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US-Strafzölle auf türkischen Stahl Türkische Währung Lira stürzt auf neues Rekordtief ab

Von dpa

Türkische Währung im Tief: Erstmals mussten mehr als sieben Lira für einen US-Dollar und mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden. Foto: Mustafa Kaya/XinHua/dpaTürkische Währung im Tief: Erstmals mussten mehr als sieben Lira für einen US-Dollar und mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden. Foto: Mustafa Kaya/XinHua/dpa

Ankara/Washington . Neue US-Strafzölle treffen die türkische Währung Lira hart. Präsident Recep Tayyip Erdogan warnt heimische Firmen.

Im Streit zwischen Washington und Ankara sind am Montagmorgen drastisch erhöhte US-Strafzölle in Kraft getreten. Seit 0.01 Uhr (US-Ostküstenzeit/6.01 MESZ) wird Stahl aus der Türkei mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt, hatte das Weiße Haus zuvor verkündet. US-Präsident Donald Trump hatte die Verdoppelung am Freitag angeordnet. 

Die Türkische Lira geriet zu Wochenbeginn weiter stark unter Druck. Im asiatischen Handel sank der Wert der türkischen Währung am Montag im Vergleich zum Euro und zum US-Dollar zeitweise erneut zweistellig. Erstmals mussten mehr als sieben Lira für einen US-Dollar und mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden. Damit setzte sich der drastische Kursverfall seit Jahresbeginn fort. Unterdessen werden Absicherungen gegen einen Zahlungsausfall der Türkei an den Börsen teurer. Am Montag kosteten Versicherungen für fünfjährige Staatsanleihen so viel wie seit der Wirtschaftskrise 2009 in dem Land nicht mehr. 

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak versprach schnelle Maßnahmen. In einer Serie von Tweets kündigte er einen "Aktionsplan" an, der von Montagmorgen an gelten sollte. Außerdem versprach Albayrak der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge, dass Einlagen nicht beschlagnahmt und Devisen auf Bankkonten nicht in Lira umgewandelt würden. 

Kritik an Zentralbank

Nach langem Schweigen meldeten sich auch die Währungshüter des Landes zu Wort. Wie die Notenbank in Ankara mitteilte, wurden die Reserve-Anforderungen an bestimmte Währungsgeschäfte verringert. Zudem wurden den heimischen Banken zusätzliche Refinanzierungsgeschäfte angeboten. Die Geldhäuser können sich zudem zusätzliche Mittel in Fremdwährung leihen. Die Schritte dürften darauf abzielen, die Marktliquidität zu erhöhen. Die Notenbank teilte mit, die Märkte genau zu beobachten. Es würden alle Schritte ergriffen, um die Finanzstabilität zu sichern.

Analysten wie der Türkei-Spezialist Timothy Ash kritisierten, dass das früher hätte passieren müssen – bevor die asiatischen Märkte öffneten. "Sie sind immer hinterher, müssen immer aufholen, sind immer zu spät dran, und dann ist der Schaden angerichtet", twitterte er. So könne die Krise nicht gemanagt werden.

Ein zentraler Kritikpunkt von Investoren und Analysten ist, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Besetzung von Schlüsselpositionen Loyalität vor Expertise gestellt hat. Der amtierende Finanzminister ist sein Schwiegersohn. Außerdem hatte Erdogan in den vergangenen Jahren mit unorthodoxen Auffassungen Investoren verunsichert – und besteht weiter auf seinen Thesen. So ist er anders als Ökonomen ein Gegner von Zinserhöhungen, um die massive Inflation im Land zu stoppen. Die liegt mittlerweile bei mehr als 15 Prozent.

Erdogan warnt heimische Unternehmen

Am Wochenende hatte Erdogan den Ton in dem Streit der beiden Nato-Partner stark verschärft. Er sprach er in mehreren kämpferischen Reden von "Kampagnen" gegen die Türkei und griff die USA erneut heftig an.

