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Spitzenplatz für AIDAnova Kreuzfahrt-Ranking 2018: Nabu kritisiert Einsatz von Schweröl bei Neubauten

Von Gerrit Hencke

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Die Aidanova ist das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit LNG-Antrieb und damit im Nabu-Ranking ganz oben. Foto: AidaDie Aidanova ist das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit LNG-Antrieb und damit im Nabu-Ranking ganz oben. Foto: Aida

Kiel/Hamburg/Rostock. Acht von neun Kreuzfahrtschiffen, die 2018 auf den Markt kommen, setzen noch immer auf Schweröl als Treibstoff.

Die AIDAnova ist das weltweit erste Kreuzfahrtschiff, das mit Flüssiggas (LNG) betrieben wird und somit auf den Antrieb mit giftigem Schweröl verzichtet. Das geht aus dem aktuellen Kreuzfahrt-Ranking des Naturschutzbundes (Nabu) hervor. Alle anderen der 76 untersuchten Schiffe, darunter auch acht von neun Schiffen, die in diesem Jahr auf den Markt kommen, halten am dreckigen Schweröl fest. Der Nabu moniert, dass besonders die Branchenriesen MSC Cruises, Celebrity Cruises und Royal Caribbean aktuell in Sachen Umweltschutz kaum etwas zu bieten haben.  (Weiterlesen: Papenburger Meyer Werft dockt am Dienstag „AIDAnova“ aus) 

Mit der AIDAnova sticht ein Kreuzfahrtschiff in See, welches die Abgasbelastung in Häfen und auf See dank LNG erheblich reduziert, was die Luftqualität wesentlich verbessert. Der 337 Meter lange Cruiser kann zu 100 Prozent mit Flüssiggas (LNG) fahren, das deutlich weniger Luftschadstoffe ausstößt als die bisher gängigen Treibstoffe Schweröl und Marinediesel. Laut Reederei emittiert das Schiff bei LNG-Betrieb 80 Prozent weniger Stickoxide und 20 Prozent weniger CO2. Rußpartikel und Schwefeloxide entfallen ganz. Der Neubau für die Rostocker AIDA-Reederei soll am Dienstagabend, 21.08.2018, bei der Papenburger Meyer Werft ausgedockt werden. (Hier können Sie die Ausdockung im Livestream verfolgen)

„Es ist lobenswert, dass AIDA hier voran geht und bei neuen Schiffen auf emissionsmindernde Technologie setzt“, sagt Dietmar Oeliger, Leiter für Verkehrspolitik beim Nabu-Bundesverband. Jetzt seien auch die Wettbewerber gefragt, deutlich mehr in den Umweltschutz zu investieren. Gleichwohl seien alle Unternehmen weiterhin gefordert, auch Lösungen zur umfassenden Abgasreinigung für die wesentlich größere Bestandsflotte voranzutreiben.

Denn bei der Luftreinhaltung können lediglich die deutschen Anbieter Hapag-Lloyd Cruises und TUI Cruises einigermaßen mithalten, indem sie auf ihren jüngsten Schiffen Stickoxid-Katalysatoren einsetzen oder für die Versorgung mit Landstrom während des Hafenaufenthalts ausgerüstet sind. Rußpartikelfilter zur Senkung besonders gesundheitsschädlicher Rußpartikel sind jedoch auch auf diesen Schiffen Fehlanzeige.



Nabu fordert Einfahrverbote in Häfen

„Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2018 immer noch Schiffe auf den Markt kommen, die auf Schweröl als Treibstoff ausgelegt sind und keine wirkungsvolle Abgastechnik einsetzen. In allen großen Hafenstädten Europas leiden die Menschen massiv unter der zu hohen Luftschadstoffbelastung durch die boomende Kreuzfahrtindustrie“, sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Die Reeder würden sich größtenteils weiter ihrer Verantwortung entziehen. „Mehr Hafenstädte und besonders schützenswerte Regionen müssen endlich Einfahrverbote für schmutzige Kreuzfahrtschiffe verhängen, wie dies in norwegischen Fjorden bereits der Fall ist“, sagte Miller. Nur so sei die Gefahr für die Gesundheit der Anwohner und für sensible Ökosysteme kurzfristig einigermaßen in den Griff zu kriegen. Ein Einfahrverbot für dreckige Schiffe fordert der Nabu bereits ab 2020.

LNG kein Heilsbringer

„Die Reeder hatten ausreichend Zeit sich zu entscheiden, ob sie wirkungsvolle Abgastechnik an Bord installieren, saubereren Kraftstoff verbrennen oder sich extern mit Landstrom versorgen lassen. Es mangelt nicht an Möglichkeiten, sondern am Willen der politischen Entscheider, der Kreuzfahrtbranche etwas abzufordern“, sagt Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik beim Nabu Hamburg. Die enormen gesundheitlichen Gefahren von Schiffsemissionen seien nicht länger tragbar.

