Vom Start-up zum Tourismus-Riesen Zehn Jahre Airbnb: Treibt der milliardenschwere Konzern Mieten in die Höhe?

Von Nina Kallmeier

Vor zehn Jahren ist Airbnb in San Francisco gestartet. Foto: Jens Kalaene/dpaVor zehn Jahren ist Airbnb in San Francisco gestartet. Foto: Jens Kalaene/dpa

Osnabrück/San Francisco Airbnb hat sich vom Start-up zum milliardenschweren Tourismus-Konzern und größten Rivalen der Hotelbranche entwickelt. Mit dem Vorwurf, Wohnraum zweckzuentfremden und Mieten in die Höhe zu treiben, steht das Unternehmen auch immer wieder in der Kritik. Beim Aufbau des deutschen Ablegers hat eine Münsteranerin vier Jahre lang mitgewirkt.

Dass sich ihre fixe Idee zu einem Rivalen für die etablierte Tourismusbranche entwickeln würde, hätten Brian Chesky und Joe Gebbia vor zehn Jahren noch nicht gedacht: Weil sie sich ihr Apartment in San Francisco nicht leisten konnten, stellten sie kurzerhand drei Luftmatratzen ins Wohnzimmer, um sie an Besucher einer Design-Konferenz zu vermieten. Im Preis inbegriffen war Frühstück. So ergab sich der Name „Airbed and breakfast“ (Airbnb) – Luftmatratze und Frühstück.

Von diesem schlichten Ursprung hat sich das US-Unternehmen mit Sitz in San Francisco lange verabschiedet. Rasant gewachsen, hat es sich zu einem der wertvollsten Start-ups weltweit entwickelt. Heute wird Airbnb von Investoren auf rund 31 Milliarden Dollar (27 Milliarden Euro) taxiert. Nach eigenen Angaben gibt es mittlerweile mehr als fünf Millionen gelistete Unterkünfte in 191 Ländern und rund 81000 Städten weltweit. In Deutschland seien es mehr als 150000 Inserate, die meisten von ihnen in Berlin (2017: 26000), München (9000) und Hamburg (7500). Zum Vergleich: Der weltgrößte Hotelkonzern Marriott hatte mit seinen rund 30 Marken Ende 2017 etwa 1,3 Millionen Zimmer im Angebot.

Münsteranerin war eine der ersten Mitarbeiter

Eine, die den Aufstieg der Vermittlungsplattform in Deutschland aktiv mit begleitet hat, ist Katrin Schmidt. Die Münsteranerin war 2011 eine der ersten Mitarbeiter in Deutschland. „Airbnb war für mich spannend, da ich mich beim Reisen in Hotels nie besonders wohlgefühlt habe“, erzählt die Westfälin, die vorher bei Hanse Ventures gearbeitet hatte. Statt eines Hotels habe sie beim Reisen ihr internationales Netzwerk von Freunden genutzt, das sie sich durch mehrere Auslandsaufenthalte im Studium und für Praktika aufgebaut hatte.

Als Leiterin des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit für Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie weitere europäische Länder waren ihre ersten Stationen Hamburg und Berlin. In insgesamt 15 Großstädten in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden Mitarbeiter eingestellt und Treffen vor Ort organisiert, um Gastgeber zusammenzubringen. „Eine der größten Herausforderungen war es für uns, den Markt von den deutschen Klonen zurückzuerobern“, erinnert sich Schmidt. Ebenfalls 2011 war der Berliner Marktplatz Wimdu an den Start gegangen, über den wie bei Airbnb Kurzzeitunterkünfte gefunden werden können. 350000 Unterkünfte in mehr als 150 Ländern und 2,5 Millionen angemeldete Nutzer hat das Portal, das seit 2016 Teil des Hotelkonzerns Wyndham Vacation Rentals ist, nach eigenen Angaben aktuell.

