Experte: Hersteller müssen "Strom geben" Autobranche bleibt im Spannungsfeld zwischen Innovation und Diesel

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Deutsche Hersteller haben eine gute Marktposition, sagt VDA-Präsident Bernhard Mattes. Für Automobilexperte Stefan Bratzel laufen sie dennoch den Entwicklung hinterher. Zudem sieht er auch andere Antriebstechnologien mit Zukunftsaussicht. Foto: Christophe Gateau/dpaDeutsche Hersteller haben eine gute Marktposition, sagt VDA-Präsident Bernhard Mattes. Für Automobilexperte Stefan Bratzel laufen sie dennoch den Entwicklung hinterher. Zudem sieht er auch andere Antriebstechnologien mit Zukunftsaussicht. Foto: Christophe Gateau/dpa

Frankfurt. Ein hoher Mobilitätsbedarf, Diesel-Diskussion, Digitalisierung und der Zollstreit mit den USA, die Herausforderungen der Automobilindustrie sind aktuell groß. Für Automobilexperte Stefan Bratzel geht es in den nächsten Jahren um das eigenständige Überleben der Konzerne.

Als „prall gefülltes Lastenheft“ sieht Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), die derzeitige Lage der deutschen Autobauer. CO2-Reduktion, Diesel-Diskussion sowie der Zollstreit zwischen den USA und China oder den USA und Deutschland, all das zählt unter anderem für den Verbandschef zu den Herausforderungen der Branche. Auch Reinhard Zirpel, Präsident des Verbandes internationaler Kraftfahrzeughersteller (VDIK), sieht nicht weniger Herausforderungen – obwohl Mitgliedsunternehmen mit insgesamt rund 1,3 Millionen Einheiten ihren Marktanteil in Deutschland auf 38,7 Prozent steigern konnten. „Das ist, ohne Berücksichtigung des Ausnahmejahres 2009, der höchste Marktanteil seit der Wiedervereinigung.“

Insgesamt stagniert der Pkw-Markt in Deutschland jedoch – anders als der Bereich Nutzfahrzeuge, der zulegte.. „Das Jahr 2018 wird mit voraussichtlich 3,42 Millionen Pkw Neuzulassungen abschließen und damit annähernd das Vorjahresniveau erreichen“, so Zirpel. „Das ist angesichts der Verwerfungen, die die WLTP-Umstellung mit sich bringt, ein außerordentlich gutes Ergebnis“, ergänzt Mattes. Laut VDIK profitierte das erste Halbjahr unter anderem von der Umweltprämie. Sowohl Zirpel als auch Mattes sprachen sich dafür aus, dass diese über Juni 2019 hinaus verlängert werden sollte, da die Fördergelder noch nicht ausgeschöpft seien.

Deutsche Hersteller mit 17 Millionen Einheiten im nächsten Jahr?

Für die deutschen Autobauer hatte der neue WLTP-Standard allerdings negative Auswirkungen auf die Inlandsproduktion. Sie ist um neun Prozent auf 5,1 Millionen Einheiten zurückgegangen, so der VDA-Chef. Für 2019 rechnet er jedoch wieder mit einem Wachstum. Ebenso wie für die Auslandsproduktion, die auch 2018 auf 11,4 Millionen Einheiten zulegte. Je nach Entwicklung der internationalen Handelspolitik könnte das Produktionsvolumen laut Mattes 2019 insgesamt erstmals die 17-Millionen-Marke erreichen.

Aktuell sind die Signale nach dem umstrittenen Treffen der Manager von VW, Daimler und BMW mit US-Präsident Donald Trump positiv. „Wir haben einen großen Schritt nach vorne gemacht, um die Autozölle zu vermeiden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Herbert Diess, am Dienstag nach einem Gespräch mit Trump und weiteren Vertretern der US-Administration im Weißen Haus. Dafür will nicht nur Volkswagen, sondern auch Daimler und BMW investieren. Trump habe positiv auf die vorgelegten Konzepte von Daimler reagiert, sagte Zetsche.

Autobosse in Washington

Alle drei Autohersteller betonten, es sei nicht darum gegangen, Stellvertreter-Verhandlungen über Handelssachen zwischen Europa und den USA zu führen. Diess sprach von „maximaler Abstimmung“ mit den staatlichen und EU-Stellen. Aus Brüssel und Berlin hatte es auch Kritik gehagelt, dass Autohersteller sich in die Verhandlungen drängten, die per Mandat die EU-Kommission führen müsse. EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström hat sich zum Ziel gesetzt, mit den USA ein generelles Handelskommen für Industrieprodukte zu erreichen, das ein Zollniveau von Null vorsieht.

Diess betonte am Dienstag, es gehe um den Bau eines neuen Volkswagenwerkes, sowie um Kooperationen mit dem US-Autobauer Ford, mit dem gemeinsam unter anderem Pick-Ups und leichte Nutzfahrzeuge gebaut werden sollen. Auch mit dem Softwarekonzern Microsoft soll es in Seattle zu einer Kooperation kommen. Gespräche seien auch über die Angleichung deutscher und amerikanischer Standards für die Autos geführt worden, betonte der Volkswagen-Chef.

Bratzel: Trump wird protektionistische Haltung nicht ändern

Für Autoexperte Stefan Bratzel hat das Treffen zwischen den Autobossen und Trump symbolischen Charakter, „ um auf beiden Seiten Verständnis für die jeweils andere Position zu entwickeln“, sagt er. „Der Besuch wird nicht dazu geführt haben, dass Trump seine protektionistische Haltung ändert“, sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion. Außerdem gehe es dem Präsidenten weniger um die Automobilindustrie als solche, sondern um das Handelsdefizit zwischen Deutschland und den USA im Ganzen. „In diesem Spannungsfeld hat die deutsche Automobilindustrie Symbolcharakter.“ Wenn Zölle kämen, sei die Auswirkung dramatisch. „Die Industrie ist dem US-Präsidenten ausgeliefert.“

Sorge macht den Automobilverbänden jedoch nicht nur die Handelsbeziehung mit den USA, sondern auch der bevorstehende Brexit. Im bisherigen Jahresverlauf sind die Pkw-Export nach Großbritannien um 14 Prozent zurückgegangen, so Mattes.

Diesel: Keine Versachlichung der Diskussion gelungen

Auch die Diesel-Diskussion treibt die Autohersteller weiter um. „Es ist uns leider auch in diesem Jahr nicht gelungen, die Diskussion zu versachlichen. Nach wie vor lässt sich eine Branche mit Verantwortung für rund eine Million Arbeitsplätze allein in Deutschland von einem Verband vor sich hertreiben, dessen Vorgehen maßlos und dessen Ziele mindestens undurchsichtig sind“, kritisierte Zirpel. Indes schreite die Flottenerneuerung stetig voran. Insgesamt sank die Zahl der Zulassungen von Pkw mit Dieselmotor um rund 18 Prozent auf 1,1 Millionen Einheiten.

In der Frage nach der Finanzierung von Hardware-Nachrüstungen gehen die Meinungen der deutschen und internationalen Autobauer weit auseinander. Während deutsche Hersteller sie zwar kritisch sehen, jedoch bereit sind, sich finanziell zu beteiligen, lehnen die internationalen Hersteller dies weiter ab. „Der Dieselanteil unserer 28 Unternehmen beträgt lediglich 23 Prozent. Hardware-Nachrüstungen zu entwickeln ist nicht wirtschaftlich“, so VDIK-Präsident Zirpel. Zu rechnen sei mit einer Entwicklung ohnehin erst Mitte bis Ende 2019 – zu spät für die aktuellen Probleme. 

E-Mobilität: Marktanteil deutscher Hersteller hoch

Positiver blicken VDA und VDIK aktuell auf alternative Antriebstechnologien. „Weltweit kommt jedes dritte Patent im Bereich Elektromobilität und Hybridantrieb aus Deutschland“, so Mattes. Und auch die Marktposition deutscher Hersteller sei gut. In der EU betrage der Marktanteil bei Elektro-Pkw-Neuzulassungen 50 Prozent, in Deutschland seien es 66 Prozent. Auch die internationalen Hersteller sehen sich gut aufgestellt. Dennoch müsste die Industrie jetzt „Strom geben“, so Bratzel. „Die deutsche Automobilindustrie ist hochinnovativ. Mit Blick auf reine Elektroautos haben Hersteller aber über Jahre den Anschluss verpasst.“

Nun liefen sie der Entwicklung hinterher. Die E-Mobilität ist für den Automobilexperten aber nicht die einzige Antriebstechnologie der Zukunft. „Es müsste ein größerer Fokus zum Beispiel auf die Entwicklung von Brennstoffzellen gelegt werden. Das ist vor allem für schwerere Fahrzeuge und längere Strecken eine attraktive Alternative.“

Für Stefan Bratzel geht es für die Hersteller in den kommenden zehn bis 15 Jahren um nichts Geringeres als das Überleben als unabhängige Unternehmen. „Rekordgewinne sollten sie nicht blenden. Ihre jetzige marktrelevant zu erhalten wird schwierig, ob ihnen die Transformation gelingt, da sehe ich die Chancen 50:50.“

(Mit dpa)


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