Von Werbe-Idyll und Stall-Realität Anbindehaltung: Wenn die Kuh an der Kette steht

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Kühe stehen angeleint in einem Stall in Baden-Württemberg. Foto: Patrick Seeger/dpaKühe stehen angeleint in einem Stall in Baden-Württemberg. Foto: Patrick Seeger/dpa

Osnabrück. Alpenmilch ist ein Verkaufsargument. Molkereien und Schokoladenproduzenten werben bundesweit mit der vermeintlich besonderen Milch aus dem Süden. Was viele Verbraucher nicht wissen: In Süddeutschland steht ein großer Teil der Kühe angebunden im Stall. Mit dem Werbeidyll von der Alm hat das wenig zu tun. Doch jetzt scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Aus Werbegründen.

Anbindehaltung heißt der Fachausdruck. Der Name ist Programm: Das Rind steht einen großen Teil seines Lebens angebunden im Stall. Der bayrische Bauernverband schätzt, dass etwa 15.000 Betriebe in seinem Zuständigkeitsgebiet Anbindehaltung betreiben – also etwa jeder zweite. Einige lassen die Tiere im Sommer auf die Weide, andere haben Auslaufflächen am Stall. Auf den meisten Bauernhöfen aber ist die Kuh tatsächlich das ganze Jahr angebunden. Das passt nicht zum Bild aus der Werbung.

Etwa dem auf den Verpackungen der Milka-Schokolade. 

Foto: obs/Mondelez Deutschland/Mondelez International

Darauf steht die lila Kuh mit Glocke um den Hals vor einer Bergkulisse – ein Werbeidyll, das dem Realitätscheck nicht Standhält. Milka-Mutterkonzern Mondelez bestätigt auf Nachfrage, dass ein „geringer Anteil“ der Milchlieferanten Anbindehaltung betreibe.  

Exakte Zahlen gibt es nicht

Mit exakten Zahlen tut sich die Branche schwer. Niemand weiß ganz genau, wie viele Kühe in Deutschland tatsächlich angebunden im Stall stehen. Auch in Baden-Württemberg und Hessen ist die Haltungsform weit verbreitet, hier hat sie Tradition.

Die Strukturen im Süden sind nach wie vor andere als im Norden. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern dominieren die sogenannten Laufställe. 

Foto: Oliver Berg/dpa

Die Kühe können sich darin frei bewegen. Die Betriebe sind tendenziell deutlich größer. Weit über 100 Milchkühe sind nicht ungewöhnlich.  

Doch so ein Laufstall ist teuer und braucht viel Fläche. Die meisten stehen fernab auf der grünen Wiese. In Süddeutschland aber sind viele Bauernhöfe noch Teil der Dörfer. Hier ist kein Platz für große, moderne Ställe mit Hundert und mehr Rindern. Der durchschnittliche Bauernhof in Bayern hat gerade einmal 38. Und diejenigen mit ganzjähriger Anbindehaltung oftmals noch weniger.

Tierschützer und auch die Bundestierärztekammer fordern schon lange die Abschaffung. Tiere derart in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken, passt für sie nicht in die Zeit. Auch Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl sagt: 

„Die Anbindehaltung ist keine Haltungsform der Zukunft.“

Heidl weiß, derartige Ställe werden nicht mehr gebaut. Die Haltungsform ist ein Auslaufmodell. 

Aber wie schnell geht es mit ihr zu Ende? 2016 forderte der Bundesrat die Bundesregierung auf, die Anbindehaltung zu verbieten. Das damals von Christian Schmidt aus Bayern geführte Bundeslandwirtschaftsministerium lehnte ab. Die vielen Tausend potenziell betroffenen Landwirte im Süden waren erleichtet. Es wurde erst einmal Still um die angebundenen Kühe.

Weniger Geld für Anbinde-Milch?

Bis jetzt. Denn es scheint sich in der Angelegenheit wieder etwas zu tun: Gerüchte machen die Runde, dass Molkereien im Süden künftig weniger für Milch aus Betrieben mit Anbindehaltung zahlen oder sie gar nicht mehr annehmen wollen. Landwirte seien entsprechend befragt worden, welche Haltungsform auf ihrem Hof herrsche. Auch die großen Handelsketten machten Druck. Von „Laufstall-Milch“ ist in Bayern die Rede, an denen die Unternehmen gerüchteweise als Marketinginstrument arbeiten.

Dreht sich die Werbung jetzt also gegen die Milchviehhalter im Süden? 

Bayerns Bauernpräsident Heidel ist besorgt: „Molkereien und Handelsunternehmen suchen nach Möglichkeiten, um sich von Konkurrenten abzusetzen.“ Der Kontrast zwischen Kühen im Lauf- und im Anbindestall bietet so eine Möglichkeit: Hier die frei umherlaufenden Kühe, dort die Tiere am Strick oder der Kette.

Bauernpräsident Heidl hält dagegen: 

„Milch aus einem Anbindestall ist genauso hochwertig und damit genau so viel wert, wie Milch aus anderen Stallsystemen.“

Wer gegen die Anbindehaltung vorgehe, der treffe vor allem die kleinen Betriebe. Und genau die seien es doch, die der Verbraucher so schätze, sagt Heidl.  

Die Konfliktlinien sind klar gezeichnet: Hier das Argument der Wirtschaftlichkeit, dort Tierschutzaspekte, aber auch der Ruf nach authentische Bewerbung. Matthias Wolfsschmidt von der Verbraucherorganisation Foodwatch fasst die Debatte so zusammen: „Menschlich ist es völlig verständlich, dass manche Bauern die Anbindehaltung verteidigen. Sie ist mit Sicherheit aber nicht tiergerecht. Und was wir bislang auf vielen Milchverpackungen sehen ist nichts anderes als Irreführung von Verbrauchern.“

Das Thema ist auch in der Branche umstritten. Bauern im Norden sagen, ihre Kollegen im Süden hätten die Entwicklung schlichtweg verschlafen. Offene Kritik kommt aber selten. Und wenn doch, sind die Reaktionen darauf heftig: Der Bundesvorstand der Bauernnachwuchsorganisation Landjugend veröffentlichte kürzlich eine Resolution, in der er sich unter anderem für ein Verbot der Anbindehaltung aussprach. Kurze Zeit später konnten die Vorstandsmitglieder aufgrund des Drucks aus dem Süden ihre Posten räumen. Die Befürworter der Anbindehaltung haben sich also durchgesetzt. Die Zeit aber spielt gegen sie.

Foto: Patrick Seeger/dpa



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