Zur Entgiftung der Textilproduktion Chemikalien in unserer Kleidung – Muss das sein?

Meine Nachrichten

Um das Thema Wirtschaft Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Musterfabrik in Bangladesch: Mit Abluftsystem und Schutzkleidung gegen den Kontakt mit Chemikalien. Foto: dpa/Tim BrakemeierMusterfabrik in Bangladesch: Mit Abluftsystem und Schutzkleidung gegen den Kontakt mit Chemikalien. Foto: dpa/Tim Brakemeier

Frankfurt. Industrie auf Detox-Kurs: Immer mehr Modeunternehmen verbannen giftige Chemikalien aus der Produktion. Der Verband der Textilchemiker sieht das als Chance. Doch was sind die Alternativen?

Der beißende Geruch in Filialen der Billigmodekette Primark ist legendär. Was so riecht, muss vor Chemikalien strotzen, könnte man meinen. Dabei steckt in Primark-Kleidung wahrscheinlich genauso viel Chemie wie in Textilien hochwertiger Luxusmarken. Denn Chemikalien sind für die Herstellung von Garn, Stoff und Konfektionsware unverzichtbar (siehe Grafik unten). Nun kündigen aber immer mehr Bekleidungsunternehmen an, ohne giftige Chemikalien bei der Produktion auskommen zu wollen. Doch was sind die Alternativen?

"Chemikalien grundsätzlich zu ersetzen geht nicht", sagte Chemiker Volker Schröder vom Verband der Textilchemie-Hersteller TEGEWA unserer Redaktion. Die verschiedenen Produktionsschritte vom Rohstoff zum fertigen Kleidungsstück erfordern den Einsatz von Lösungsmitteln, Bleiche, Stärke und Farbe. Dabei bleiben nicht alle Substanzen im Kleidungsstück: Hilfsmittel für die Verarbeitung werden wieder herausgewaschen. Haften bleiben dagegen die Chemikalien, die das Einlaufen oder Verknittern verhindern sollen sowie die Farbstoffe.

Für den Verbraucher sind die chemischen Bestandteile meist harmlos: Seit Verbraucherschützer in den 90er-Jahren gegen die Gifte in Textilien kämpfen, sind umfangreiche Vorschriftenkataloge, Stofflisten und Grenzwerte EU-weit eingeführt worden. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung geht für den Träger von chemisch behandelter Kleidung heutzutage keine gesundheitliche Gefahr aus. Vereinzelte Kontaktallergien sind davon ausgenommen. Sie werden meist ausgelöst von minderwertigen Färbemitteln. 

Bei einer Jeans, die acht Euro kostet, muss dem Verbraucher bewusst sein, wie sie produziert worden ist. Vielleicht legt er aber auch keinen Wert auf ausblutende Farben, weil er die Hose gar nicht wäscht, sondern wegwirft.TEGEWA-Geschäftsführer Alex Föller

Doch auch wenn billige Kleidung "mit hoher Wahrscheinlichkeit" mit minderwertigen Substanzen verarbeitet wird, gibt es laut Föller "keine Garantie", dass für einen 800 Euro teuren Boss-Anzug hochwertigere Chemikalien eingesetzt und sie fachgerecht entsorgt werden. Auch seien etwa günstige waschaktive Substanzen, die in Europa verboten sind, in Asien noch sehr verbreitet. "Die Händler sind aber zunehmend bemüht, dass ihre Zulieferer die Vorgaben einhalten", sagte Föller. Das sei nicht nur im Interesse des Verbrauchers.

Für den Verarbeiter und die Umwelt können die Textilchemikalien nämlich sehr schädlich sein: "Wenn Textilien nicht vernünftig hergestellt werden, sind die Arbeiter die ersten, die Probleme bekommen", sagte Schröder. Die Botschaft des Textilchemieverbandes an die großen Unternehmen sei daher: "Ihr könnt unsere hochwertigen Chemikalien einsetzen, aber es bleiben Chemikalien. Ihr müsst die Arbeiter ausreichend schützen – das heißt Abluftsystem, Mundschutz, Handschuhe und Brille."