Er forderte zudem einheimischen Unternehmen dazu auf, sich von der erschwerten Wirtschaftslage nicht beeinflussen zu lassen. Es sei nicht nur die Pflicht der Regierung, die Nation am Leben zu erhalten - "es ist auch die Pflicht der Industriellen und der Händler", sagte Erdogan am Sonntagabend. Er warnte die Firmen davor, Bankrott anzumelden: "Wenn ihr das macht, begeht ihr einen Fehler!" Erdogan verlangte außerdem, dass die türkischen Industriellen keine Fremdwährungen ankaufen sollten – dies könnte die türkischen Banken noch mehr unter Druck setzen.

Höhere Strafzölle auch auf Aluminium

In einem Tweet hatte Trump am Freitag auch angekündigt, die Strafzölle auf Aluminium aus der Türkei auf 20 Prozent zu verdoppeln. Für die neuen Abgaben wurde noch kein Datum genannt. Trump hatte ausdrücklich auf die schlechten Beziehungen zu dem Nato-Partner und auf den Absturz der Türkischen Lira verwiesen, den er mit seiner Ankündigung weiter beschleunigte.

Im Zentrum des Streits stehen zwei Geistliche: Washington fordert die Freilassung des US-amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der wegen des Verdachts auf Spionage und Terrorvorwürfen in der Türkei unter Hausarrest steht. Ankara wiederum verlangt bisher vergeblich die Auslieferung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht.

Nach Angaben des türkischen Handelsministeriums exportierte das Land im vergangenen Jahr Eisen, Stahl und Aluminium im Wert von 1,1 Milliarden Dollar (950 Mio Euro) in die USA – das habe einem Anteil von 0,7 Prozent aller Ausfuhren entsprochen.

Risiken für Deutschland

Für die deutsche Wirtschaft ist die Türkei-Krise eine von vielen geopolitischen Risiken. Als Handelspartner spielt die Türkei aber eine untergeordnete Rolle: 2017 gingen Waren im Wert von 21,5 Milliarden Euro aus Deutschland in das Land am Bosporus. Die Türkei liegt als Exportmarkt der Bundesrepublik damit auf Rang 16. Zum Vergleich: Das Ausfuhrvolumen in die USA – dem wichtigsten Einzelmarkt – lag bei 111,5 Milliarden Euro, nach Frankreich gingen Waren im Wert von 105,2 Milliarden Euro. 

Die türkische Regierung erhöhte den Druck auf Unternehmer sowie Medien, die über die Krise berichten. Der Kapitalmarkt-Ausschuss des Landes kündigte "rechtliche Maßnahmen" an gegen jene, die falsche Berichte über staatliche Banken und Unternehmen veröffentlichten. Einem Bericht zufolge schaut auch der Ermittlungs-Ausschuss für Finanzkriminalität im Finanzministerium auf solche Taten. Ferner gingen Staatsanwälte in Ankara und Istanbul gegen Personen und Konten in sozialen Medien vor, die "die die wirtschaftliche Sicherheit des Landes gefährden", wie die Agentur Anadolu berichtete. Aus dem Innenministerium kam die Nachricht, dass es schon Ermittlungen gegen die Betreiber von 346 Konten in sozialen Medien gebe. Sie hätten mit Berichten den Anstieg des Dollars gegenüber der Lira gestützt. 

Aus Angst vor der Türkei-Krise haben sich Anleger auch verstärkt aus Tourismus-Aktien zurückgezogen. Papiere von Anbietern mit Türkei-Geschäft gaben zu Wochenbeginn deutlich nach. Zwar sei der massive Wertverfall der Lira prinzipiell gut für Touristen, sagte Marktbeobachter Neil Wilson von Markets.com. Damit steige die Kaufkraft von Besuchern im Land. Doch die Angst vor einem wirtschaftlichen Kollaps überwiege, meinte er. Verwerfungen auch in anderen Schwellenländern könnten die Weltwirtschaft treffen.


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