Sparkassenpräsident Schleweis im Interview Wie zeitgemäß ist der Weltspartag in Zeiten von Magerzinsen?

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"Deutschland ist ein Bargeldland, denn viele Menschen schätzen die Möglichkeit, unabhängig von technischen Vorgängen bezahlen zu können"; sagt Sparkassenpräsident Helmut Schleweis. Foto: Benjamin Nolte/dpa"Deutschland ist ein Bargeldland, denn viele Menschen schätzen die Möglichkeit, unabhängig von technischen Vorgängen bezahlen zu können"; sagt Sparkassenpräsident Helmut Schleweis. Foto: Benjamin Nolte/dpa

Berlin. An diesem Dienstag ist Weltspartag – und den hält Sparkassenpräsident Helmut Schleweis trotz Magerzinsen nicht für überholt. Im Interview spricht er außerdem über das Bezahlen per Smartphone und verteidigt die Gebührenerhöhungen seiner Institute.

Herr Schleweis, wenn Sie Ihr Auto auftanken oder Einkäufe erledigen, womit bezahlen Sie? Bar oder elektronisch? 

In der Regel mit der Karte. Wenn möglich, kontaktlos.

Damit zählen Sie nach wie vor zu einer Minderheit…

Deutschland ist ein Bargeldland. Viele Menschen schätzen die Möglichkeit, unabhängig von technischen Vorgängen bezahlen zu können. Allerdings ist eine langsame Änderung hin zu anderen Bezahlverfahren schon spürbar. Für die Kreditwirtschaft ist die Bargeldversorgung natürlich ein erheblicher Kostenfaktor. Aber wir sind Dienstleister und richten uns nach den Kundenwünschen. Bargeld wird in Deutschland noch längere Zeit eine wichtige Rolle spielen.

Seit dem Sommer können ihre Kunden auch mit dem Smartphone bezahlen. Einzelhändler wie Netto bieten schon seit Jahren eigene Mobile-Payment-Lösungen an, warum haben sich die Sparkassen damit so viel Zeit gelassen?

Eine App lässt sich relativ schnell entwickeln. Die Angebote der Sparkassen-Finanzgruppe müssen aber sicher und zuverlässig für potenziell bis zu 50 Millionen Kunden nutzbar sein. Insofern müssen wir beim Entwickeln höchste Sorgfalt walten lassen. Und wenn wir uns mit den Wettbewerbern im Bankengewerbe vergleichen, liegen wir sehr gut im Rennen. Wir sind mit dem Start der App absolut zufrieden. Sie wurde bislang schon von mehreren hunderttausend Kunden genutzt – Tendenz steigend.

Hat viele Baustellen zu bearbeiten: Sparkassenpräsident Helmut Schleweis. Am Weltspartag will er trotz Magerzinsen festhalten. Foto: imago/Reiner Zensen
Ein weiterer Baustein ihrer Digitalstrategie ist die Geldsendefunktion „Kwitt“, mit der Sparkassen-Kunden sich gegenseitig binnen Sekunden Geld überweisen können. Wie läuft es damit?


„Kwitt“ ist in Deutschland neu am Markt und wird sehr gut angenommen. Zusätzlichen Schub hat „Kwitt“ bekommen, seit wir die Genossenschaftsbanken als Partner gewonnen haben und auch deren Kunden „Kwitt“ nutzen können. Mittlerweile haben wir eine Million Nutzer und 60.000 bis 80.000 Transaktionen pro Woche. Wir bieten „Kwitt“ auch allen anderen Banken an, weil wir glauben, dass es ein Verfahren ist, das jeder Bankkunde in Deutschland nutzen können sollte. Außerdem arbeiten wir gerade an einer Lösung für Kleingewerbetreibende, die es erlauben soll, zum Beispiel in der Eisdiele oder den Handwerker mit „Kwitt“ zu bezahlen.

Die App der Sparkassen ist ein zentraler Pfeiler ihrer Digitalstrategie. Foto: imago/imageBROKER/Valentin Wolf


Mit dem Online-Bezahldienst Paydirekt wollte die deutschen Kreditwirtschaft dem Branchenriesen Paypal etwas entgegensetzen. Manche Beobachter sprechen von einem Rohrkrepierer. Wie geht es mit dem Dienst weiter?

Paydirekt ist in der Tat noch nicht so erfolgreich, wie die Kreditwirtschaft es sich gewünscht hat. Wenn man allerdings berücksichtigt, dass solche Angebote zu Beginn sehr langsam wachsen, sind die Ergebnisse durchaus beachtlich. Wir haben inzwischen eine vierstellige Zahl von Händlern gewonnen. Insofern glaube ich, dass Paydirekt weit davon entfernt ist, gescheitert zu sein. Gleichwohl haben wir gemeinsam mit den anderen Bankengruppen überlegt, wie wir das Angebot verbessern können. Diese Gespräche sind ziemlich weit gediehen. Jetzt geht es darum, nochmal zu investieren und strategisch klug zu handeln. Es ist noch längst nicht entschieden, welches Angebot sich letztlich beim Bezahlen im Internet durchsetzt.

Trotz der Probleme durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank konnten die Sparkassen ihren Gewinn 2017 steigern. Eigentlich keine schlechte Zeit, um Sparkassenpräsident zu sein, oder?

Es ist nie eine schlechte Zeit, um Sparkassenpräsident zu sein (lacht). Was das Zinstief betrifft: Wir haben in den vergangenen Jahren aufgrund des Marktumfeldes mit sinkenden Zinserträgen kalkuliert. Und weil die Sparkassen betriebswirtschaftlich dagegen gearbeitet haben, konnten die Verluste im Zinsgeschäft weitestgehend kompensiert werden. Aber wir hoffen natürlich, dass die EZB im nächsten Jahr beginnt, leichte Zinsschritte vorzunehmen, um Stück für Stück zu einer Normalisierung der Geldpolitik zu kommen. Wenn wir noch sehr lange Null- und Negativzinsen hätten, dann würden die Gefahren, in eine gesamtwirtschaftliche Rezession zu rutschen, immer größer. Das kann und muss vermieden werden.

Viele ihrer Institute haben auch Gebühren erhöht oder neue eingeführt, um die sinkenden Zinserträge auszugleichen. Wie lange können Sie das noch so handhaben?

Viele Güter werden mit der Zeit teurer, das kann beim Bankkonto nicht anders sein. Wir stehen in Deutschland in einem intensiven Wettbewerb. Davon profitieren die Kunden, denn die Preise sind vergleichsweise niedrig. In Frankreich wird gerade eine monatliche Preisobergrenze von 20 Euro für Girokonten debattiert. In Deutschland kostet das durchschnittliche Girokonto wesentlich weniger. Und verglichen mit den 70er-Jahren ist das Girokonto heute ein echtes Powerpaket. Denken Sie allein an die Bezahlmöglichkeiten, über die wir vorhin gesprochen haben. Unterschiedliche Services müssen auch entsprechend bepreist werden.

Die Sparkassen haben im vergangenen Jahr ihr Filialnetz weiter ausgedünnt. Wie stellen Sie sich die Zukunft des Filialgeschäfts vor?

Es ist richtig, dass es im Filialnetz Anpassungen gibt. Diese werden aber in erster Linie wesentlich vom Kundenverhalten bestimmt. Der Bedarf, Basisleistungen in der Filiale zu erledigen nimmt ab, je mehr Kunden dafür den PC oder die App nutzen. Das trifft vor allem kleine Filialen, in denen überwiegend solche Dienstleistungen angeboten werden. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach qualitativ guter Beratung vor Ort unverändert da. Deswegen setzen wir auch in Zukunft auf Beratung und ein dichtes Filialnetz. Unsere Strategie richtet sich nach den Wünschen der Kunden: Wir bleiben in der Fläche präsent, stellen die Nähe zum Kunden aber auch über alle gewünschten digitalen Kanäle dar.

Oft sind es strukturschwache Gegenden, aus denen die Sparkassen sich zurückziehen…

Die Sparkasse schließt in solchen Gegenden oft zuletzt, wenn Fleischer, Wirt und Bäcker längst weg sind. Wo kein wirtschaftliches Leben mehr ist, kann auch eine Sparkasse auf Dauer nicht überleben. Das zu ändern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Der Weltspartag steht vor der Tür. Die Deutschen sparen wieder mehr, erhalten allerdings keine Zinsen mehr. Ist der Weltspartag da nicht vollkommen überholt?

Nein, bestimmt nicht. Traditionell haben wir in Deutschland eine Sparquote von 9 bis 10 Prozent. Das halte ich auch für volkswirtschaftlich gesund, denn Sparen ist Vorsorge. Ob es nun für das Alter ist, für die Ausbildung der Kinder oder um sich später Wünsche zu erfüllen. Richtig ist: Das klassische Zinssparen mit Sparbriefen oder Tagesgeldkonten verliert in Niedrigzinszeiten natürlich an Attraktivität. Das Wertpapiersparen gewinnt an Bedeutung. Schon mit kleinen monatlichen Beträgen lassen sich Wertpapier-Sparpläne einrichten, die langfristig gute Renditen bieten. Mit dem richtigen Anlagemix ist Sparen durchaus ertragreich.

Ein anderes Thema: Die Commerzbank und die Deutsche Bank kämpfen mit Schwierigkeiten. Vor diesem Hintergrund wird auch immer wieder eine Fusion der beiden großen deutschen Privatbanken erwogen. Wie stehen Sie zu solchen Gedankenspielen? 

Dazu nur so viel: Wir haben in Deutschland ein bewährtes Drei-Säulen-System aus Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Es ist gut für unsere Volkswirtschaft, wenn diese Vielfalt auch in Zukunft erhalten bleibt.


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