Bleibt noch das Umweltproblem: Die Umweltorganisation Greenpeace wirbt seit 2010 offensiv für ihre Detox-Kampagne, die große Bekleidungsunternehmen dazu bringen will, weniger Chemikalien einzusetzen und sie nicht ungeklärt in nahe Gewässer abzuleiten.


"Dabei muss man beachten, dass es auch in Deutschland bis in die 50er-, 60er-Jahre keine Kläranlagen in den Textilfabriken gab", sagte Föller. Chemieabfälle landeten über das Abwasser in den Flüssen. "Da bekam der Rhein manchmal eine andere Farbe." Heute gibt es das Umweltproblem vor allem in Asien. Mittlerweile gebe es dort auch Kläranlagen, aber nicht immer seien sie in Betrieb, sagte Schröder. "In vielen Ländern gibt es keine effektive Kontrolle, teils strenge Gesetze aber sie werden nicht umgesetzt – Stichwort Korruption." 

Dennoch warnt Schröder vor einer "europäischen Arroganz". Der staatliche Kontrolldruck in der EU sei zwar größer als in Asien, aber: "Nicht alles was aus Bangladesch kommt ist schlecht. Es gibt Fabriken, die vernünftig produzieren – und schwarze Schafe." 

Industrie plant Entgiftung – dank Gentechnik?

Für diese Fortschritte habe neben der gesetzlichen Regeln auch der öffentliche Druck durch Greenpeace gesorgt. "Die großen Brands haben begonnen, ihre Lieferanten zu überprüfen", sagte Schröder. Greenpeace zufolge haben sich viele der führenden Modemarken – sowohl Luxusmarken als auch Billiganbieter – dazu verpflichtet, bis 2020 giftfrei zu produzieren.

Schadstoffe sollen also aus der Produktion verbannt werden, aber was sind die Alternativen? Laut dem TEGEWA produzieren 25 Unternehmen in Deutschland Spezialchemikalien für die weltweite Textilindustrie. Ihre Produkte müssen hohen Ansprüchen genügen, etwa den REACH-Vorgaben der EU. Viele Unternehmen sind zudem Mitglied in diversen Öko-Bündnissen, die sich selbst Standards setzen, wie GOTS oder ZDHC.

Außerdem gibt es rund zehn Textilforschungsinstitute, die neuartige Alternativen für Chemikalien entwickeln. So können zum Beispiel Enzyme Waschmittel ersetzen, was Chemikalien einspart. Allerdings gebe es ideologische Vorbehalte. "Besonders wirkungsvolle Enzyme werden aus genmanipulierten Organismen hergestellt", sagte Schröder. "Es gibt aber Bereiche, die Gentechnik grundsätzlich ablehnen." Dazu gehörten etwa internationale Naturtextilbündnisse. Eine andere Methode zum Einsparen von Chemie und Wasser sei die noch nicht sehr verbreitete Plasmatechnik. Ihr Nachteil: "Sie erfordert hohe Investitionen in die Anlagen und man braucht viel Strom."

"Für saubere Produkte"

Doch was sagt der Verband der Textilchemie-Hersteller dazu, dass die Unternehmen auf eine Reihe von Chemikalien verzichten wollen? "Uns, der europäischen Textilchemieindustrie, nützt der Druck von Greenpeace", betonte Schröder. Der TEGEWA begrüße es, dass die Unternehmen riskante Stoffe aus der Produktion nähmen und stattdessen die genormten Chemikalien aus Europa einkaufen. "Es ist eine Chance, bessere und saubere Produkte herzustellen."

Und warum stinkt es nun bei Primark so künstlich? "Das wissen wir nicht genau", geben die TEGEWA-Experten zu. "Vielleicht riecht man das Konservierungsmittel vom Transport", warf Föller ein. "Wenn man Textilien in Containern verschifft, werden sie begast, damit sie nicht vergammeln." Farbstoffe und Mittel zur Textilveredelung hätten keinen Duft, ergänzte Schröder: "Ein Qualitätsmerkmal ist der Geruch also nicht." 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN