Landwirt berichtet über Probleme Jeder zweite Sauenhalter will nicht mehr - warum?

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Ein Ferkel. Archivfoto: Michael GründelEin Ferkel. Archivfoto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Schweinefleischproduktion ist durchgetaktet. Am Ende stehen die Schlachthöfe, am Anfang die Sauenhalter. Gerade die kämpfen mit erheblichen Problemen. Die Konsequenz: Jeder Zweite will in den kommenden Jahren aufgeben. Wir haben mit einem dieser Landwirte gesprochen.

645 Betriebe haben an der Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) teilgenommen. Herausgekommen ist aus Sicht des Verbandes ein repräsentatives Bild über den Zustand der Sauenhaltung: Mehr als jeder zweite Landwirt will in den kommenden zehn Jahren aussteigen. Gerade die verhältnismäßig kleinen mit weniger als 150 Sauen planen den Ausstieg. Fast 85 Prozent der Betriebsleiter in dieser Größenordnung sagen, sie wollen nicht mehr. Viele fühlen sich von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen, sind überfordert mit gesetzlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen. 

Unsere Redaktion hat einen Landwirt getroffen, der aufgibt. Zum Jahresende verlassen die letzten Sauen seinen Hof im Emsland, Anfang 2019 die letzten Ferkel. Dann ist es vorbei mit der Tierhaltung. Wo genau der Betrieb steht und wie der Bauer heißt, sagen wir an dieser Stelle nicht. Im Gegenzug spricht er offen über die Beweggründe für seinen Entschluss.

Während er am Küchentisch sitzt und erzählt, brüllen immer wieder die Schweine im Hintergrund. Die Tiere sind allgegenwärtig auf diesem Betrieb. Der Stall grenzt direkt an das Wohnhaus der Familie. Sie haben Ende der 90er entschieden, sich auf die Ferkelerzeugung zu spezialisieren. „Diese Entscheidung haben wir seitdem mehrfach bereut“, sagt der Landwirt.

„Ich bin froh, wenn überhaupt Geld überbleibt“

Der Emsländer erzählt von Zeiten niedriger Ferkelpreise, in denen er jeden Monat Tausende Euro verlor. Derzeit läuft es mal wieder schlecht. „Ich bin froh, wenn überhaupt Geld überbleibt.“ Ferkelerzeuger sind das letzte Glied in der Kette. Kann der Schlachthof sein Fleisch nur billig verkaufen, gibt er den niedrigeren Preis quasi an den Mäster weiter und der reicht ihn durch an den Ferkelerzeuger. „Es gibt in dieser Branche kein Miteinander, sondern nur Gegeneinander“, lautet das bittere Fazit des Landwirts. 

Was bleibt, ist möglichst viele Ferkel zu verkaufen. Die Genetik der Sauen ist entsprechend verändert worden.  Mittlerweile werfen sie durchaus mehr Ferkel als sie Zitzen haben. Der Bauer sieht das kritisch: „Der Preis dafür ist hoch. Die Sauen sind viel anfälliger für äußere Einflüsse als früher.“ Während der Hitzewelle habe eine Sau 25 Ferkel zur Welt gebracht, acht davon waren tot. „Das hat nichts mehr mit Tierwohl zu tun. Niemand schmeißt gerne einen Eimer toter Ferkel weg“, sagt der Bauer.

„Warum kann ich das nicht besser? Warum können die anderen es?“Ein emsländischer Sauenhalter über seine Selbstzweifel

Er sei ehrgeiziger Unternehmer. Immer wieder habe er sich gefragt: „Warum kann ich das nicht besser? Warum können die anderen es?“ Die Selbstzweifel nährten eine Depression. Drei Jahre war er deswegen in Therapie. Der Bauer sagt, er sei in einem System gefangen gewesen. Und die Anforderungen in diesem System seien über die Jahre immer weiter angezogen worden.  

Alle Tierhaltungsformen stehen derzeit in der Kritik und sehen sich mit Änderungsforderungen der Gesellschaft konfrontiert. So massiv wie bei der Ferkelproduktion wird aber nirgends sonst die Systemfrage gestellt. Und niemand gibt auf die Frage bislang verlässliche Antworten. Aktuell sind es die drei K, die Sauenhalter umtreiben: Kastenstand, Kupieren, Kastrieren.

