Kostendruck und Bürgerproteste Warum die Windkraftbranche in Turbulenzen ist

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Vielerorts regt sich Widerstand von Anwohnern und Naturschützern gegen neue Windparks. Foto: dpa/Oliver BergVielerorts regt sich Widerstand von Anwohnern und Naturschützern gegen neue Windparks. Foto: dpa/Oliver Berg

Osnabrück Die Windkraftbranche hat ein Rekordjahr 2017 hinter sich – doch eine neue Förderpolitik verschärft den Kostendruck, während der Ausbau lahmt und Bürgerproteste zunehmen.

Die deutsche Windkraftbranche – lange erfolgsverwöhnt – sieht schwierigen Zeiten entgegen. Die Aufträge brechen ein, die Branchengröße Enercon aus Aurich kündigt den Abbau Hunderter Jobs an. Zunehmender Kostendruck und Bürgerproteste machen der Branche zu schaffen. Dabei feierte sie noch im vergangenen Jahr einen Rekordausbau für Windparks an Land: 5300 Megawatt Leistung gingen 2017 ans Netz, fast doppelt so viel, wie der Bund angepeilt hatte. Grund für den Boom war ein Torschluss-Effekt: Die Betreiber kamen noch in den Genuss fester Abnahmepreise für den Windstrom.

Mit dem EEG 2017 hatte die alte Bundesregierung die Förderpolitik grundlegend umgestellt, um die Kosten der Energiewende in den Griff zu bekommen. Statt die Fördersätze für Strom aus erneuerbaren Energien staatlich festzulegen, werden sie über Ausschreibungen ermittelt. Der Zuschlag für ein Windparkprojekt geht nun an den Betreiber, der die niedrigste finanzielle Förderung bietet.

Mit der Umstellung auf das neue Förderregime nahm der Preisdruck auf die Hersteller stark zu. Zugleich erlahmte der Ausbau: Im ersten Halbjahr 2018 betrug der Nettozubau an Land nach Angaben des Fachverbands VDMA Power Systems 1500 Megawatt oder 396 Anlagen. Für das Gesamtjahr rechnet die Branche mit einem Zubau von 3300 bis 3500 Megawatt – deutlich weniger als der langjährige Durchschnitt.

Geringes Interesse bei Investoren

Die Investoren verloren zuletzt zunehmend das Interesse an Windkraftprojekten an Land. Bei der zweiten Ausschreibung in diesem Jahr wurde erstmals das angepeilte Volumen nicht erreicht: Statt der ausgeschriebenen 670 Megawatt wurden nur Projekte für insgesamt 604 Megawatt eingereicht.

Der Bundesverband Windenergie (BWE) machte ein „fehlerhaftes Ausschreibungsdesign“ sowie den politischen Stillstand in Berlin für die Verunsicherung der Branche verantwortlich. Unklar ist etwa, wie es mit den rechtlichen Privilegien für Bürgerenergiegenossenschaften bei den Ausschreibungen weitergeht. Mit diesen Ausnahmeregeln wollte die Bundesregierung die Bürgerbeteiligung an der Energiewende sicherstellen. Allerdings wurden diese Privilegien ausgenutzt und daher bis 2020 vorläufig ausgesetzt.

„Schluss mit dem Zögern und Zaudern“

Unsicherheit herrscht auch mit Blick auf die Sonderausschreibungen für Erneuerbare, auf die sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag geeinigt hatten. Sie sollen dazu beitragen, den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bis 2030 auf 65 Prozent zu erhöhen. Ob und wann die Sonderausschreibungen unter anderem für Windparks aber tatsächlich Gesetz werden, ist derzeit ungewiss und Gegenstand von politischem Streit unter den Regierungspartnern. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) schimpfte unlängst: „Jetzt muss Schluss sein mit weiterem Zögern und Zaudern auf der Bundesebene.“

Der Windkraftbranche machen aber nicht nur die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Mit dem fortschreitenden Ausbau der Windenergie an Land nehmen auch die Bürgerproteste gegen die „Verspargelung“ der Landschaft zu. Ob es die Sorge um das Landschaftsbild oder seltene Vögel ist, die Angst vor dem Wertverlust des eigenen Hauses oder vor Schattenschlag: Der Widerstand wächst. Klagen von Anwohnern und Naturschützern lassen Projekte scheitern oder verzögern sie zumindest. Auch wegen der zunehmenden Bürgerproteste hat sich die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen entschlossen, den Ausbau der Windkraft in ihrem Bundesland zu bremsen.


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