Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite: Fragen und Antworten

Von Brigitte Scholtes, 11.09.2018, 13:14 Uhr
Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren war ein Schock, der bis heute nachwirkt, eine weitere Eskalation der Finanzkrise, die ein Jahr zuvor begonnen hatte. Foto: epa Peter Foley/EPA_FILE/dpa

Frankfurt. Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren war ein Schock, der bis heute nachwirkt, eine weitere Eskalation der Finanzkrise, die ein Jahr zuvor begonnen hatte.

„Die Krise hat die Grundpfeiler des westlichen Finanzsystems erschüttert“, sagt Axel Weber, der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank und Verwaltungsratschef der schweizerischen UBS. Am 15. September 2008 meldete die Bank Konkurs an.

Wie kam es zur Insolvenz?

Lehman Brothers war wie viele andere Banken angeschlagen durch die damals schon gut ein Jahr währende Immobilienkrise. Am 10. September kündigte Lehman-Chef Richard Fuld einen Verlust von 3,9 Milliarden Dollar allein für das dritte Quartal 2008 an. Das verstärkte die Sorgen über eine Zahlungsunfähigkeit, das Vertrauen war dahin. Trotz hektischer Verhandlungen konnte aber am darauffolgenden Wochenende ein Käufer nicht gefunden werden. So blieb nur der Weg in die Pleite.

Kam die Insolvenz wirklich unerwartet?

Noch kurz zuvor hatte der damalige Chef der Deutschen Bank,. Josef Ackermann, sich das nicht vorstellen können. Politik und Finanzwelt seien sich der Verantwortung bewusst, sagte er damals: „Ein Kollaps einer Bank dieser Größenordnung würde eine weitere Welle von Verwerfungen nach sich ziehen und damit auch von weiteren Verlusten und Abschreibungen bei wahrscheinlich allen Banken.“ Doch der politische Druck war groß, nach drei Banken nicht noch eine weitere mit Milliardenhilfen zu retten. Ein Fehler, meint heute Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken: „Die Insolvenz der Bank hat zuerst eine Finanz- und Vertrauenskrise und dann eine schwere Rezession ausgelöst“, sagte er in einem Zeitungsinterview.

Was waren die direkten Folgen?

Ein Crash an den Finanzmärkten. Weil sie nicht mehr auf ihre Rettung durch den Staat vertrauen konnten, waren die Banken nicht mehr bereit, einander kurzfristig Geld zu leihen, wie dies zu normalen Zeiten üblich ist. Der Finanzmarkt drohte auszutrocknen, deshalb pumpten die Notenbanken weltweit viel Geld in die Märkte. Die USA als auch die sechs größten EU-Staaten stellten in den ersten Monaten zusammen 800 Milliarden Euro zur Stützung der Finanzbranche bereit. Um einen Ansturm auf die Banken zu vermeiden, gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück die Garantie, ihre Bankeinlagen seien sicher. Den folgenden schweren Wirtschaftseinbruch verhinderte das nicht. Weltweit verloren Millionen Menschen ihre Arbeit, in Deutschland wurden 1,5 Millionen Jobs durch Kurzarbeit gerettet..

Wie waren Anleger betroffen?

50.000 Anleger hatten Zertifikate der niederländischen Lehman-Tochter gekauft. Dieses Geld war verloren, obwohl die Wertpapiere als sicher verkauft worden waren. Sie waren aber nicht die einzigen Opfer der Pleite. Verbraucher und Sparer zahlen immer noch die Quittung: Mieter klagen über immer höhere Mieten. Vermögen werden kaum noch verzinst, deshalb müssen die Sparer noch mehr sparen, damit sie ihren Ruhestand finanziell absichern: „Das sind Rückwirkungen die massiv in der sozialpolitischen Bereich hineingehen“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Und das hat gravierende Folgen. Nicht nur materiell: Denn auch die Unzufriedenheit steigt und äußert sich in den steigenden Wahlerfolgen populistischer Parteien und damit verbunden der Tendenz zur Abschottung der Märkte.

Sind die Banken jetzt sicherer?

Teilweise. Die amerikanische Regierung hatte in der Krise die Banken rekapitalisiert, sie stehen heute wieder blendend da, sagt Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management. In Europa aber sollte der Steuerzahler nicht mehr Geisel der Banken sein im Fall einer systemrelevanten Krise: „Das waren unterschiedliche Strategien, die dazu geführt haben, dass insbesondere in Deutschland eben die Banken geschrumpft sind., Immerhin hat man in Europa eine einheitliche Bankenaufsicht geschaffen, es wurde viel reguliert – zu viel, sagen die Banken. „Viele führende Bankmanager agieren inzwischen eher wie Behördenleiter, nicht wie Unternehmer“, sagt Professor Dirk Schiereck, Bankenexperte der Universität Darmstadt. Zu wenig sei geschehen, mahnt hingegen der Ökonom Martin Hellwig. Zur langfristigen Stabilisierung der Finanzbranche hätte man den Banken höhere Eigenkapitalquote vorschreiben müssen. Ähnlich sehen das auch die Globalisierungskritiker von Occupy, die an diesem Samstag wieder protestieren werden.

Haben die Banker gelernt?

Viele damals Verantwortliche sind in lukrative Jobs gewechselt – der damalige Chef Richard Fuld arbeitet jetzt für das Finanzberatungsunternehmen Matrix Private Capital. Viele andere sind ebenfalls weich gefallen. An diesem Samstag sollen sie sich dem Vernehmen nach in London treffen, natürlich nicht, um die Pleite zu „feiern“, sondern „das Netzwerk zu pflegen“, wie einer von ihnen sagt.

Sind wir vor einer neuerlichen Krise sicher?

Risiken gibt es viele: Die hohen Immobilienpreise, weiter gestiegene Staatsschulden etwa in Italien, die Währungskrisen in der Türkei und in den Schwellenländern. Hedge Fonds-Manager Steve Eisman, der damals als einer der ersten auf den Niedergang von Lehman gewettet und eine Milliarde Dollar damit verdient hatte, sieht wesentliche Risiken inzwischen in Kryptowährungen, in Autokrediten in den USA und in Tesla. Nicht zuletzt aber ist auch die immer noch lockere Geldpolitik ein Risiko, mahnt UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber: Die Notenbanken würden Gutes tun, dieses System langsam wieder Richtung Normalität zurückzuführen. Ich sehe das nur sehr schleppend. Und das in sich selbst kann ein weiteres Stabilitätsrisiko sein.“ 

Sehen Sie nicht den vollständigen Artikel? Klicken Sie hier für die erweiterte Darstellung. »

Jetzt anmelden, um mehr zu lesen
Jetzt DigitalBasis bestellen
Service
Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN

Allgemeine Geschäftsbedingungen | Kundeninformationen | Datenschutzerklärung | Impressum | Kontakt | Mediadaten | Onlinewerbung

Weitere Angebote, Partner und Unternehmen der NOZ MEDIEN