Dietmar Oeliger sieht auch LNG keineswegs als Heilsbringer für die Schifffahrt, da es sich weiterhin um einen fossilen Brennstoff handele. Oeliger verwies auf den Ausstoß von klimaschädlichem Methan bei Flüssiggas, zudem gilt die Verwendung von Frackinggas aus den USA als umweltpolitischer Sündenfall. „Die Reedereien müssen ihr LNG zumindest zertifizieren lassen.“ Zudem fordert der Nabu die Branche auf, schon jetzt Motoren zu entwickeln, die mit emissionsfreiem, synthetischem Gas laufen.

„Eine jüngst veröffentlichte Studie unseres Dachverbandes Transport & Environment zeigt erneut, dass LNG keinen nennenswerten Vorteil gegenüber Diesel bringt wenn es um den Klimaschutz geht“, sagt der Verkehrsexperte. Deshalb sei die Branche aufgerufen, mit Nachdruck Antriebssysteme und Kraftstoffe zu entwickeln und flächendeckend einzusetzen, die nicht nur den Luftschadstoff-, sondern auch CO2-Ausstoß deutlich reduziere. Ohne einen massiven technologischen Wandel in der Schifffahrt seien die Pariser Klimaziele sonst nicht einzuhalten.

Reeder müssen in Umwelttechnik investieren

Seit 2015 gelten strengere Umweltauflagen in Nord- und Ostsee. Demnach müssen Schiffe leichteren Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von maximal 0,1 Prozent verwenden oder Abgase reinigen. Ab 2020 soll das besonders giftige Schweröl ganz verboten sein.

Umweltschützer kritisieren die Schifffahrtsbranche schon lange als großen Luftverschmutzer. Landstromanlagen im Hafen oder die Hamburger LNG-Barge seien keine Lösung. Denn sobald der Stecker gezogen sei, würden die üblichen Abgasmengen in die Luft geblasen. Auch die sogenannten Scrubber, die das Rauchgas reinigen, lehnen die Umweltschützer ab, weil die Filterreste als Sondermüll an Land oder einfach im Meer entsorgt würden.

Umweltverbände fordern darum, dass alle Schiffe mit Filtern für Rußpartikel und Stickoxide ausgestattet werden müssen. Zudem dürfe nur noch sauberer Treibstoff verfeuert werden.

Kreuzfahrt-Boom in den großen Häfen im Norden

Die Zahl der Anläufe kennt in den vier großen Kreuzfahrthäfen Deutschlands seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Auch die Passagierzahlen steigen. Die Diskussion um die Versorgung der Schiffe im Hafen mit Landstrom wird in den letzten Jahren immer lauter. In Kiel sind entsprechende Anlagen in Planung, der Hamburger Hafen bietet bereits Landstrom und LNG an. Doch das Angebot wird bisher noch wenig genutzt. Rostock setzt hingegen auf die Bebunkerung der Schiffe mit dem alternativem Treibstoff LNG.

Global stehen die Zeichen weiter auf Wachstum. 75 Schiffe stehen (Stand September 2017) in den Auftragsbüchern der vier Werften, die technologisch in der Lage sind, solche anspruchsvollen Schiffe zu bauen. Das bedeutet: Bis zum Jahr 2025 kommen noch einmal 250.000 Kabinen dazu; die weltweiten Kapazitäten steigen damit um 40 Prozent. Vielleicht auch um 50 Prozent, wenn noch Bestellungen dazukommen. Weltweit werden im Jahr 2022 dann 30 Millionen Passagiere auf Kreuzfahrt gehen, 2026 schon 35 Millionen und 2030 erwartet die Branche schließlich 40 Millionen Gäste.

Der Kreuzfahrt-Dachverband Clia hat das Ranking als „unwissenschaftlich und willkürlich“ zurückgewiesen. Grundsätzlich verfolge die Branche aber die gleichen Ziele wie der Nabu, nämlich Emissionen zu reduzieren und die Umwelt zu schützen.

Clia machte deutlich, dass der Einsatz von Schweröl ohne entsprechende Filter an Bord in der Nord- und Ostsee verboten ist. Der Grenzwert für den Schwefelanteil betrage 0,1 Prozent. Bis heute sei kein Verstoß durch ein Kreuzfahrtschiff dagegen festgestellt worden. Außerdem lasse die International Maritime Organization (IMO) vom 1. Januar 2020 an nur noch Treibstoffe zu, die maximal ein Siebtel des Schwefelgehalts von derzeit zulässigen Treibstoffen enthalten. Der Verband ergänzte, dass Kreuzfahrtschiffe weniger als ein Prozent der weltweiten Handelsflotte ausmachten. (mit dpa)


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