Interview Deutsche Wirtschaft: Russland-Sanktionen werden übererfüllt

Meine Nachrichten

Um das Thema Wirtschaft Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Deutsche Technik für Russland: Der mangelnde politische Rückenwind erschwert die Geschäfte. Andere Länder stoßen in die Lücke. Foto: Hendrik Schmidt/dpaDeutsche Technik für Russland: Der mangelnde politische Rückenwind erschwert die Geschäfte. Andere Länder stoßen in die Lücke. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Moskau. Die deutsche Wirtschaft hat der Berliner Politik vorgeworfen, ihrem Russlandgeschäft durch moralischen Übereifer und eine übertriebene Dämonisierung Moskaus zu schaden. Russland hingegen profitiere sogar von den Sanktionen. Deren Verlängerung steht in Kürze bevor.

In einem Interview mit unserer Redaktion erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer, Matthias Schepp, andere europäische Staaten hätten geringere Berührungsängste als Deutschland. "So stoßen andere Länder und Lieferanten in die Lücken, die wir ohne Not hinterlassen", sagte der Kammerchef in Moskau. Die russischen Staatsfinanzen seien zudem mehr als stabil. 

Das Interview hat folgenden Wortlaut: 

Herr Schepp, wie sehr leidet Russlands Wirtschaft unter den Sanktionen?

Nur eingeschränkt. Die Probleme, die Russland hindern mit mehr als 1, 5 Prozent pro Jahr zu wachsen , liegen tiefer. Die Sanktionen haben auch positive Folgen. 

Zum Beispiel welche?

Der notgedrungene Versuch der russischen Regierung, ausländische Produkte zu ersetzen, belebt in einigen Bereichen die eigene Wirtschaftskraft. Im Agrarsektor und einigen anderen Segmenten sind Märkte für westliche Anbieter inzwischen dauerhaft verloren. In diesen Bereichen leiden demnach eher unsere deutschen exportorientierten Firmen. Als Wirtschaftsverband kritisieren wir, dass Deutschland die Sanktionen regelrecht übererfüllt. Da wurden zeitweise Messezuschüsse eingeschränkt, da meiden deutsche Spitzenpolitiker große russische Wirtschaftsforen auf denen die Staats- und Regierungschefs anderer Sanktionsländer wie Frankreich, Italien, Österreich und Japan neben Wladimir Putin auftreten. So stoßen andere Länder und Lieferanten in die Lücken, die wir ohne Not hinterlassen.

Die russische Wirtschaft leidet also bedingt – wie steht es um die Staatsfinanzen?

Die finanzpolitische Stabilität ist beachtlich. Russland zeigt sich als größter Flächenstaat der Erde im Vergleich zu anderen Schwellenländern wie Brasilien und Türkei trotz eines Abwertungsdrucks auf den Rubel relativ krisenresistent. Das Land wird zwar auf absehbare Zeit wachstumsschwach bleiben. Aber man muss festhalten, dass es den Doppelschock aus zeitweise sehr niedrigen Preisen für Öl und Gas und den westlichen Sanktionen gut verkraftet hat.

Matthias Schepp leitet die Deutsch-Russische Außenhandelskammer mit mehr als 800 Mitgliedsunternehmen. Foto: AHK

Was heißt das konkret?

Im fünften Jahr der Sanktionen ist es der Zentralbank mit ihrer international hoch angesehenen Chefin gelungen, die Preissteigerung auf den niedrigsten Stand seit dem Zerfall der Sowjetunion zu senken. Zugleich verfügt Russland inzwischen über die fünftgrößten Währungsreserven der Welt knapp hinter Saudi-Arabien. Der Außenhandelsüberschuss stieg in den ersten drei Quartalen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 20 auf 76 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat das Land die weltweit sechstniedrigste Staatsschuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Sie liegt bei 13 Prozent. In Deutschland reden wir über 64 Prozent, in den Südländern der EU über mehr als 100 Prozent. Russland zahlt seit 2014 Schulden zurück. Wer macht das sonst?

Also alles sorgenfrei?

Das auch wieder nicht. Russland leidet weiter an postsowjetischen Krankheiten wie Vetternwirtschaft, Korruption, Überbürokratisierung und einer insgesamt schwach ausgeprägten Privatwirtschaft. Immerhin aber ist es gelungen, die Abhängigkeit von Öl und Gas deutlich zu senken. 2013, vor dem Ukrainekonflikt, hing der Staatshaushalt zu 52 Prozent von Steuern auf Öl und Gas ab, im vergangenen Jahr zu 40 Prozent. Um ein ausgeglichenes Budget zu haben, brauchte Russland 2013 einen Ölpreis von 113 Dollar, in 2017 nur noch von 70 Dollar. Bemerkenswert ist, dass Präsident Wladimir Putin trotz relativ guter Zahlen eine ambitionierte Rentenreform angestoßen hat und die Lebensarbeitszeit deutlich verlängert. Damit macht er sich nicht gerade beliebt.

Russland geht es also nicht schlecht – und den deutschen Firmen?

Tja. Sie halten sich sehr ordentlich. Dies zeigen unsere regelmäßigen Umfragen unter unseren 870 Mitgliedern. Die deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland sind zuletzt gestiegen. In 2017 betrugen sie laut Bundesbank 1, 6 Milliarden Euro. Das liegt an drei Faktoren: dem niedrigen Rubelkurs, der Investitionen in diesem großen Markt günstig macht, einigen Verbesserungen beim Investitionsklima und protektionistischen Maßnahmen der russischen Regierung, die Firmen dazu drängen, vor Ort zu produzieren. Unsere Mitglieder wünschen sich eindeutig mehr Rückenwind aus der Berliner Politik fürs Russlandgeschäft. Gerade in politischen Krisenzeiten ist die Wirtschaft eine starke und verlässliche Brücke.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN