Experte: "Marktkorrektur überfällig" Weltherrschaft adé? Warum die US-Tech-Giganten an der Börse abstürzen

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Die Börsenkurse von Facebook, Google, Amazon und Co. schwächeln seit einigen Wochen. Die Gründe sind vielfältig. Foto: dpa/Collage NOZDie Börsenkurse von Facebook, Google, Amazon und Co. schwächeln seit einigen Wochen. Die Gründe sind vielfältig. Foto: dpa/Collage NOZ

Hamburg. Facebook, Google und Co. waren für Anleger jahrelang eine sichere Bank. Seit Sommer befinden sich die Aktien der großen Tech-Konzerne jedoch im Sinkflug. Was sind die Gründe für den Absturz der FAANG-Aktien und wie groß ist die Konkurrenz aus dem Osten?

Apple und Amazon zählten jahrelang zu den Börsenlieblingen. Die Unternehmenskurse schienen nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Noch im Sommer vermeldeten die beiden Technologie-Schwergewichte als erste Privatunternehmen weltweit einen Börsenwert von einer Billion US-Dollar, also 1000 Milliarden US-Dollar. Apple und Amazon waren damit jeweils so wertvoll, wie die 15 größten deutschen Dax-Unternehmen zusammen.

Plötzlich jedoch, so scheint es, hat das gigantische Wachstum der vergangenen Jahrzehnte – Apple konnte seinen Börsenwert seit seinem Debüt 1980 um sage und schreibe 50.000 Prozent steigern – ein jähes Ende gefunden zu haben. Mit den Technologie-Werten geht es steil bergab. Facebook, Apple, Amazon, Netflix und die Google-Mutter Alphabet, die sogenannten FAANG-Aktien, haben seit ihren Höchstständen fast ein Viertel ihres Börsenwertes verloren. Das entspricht, wie könnte es anders sein, ebenfalls einer Billion Dollar. Allein Facebook hat seit dem 25. Juli 250 Milliarden Dollar an Wert verloren. Das ist fast so viel, wie SAP, Siemens und Bayer zusammen wert sind.

Börsenwertverluste der FAANG-Aktien

Seit den Rekordwerden vom Juli purzeln die Kurse
  • Facebook: -38%
  • Amazon: -25%
  • Apple: -24%
  • Netflix: -36%
  • Google:  -19%

Angekommen im Bärenmarkt

Die erfolgreichste Anlagestrategie des Jahrzehnts wird rückabgewickelt: Alle FAANG-Werte haben seit ihren Höchstkursen mindestens 20 Prozent verloren. Sie sind in einen sogenannten Bärenmarkt abgetaucht. Für Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), besteht erst einmal kein Grund zur Besorgnis. "Was die Kurseinbrüche der fünf großen Tech-Firmen aus den USA angeht, bin ich entspannt." Der Ökonom verweist auf die Aktienentwicklung der vergangenen Jahre: "Die Aktienindizes sind sehr stark gestiegen – gerade bei den Technologie-Unternehmen. Es wurden deutliche Renditen erwirtschaftet. Die aktuellen Korrekturen der Märkte sind daher nicht überraschend, sondern überfällig.“

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Joachim Schallmayer, Anlagestratege bei der DekaBank, glaubt hingegen, "der US-Aktienmarkt benötigt eine Verschnaufpause." Wenn den alten Zugpferden einer Aktienhausse so langsam die Kräfte schwinden, sei dies ein Zeichen dafür, dass es um den Zyklus des Gesamtmarktes nicht mehr besonders gut bestellt sei. Schallmayer: "Die Schwäche der US-Technologieaktien ist auf jeden Fall ein sehr ernst zu nehmendes Warnsignal."

FAANG-Formel zerplatzt?

Der Wert von einer Billion US-Dollar, den erst Apple und dann Amazon Mitte des Jahres verkündeten, scheint zur Zäsur für die US-Tech-Giganten zu werden. Die Börsianer stoßen die FAANG-Aktien ab und aus der Formel für die angeblich großen Gewinner des 21. Jahrhunderts wird nun umso mehr eine für das Hochrisiko-Geschäft. "Die Risiken sind momentan enorm, gerade für Anleger. Die Volatilität, also das Ausmaß der Schwankungen der Aktienkurse, kann durchaus zunehmen", sagt Ökonom Fratzscher.

Das Chart zeigt den Absturz der FAANG-Werte seit September. Diagram: Börse.de

Die Gründe für die sinkenden Kurse sind zahlreich. Beim sozialen Netzwerk Facebook etwa belasten der Datenschutz-Skandal um die Firma Cambridge Analytica, der Hackerangriff auf 50 Millionen Profile sowie der Manager-Exodus in der Führungsetage und der Rückgang der Nutzerzahlen das Unternehmen. Hardware-Hersteller Apple knabbert derweil an schwachen Absatzzahlen der neuen iPhone-Modelle. Die Meldung des "Wall Street Journal", dass Apple die Produktion der iPhone-Modelle XS und XS Max gesenkt habe, ließ vergangene Woche zahlreiche Investoren Apple-Aktien abstoßen – und die von Netflix und Amazon gleich mit, weil die FAANG-Papiere von vielen Aktienfonds zusammengefasst wurden. Mitgehangen, mitgefangen.

Hinzu kommt die Sorge vor dem konjunkturellen Abschwung, bedingt durch den Handelsstreit zwischen den USA und China, Brexit, die restriktive Notenbankpolitik oder die italienische Finanzpolitik. Anleger befürchten eine Rezession und nach Jahren hoher Gewinne machen viele daher lieber Kasse und stoßen die Aktien ab, was den Ausverkauf verschärft.

Droht eine erneute Dotcom-Blase?

In der Börsenwelt rumort es. Droht den FAANG-Aktien etwa dasselbe Schicksal, wie den Dotcom-Firmen der Jahrtausendwende? Deren Spekulationsblase platzte und sorgte für herbe Kursstürze an den Aktienmärkten. "Mit der Dotcom-Blase der 2000er ist die aktuelle Lage nicht zu vergleichen", sagt Ökonom Fratzscher. Heute sei die große Mehrheit der dominierenden Technologie-Unternehmen kein hochriskantes Start-Up mehr wie damals. "Die FAANG-Firmen sind kein temporäres Phänomen." Laut Fratzscher werden diese Unternehmen weiterhin erfolgreich sein. "Das Geschäftsmodell der Tech-Riesen ist schlicht nicht in Gefahr." Anlagestratege Schallmayer sieht die Probleme ebenfalls woanders. Seiner Meinung nach sind einzelne FAANG-Aktien gar nicht besonders hoch bewertet."Größere Gefahren gehen da eher von Unternehmen aus der zweiten Reihe mit höheren Bewertungen und weniger tragfähigen Geschäftsmodellen aus."

Neue Spitzenaktien

Schallmayer macht einen Favoritenwechsel aus. "Dieser belastet vor allem die Titel, die zuvor starke Kurszuwächse verzeichnet haben und damit auch signifikant im Index und in Anlageportfolien enthalten sind" – soll heißen: Der Favoritenwechsel belastet die FAANG-Aktien. Und Ökonom Fratzscher wird noch deutlicher: "Konkurrenz droht aus China." Fratzscher weiß: Die Chinesen holen auf. In einigen Bereichen sind Unternehmen aus dem Reich der Mitte längst führend.

Tencent etwa, der chinesische Technologie-Riese, hat mit WeChat eine Smartphone-App im Angebot, die die Facebook-Tochter Whatsapp alt aussehen lässt. WeChat ist viel mehr als ein Kommunikationsprogramm. Chinesen nutzen sie, um Taxis zu bestellen, um einzukaufen, Lebensmittel zu bestellen oder Onlinespiele zu spielen. Knapp 950 Millionen Nutzer verzeichnet die App pro Monat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Mark Zuckerberg angesichts der starken Zahlen von Tencent neidisch gen Osten blickt. Der Gewinn von Tencent sprang im zweiten Quartal um 70 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar. Die Sorgenfalten bei Netflix vergrößert Chinas führende Videostreaming-Plattform. iQiyi konnte ein erstaunliches Wachstum verzeichnen. Im letzten Quartal stieg der Umsatz um 48 Prozent, während die Zahl der Abonnenten um 89 Prozent stieg.

Alles Geld auf China also? Nein, Anlagestratege Schallmayer verdeutlicht: "Die Schwäche der Technologiewerte trifft die Aktien in den Schwellenländern genauso wie die in den Industrieländern. Auch Alibaba, Tencent oder Baidu können sich der generellen Korrekturbewegung des Sektors nicht entziehen." 

Chinesen drängen in westliche Märkte

In der Tat verzeichneten nahezu alle chinesischen Tech-Größen Einbrüche im Herbst. Trotzdem scheint die Angst bei den US-Tech-Riesen umzugehen. Droht das Ende ihrer Weltherrschaft? Wo den amerikanischen Unternehmen etwa in China durch Protektionismus Grenzen gesetzt sind, bietet sich den Chinesen im Westen ein neues Marktfeld. Nicht nur Tencent ist mit seiner Bezahlfunktion WeChat Pay und der Musiksparte Tencent Music Entertainment Group internatonal auf Expansionskurs. Auch der lang erwartete Ausbau des E-Commerce-Giganten Alibaba in Europa scheint durch die Eröffnung eines neuen Logistikzentrums in Lüttich Gestalt anzunehmen. Erste Schritte in Europa unternimmt auch das Google-Pendant Baidu: Die chinesische Suchmaschine ist etwa mit deutschen Autobauern eine Kooperation eingegangen, um das autonome Fahren voranzutreiben.

Und wo bleiben deutsche Firmen?

"Meine Sorge ist, dass Europa und Deutschland dabei auf der Strecke bleiben und irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig sind", sagt DIW-Leiter Fratzscher. Die großen Technologie-Firmen kämen fast allesamt aus den USA oder China. "Wir haben nur sehr, sehr wenige Unternehmen, die ähnlich groß sind" – etwa SAP oder Siemens. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom untermauert Fratzschers Einschätzung. Der Verband fragte 1004 Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, wie sie zu digitalen Technologien stehen, die allgemein als zukunftsweisend angesehen werden. Das ernüchternde Ergebnis: Nur 25 Prozent der Unternehmen interessieren sich für künstliche Intelligenz (KI), sogar nur zwölf Prozent für die Basistechnologie Blockchain. 

Die Ergebnisse sollten die Politik beunruhigen. "Nationen wie China, die uns bereits bei dem Thema künstliche Intelligenz den Rang abgelaufen haben, sind auch bei dem Thema Blockchain vorne dabei“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Auch in Ländern wie den Vereinigten Staaten und Indien werde deutlich mehr Druck gemacht als hierzulande. So könne Deutschland nicht zu einem Gewinner der Digitalisierung werden. Fratzscher kritisiert: "Speziell in Deutschland ist meine Sorge vor Selbstzufriedenheit groß. Wir leben noch von der Stärke unserer Industrie und vergessen dabei, dass wir in den Zukunftsbranchen abgehängt werden."


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