Das drängendste Problem ist die Kastration. Bislang werden männlichen Ferkeln ohne weitere Betäubung die Hoden entfernt. Unter anderem, weil das Fleisch einiger Eber einen unangenehmen Geruch entwickeln kann. Ab dem 1. Januar 2019 ist damit aber Schluss – also in wenigen Monaten. Seit Jahren steht fest, dass der Ausstieg kommt, vorbereitet darauf ist die Branche aber nicht. Jeder zweite Sauenhalter, der laut ISN-Umfrage aufgeben will, nennt die Kastration als zumindest einen Grund dafür.

Ein Landwirt kastriert ein Ferkel. Foto: dpa

Die Bauern wollen den Eingriff weiterhin selbst vornehmen, aber vorher ein Betäubungsmittel injizieren. In Dänemark beispielsweise ist dieser sogenannte vierte Weg Alltag. In Deutschland ist die Methode umstritten. Die Bundestierärztekammer ist dagegen. Und auch die Bundesregierung hat Zweifel.  

Aus dem zuständigen Landwirtschaftsministerium in Berlin heißt es: Um im Einklang mit dem Tierschutzgesetz zu stehen, müsste die Methode garantiert den Schmerz ausschalten. „Nach den bisher vorliegenden wissenschaftlichen Studien wird jedoch bei der Ferkelkastration durch eine Lokalanästhesie keine Schmerzausschaltung erreicht.“ Es sei eine Untersuchung in Auftrag gegeben worden, wie es dennoch geschafft werden kann.

Das Gesetz verbietet Schmerzen

Aber ist das zeitlich überhaupt noch zu schaffen? Eine Ministeriumssprecherin sagt: „Auch wenn grundsätzlich bereits Alternativen zur betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration […] vorhanden sind, werden auch Vorschläge, wie eine Änderung des Tierschutzgesetzes zur Fristverlängerung in Betracht gezogen.“ Bayern und Niedersachsen haben sich bereits dafür ausgesprochen. Die Landwirte sollen für weitere fünf beziehungsweise drei Jahre ohne Betäubung kastrieren dürfen. Der Tierschutzbund ist empört. Präsident Thomas Schröder erinnerte daran, dass seit Jahren bekannt sei, dass das Verbot komme. Die Landwirtschaft habe hier einfach auf Verweigerung geschaltet. „Warum ist der Gesetzgeber so devot?“, fragt Schröder.

Die SPD im Bundestag scheint unruhig zu werden: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) soll nach dem Willen der Sozialdemokraten ein Maßnahmenpaket zur Zukunftssicherung der Schweinehaltung in Deutschland vorlegen. Die tierschutzpolitische Sprecherin Susanne Mittag sagte unserer Redaktion: „Das Ministerium war jahrelang untätig, wir steuern auf eine Katastrophe für Ferkelzüchter zu. Im September erwarte ich einen Vorschlag, wie es rechtssicher weitergehen soll.“ Mittag wundert sich: „Es ist einfach rätselhaft, warum sich niemand aus dem zuständigen Ministerium gekümmert hat.“

Ferkel im Stall. Foto: dpa

Der Landwirt im Emsland hat dazu eine eindeutige Meinung: Man solle einfach so weitermachen wie bisher. „Aber auf die Praktiker hört ja niemand. Stattdessen werden Beschlüsse getroffen, die sich in der Praxis nicht umsetzen lassen.“ Er hat resigniert. Seine Entscheidung zur Aufgabe fiel, als alle drei Kinder sagten, sie wollten den Hof nicht übernehmen. „Seitdem geht Vieles einfacher“, stellt er fest. Seine Tochter fügt hinzu: „Ich weiß sehr genau, wie viel Arbeit das ist und wie hoch die Belastung ist. Ich habe es jahrelang gesehen. Und dafür ist auch die gesellschaftliche Anerkennung einfach zu schlecht.“ 

Ein Betrieb weniger mit Sauen also. Ferkel wird es trotzdem weiterhin genug geben, um die deutschen Mastställe zu füllen. Bereits jetzt werden Millionen Tiere aus Dänemark und den Niederlanden importiert. "Die Sauenhaltung wird ins Ausland exportiert", umschrieb das ISN-Geschäftsführer Torsten Staack bei der Präsentation der Umfrage. Den deutschen Betrieben fehle Planungssicherheit und Perspektive. 

Aber auch hierzulande gaben bei der Befragung des Interessenverbandes immer noch zwölf Prozent der Betriebe an, sie wollten expandieren. Es sind vorrangig diejenigen, die jetzt schon größer sind als der Durchschnitt. Der Bauer aus dem Emsland sagt: „Jung, motiviert, immer sehr optimistisch. Das war ich auch mal.“ Er wird kurz still und schiebt dann hinterher: „War.“

Blick in einen leeren Sauenstall. Archivfoto: Fisser



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