Zahlungsdienstleister im Höhenflug Wirecard hängt Deutsche Bank beim Börsenwert ab

Von Mischa Erhardt

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Der Kunde merkt im Normalfall nichts, wenn im Hintergrund der Zahlungsdienstleister Wirecard aktiv wird. Foto: dpa/Daniel KarmannDer Kunde merkt im Normalfall nichts, wenn im Hintergrund der Zahlungsdienstleister Wirecard aktiv wird. Foto: dpa/Daniel Karmann

So unscheinbar die Dienste, so wertvoll das Unternehmen: Wirecard ist an der Börse erstmals mehr wert als die Deutsche Bank. Der Zahlungsdienstleister könnte bald in den Dax aufsteigen – und eine große Bank aus der Börsenbundesliga verdrängen.

Frankfurt. Während die klassischen Geldhäuser versuchen, den Anschluss in modernen Zeiten nicht zu verlieren, hat sich Wirecard etabliert. Der Zahlungsdienstleister regelt Überweisungen, Online-Zahlungen und kontaktloses Bezahlen mit dem Smartphone. Ein deutsches Fintech-Unternehmen (kurz für „Finanztechnologie“), das auf bestem Weg ist, die Commerzbank aus dem Dax zu verdrängen. (Hier weiterlesen: Paypal-Rivalen greifen an)

Wer aus der Ecke Glücksspiel und Pornografie stammt, muss einiges tun, um das Vertrauen von Anlegern an der Börse zu gewinnen. Wirecard ist dieses Kunststück gelungen. Die Aktie des Zahlungsdienstleisters ist seit Monaten im Rallye-Modus. Am Dienstag kam das Unternehmen auf einen Börsenwert von 21,3 Milliarden Euro – und überflügelte damit die Deutsche Bank um 300 Millionen Euro.

Die Idee für das Unternehmen wurde geboren in einer Zeit, in der quasi alles, was auch nur entfernt mit dem Internet zu tun hatte, reißenden Absatz an den Börsen fand. Die sogenannte Dotcom-Blase zerplatzte allerdings im Jahr 2000 und machte nicht nur Telekom-Aktionäre ärmer.

Wirecard ist eines der wenigen Überbleibsel der damaligen Euphorie. Zur Hochzeit des Neuen Marktes im Jahr 1999 gegründet, ging das Unternehmen 2000 an die Börse. Das Geschäftsmodell: Zahlungen über das Internet abzuwickeln. Die Idee kam gut an bei Online-Firmen, die virtuelle Casinos aufbauten oder Pornografie anboten. Auch heute gibt es noch Kunden in diesem Bereich, allerdings ist ihr Anteil mittlerweile nur noch gering.

Rasantes Wachstum

Nach rasantem Wachstum vor allem in den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen zu einem etablierten Zahlungsabwickler gemausert: Von Überweisungen, dem Bereitstellen ganzer Konten und deren Online-Services bis hin zu mobilem Bezahlen über Apps in Smartphones: Wirecard bietet moderne Technologie – und das haben auch Anleger an der Börse gemerkt. Dass Wirecard bis dato vergleichsweise unbekannt ist, liegt daran, dass das Unternehmen seine Dienste im Hintergrund anbietet. Tui zählt beispielsweise zu den Kunden, ebenso wie die Mobilfunkgesellschaft O2. Anders, als der Name suggeriert, gibt es auch keine Wirecard, wie es eine Visacard gibt.

Zwar regeln die Menschen weltweit nach wie vor rund 80 Prozent ihrer Einkäufe und Geschäfte mit Bargeld. Das dürfte sich aber mit der Zeit ändern. In Asien ist es bereits jetzt für viele Menschen gängig, mit dem Smartphone zu bezahlen. Auch im Bargeldland Deutschland dürfte sich der Trend bemerkbar machen. Und die Erwartung treibt den Kurs.

Kurszuwachs um über 80 Prozent

Seit Jahresbeginn ist der Kurs der Wirecard-Aktie um über 80 Prozent geklettert. In dieser Zeit hat der Dax ein paar Prozentpunkte verloren und die Deutsche Bank ein Drittel ihres Börsenwertes eingebüßt. Und das ist nur die jüngste Börsenrallye von Wirecard. In den vergangenen fünf Jahren nämlich hat sich der Kurs fast verachtfacht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Unternehmenschef Markus Braun in manchen Dingen das richtige Gespür bewies. 2007 gründete er eine Asien-Tochter, die heute die Hälfte des Konzerngeschäftes beisteuert. 2015 startete Wirecard die Smartphone-Bezahllösung „Boon“. Und der Konzern kooperiert – ebenfalls seit 2015 – mit dem chinesischen Bezahlgiganten Alipay.

Währenddessen beschäftigten sich die beiden großen deutschen Privatbanken Deutsche Bank und Commerzbank mit der Bereinigung von Altlasten. Der jüngste Kursverfall bei den klassischen Bankaktien allerdings geht nicht aufs eigene Konto. Es ist der Kursverfall der Lira in der Türkei. Durch den Verfall der Währung am Bosporus sorgten sich Anleger an den Börsen in den vergangenen Tagen, dass europäische Banken in den Sog des Strudels rund um den Verfall der Lira kommen könnten. Wirecard ist derweil in Sachen Börsenwert an der Deutschen Bank vorbeigezogen.

Aufstieg in den Dax möglich

Und der nächste Coup könnte schon bald folgen: Wenn nämlich die Deutsche Börse im September darangehen wird, die Zusammensetzung ihrer Indizes zu prüfen, dürfte Wirecard ins Rampenlicht rücken: Ein Aufstieg in den Dax ist möglich. Sollte das Unternehmen wirklich in die Börsenbundesliga aufsteigen, müsste ein anderer Konzern die Top-30 der deutschen Aktiengesellschaften verlassen – es könnte die Commerzbank sein.

Noch ist das Rennen zwischen den Platzhirschen der Bankenbranche und Wirecard aber nicht entschieden. Denn augenscheinlich handelt es sich um einen Kampf zwischen David und Goliath: Der Umsatz von Wirecard lag im vergangenen Jahr bei 1,5 Milliarden Euro, bei der Deutschen Bank bei 26 Milliarden Euro. Die Bilanzsumme des Aschheimer Konzern ist ein Klacks gegenüber einer Deutschen Bank: Rund fünf gegen 1500 Milliarden. Und die Mitarbeiterzahl schafft auch den Eindruck glasklarer Verhältnisse: Knapp 5000 gegenüber künftig rund 90000 bei der Deutschen Bank.


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