. Die Kosten für den Ausstieg aus der Förderung wurden auf 30 Milliarden Euro taxiert, von denen der Steuerzahler 21 Milliarden trägt. (Hier weiterlesen: Hier endet das Kohlezeitalter)

Auf die Frage nach Sinn und Unsinn des Ausstiegs seufzt Markscheider Pollmann und holt aus: „Eine Volkswirtschaft benötigt Energie. Die Kohle war unsere Versicherung, und diese Versicherung haben wir mit der Schließung der Steinkohlezechen aufgegeben.“ Mit dem Ausstieg ändere sich der Strommix nicht, denn die heimische Kohle werde durch Importkohle ersetzt. „Ich halte die Entscheidung für fragwürdig. Aber irgendwann hat es keinen Sinn mehr, diese Diskussion zu führen.“ Der 56-Jährige hat die Schließung des Bergwerkes West im Ruhrgebiet 2012 begleitet, ehe er nach Ibbenbüren kam. „Kein Mitarbeiter, der hier auf dem Bergwerk arbeitet, wird den Abschied von der Steinkohle frohen Mutes wegstecken“, sagt Pollmann. Dennoch: „Die Kollegen, die jetzt unter Tage beschäftigt sind, sind genauso engagiert dabei, die Grube leer zu räumen, wie sie vorher die Kohle rausgeholt haben.“

Der Nordschacht des Bergwerkes Ibbenbüren. Foto: RAG Anthrazit Ibbenbüren

Zwei dieser Mitarbeiter beenden kurze Zeit später ihre Schicht. Andreas Witthacke und Dirk Schäfer entsteigen dem Aufzug, der sie aus den Eingeweiden des Bergwerkes wieder an die Tagesoberfläche gebracht hat. Auf dem Weg zur Umkleide durchqueren sie die Lampenstube, eine große Halle, in der sie bei Schichtbeginn ihre persönliche Helmlampe geholt haben – unter den Augen einer hölzernen St.-Barbara-Figur. „Glückauf!“ rufen die Kumpel in den Hallen und Fluren einander zur Begrüßung zu.

Als Sicherheitsbeauftragte verbringen Witthacke und Schäfer ihre verbleibende Zeit auf der Zeche. Das Thema Arbeitsschutz wird in Ibbenbüren großgeschrieben, wie Krause nicht müde wird zu betonen. Davon zeugen auch die vielen Schilder in den Gebäuden, die die Kumpel zur Umsicht ermahnen. Das letzte schwere Grubenunglück in Ibbenbüren liegt Jahrzehnte zurück: 1981 kamen bei einem Gasausbruch acht Männer ums Leben. Seit der Jahrtausendwende ging die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle nach RAG-Angaben deutlich zurück.

In Tiefen von bis zu 1560 Metern wurde in Ibbenbüren Kohle abgebaut. In Ibbenbüren wurde Anthrazit gefördert, die hochwertigste Kohlesorte. Foto: RAG Anthrazit Ibbenbüren

Witthacke und Schäfer sind Bergleute durch und durch. Rund drei Jahrzehnte hat jeder von ihnen unter Tage geschuftet, in lebensfeindlichen Tiefen, die künstlich mit Atemluft versorgt und auf erträgliche Temperaturen heruntergekühlt werden müssen. Schäfer heuerte 1987 auf der Zeche als Lehrling an, Witthacke im Jahr darauf. „Als wir in der Lehre das erste Mal runter durften, konnte ich es gar nicht abwarten“, erinnert sich Witthacke, dessen Vater schon auf der Zeche war. „Ich wollte das eigentlich immer machen. Handwerk war sowieso meine Vorstellung, aber ich wollte nicht in einer Halle stehen.“ Schäfer hebt die Kameradschaft unter Tage hervor. „Das Schöne am Beruf Bergbau: Geht nicht, gibt’s nicht. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir auf irgendeinem Weg geschafft. Das finde ich super.“

Entsprechend schwer fällt den beiden der bevorstehende Abschied. Schon im kommenden Jahr soll die Belegschaft weiter auf 350 Mitarbeiter schrumpfen. Ein Großteil davon wird zum Jahresende in den Ruhestand gehen, rund zwei Dutzend Bergleute bleiben für weitere Arbeiten. Die Anpackermentalität wird bleiben, auch nachdem Schäfer und Witthacke ihre letzte Schicht gefahren haben. Der 48-jährige Schäfer will Arbeiten an seinem Haus in Angriff nehmen, das er – klar – mit Kohle aus dem Ibbenbürener Bergwerk beheizt. „Jetzt muss ich mich darauf vorbereiten, dass ich sie woanders herholen muss.“


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