Airbnb habe jedoch einen großen Vorteil gehabt, sagt die Katrin Schmidt, die heute in San Francisco lebt: „Die Nachfrage vor allem aus dem Ausland war bereits vorhanden. Wenn jemand bei Airbnb seine Wohnung inseriert hat, war die Chance relativ hoch, schnell eine erste Buchung zu bekommen.“ Andere Anbieter hingegen hätten Angebot und Nachfrage gleichzeitig aufbauen müssen. „Das kann zu Frustrationen auf beiden Seiten führen, wenn zum Beispiel ein Gastgeber keine Buchungen erhält oder ein Reisender keine Unterkunft findet.“ Allerdings galt auch für Airbnb: Viele Städte waren skeptisch, und oftmals wurde das Angebot des Unternehmens eher selbst zum Reisen genutzt als zur Vermietung der eigenen vier Wände, so Schmidt.

Städte reagieren auf Airbnb

Vor allem Millennials waren unter den ersten Nutzern – um anders zu reisen als die ältere Generation, erinnert sich die Müsteranerin. „Wir haben früher gescherzt, dass Airbnb die Konkurrenz zur Couch der Schwiegermutter ist. Heute sehe ich das Unternehmen als etablierten Teil der Tourismusbranche.“ Diese jedoch steht dem Kurzzeitvermieter seit Langem kritisch gegenüber. „Im Bereich der sogenannten ‚Sharing Economy‘ sehen wir dringenden politischen Handlungsbedarf“, heißt es vom Dehoga- Bundesverband. Hinzu kommt auch von anderen die Kritik der Zweckentfremdung von Wohnraum, die die Mieten in die Höhe treibt. Berlin hat bereits eine Registrierungspflicht für Ferienwohnungen eingeführt, Hamburg will folgen. Die Stadt Düsseldorf hingegen hat eine Registrierung für Airbnb-Wohnungen abgelehnt.

Auch international wurde bereits reagiert. Während es am Hauptsitz des US-Unternehmens in San Francisco bereits seit 2016 eine Meldepflicht gibt, will New York City nun nachziehen und Airbnb zur Offenlegung seiner Kundendatei verpflichten. Um illegalen Vermietungen entgegenzuwirken und gegen Mietersteigerungen vorzugehen, sagen die Politiker. Auch Amsterdam hat die Vermietungsdauer bereits zeitlich eingeschränkt. Zuletzt hat die EU-Kommission den US-Riesen abgemahnt – und bemängelte unter anderem eine fehlende Preistransparenz bei Buchungen und Unklarheiten, ob es sich um ein privates oder gewerbliches Inserat handele.

Diskussionen um Bettensteuer oder Wohnraumschutz und deren Auswirkung sowohl auf das amerikanische Unternehmen als auch die Gastgeber vor Ort haben Katrin Schmidt schon in der Anfangszeit beschäftigt. „In den meisten Städten geht die Diskussion langsam in eine positive Richtung“, sagt sie heute. Mehr und mehr Städte würden Partnerschaften mit Airbnb schließen, bei denen Kompromisse auch zur Häufigkeit der privaten Vermietung gefunden würden. Und: „Airbnb ist bereit, die Bettensteuer direkt im Namen der Gastgeber abzuführen“, sagt sie weiter. Auf dieses Angebot reagieren Städte jedoch unterschiedlich. Während mit Frankfurt und Dortmund eine entsprechende Vereinbarung geschlossen wurde, haben unter anderem Bremen und Hamburg das Angebot abgelehnt.

Erstmals Jahresgewinn

Drei Jahre lang hat Katrin Schmidt Airbnb in Deutschland aufgebaut. Nachdem sie im Mai 2014 die amerikanische Green Card in der Lotterie gewonnen hatte, ist sie im Januar 2015 nach San Francisco ausgewandert. Am Hauptsitz hat sie unter anderem am Launch der sogenannten „Entdeckungen“ gearbeitet. Ein Paket, mit dem Airbnb der Tourismusbranche weiter Konkurrenz macht. „Das Angebot weitet sich immer weiter aus, sodass es bald möglich sein könnte, seine ganze Reise auf Airbnb zu planen und zu buchen“, ist die Münsteranerin überzeugt

Kein Wunder, dass die Wall Street auf den Börsengang des US-Unternehmens hinfiebert. Doch Unternehmensgründer Brian Chesky hat keine Eile: „Lasst es mich direkt ansprechen: Wir werden 2018 nicht an die Börse gehen“, teilte er im Februar mit. Anfang 2017 hatte er von einem „Zweijahresprojekt“ gesprochen. Derweil läuft es finanziell offenbar ganz gut: Das Unternehmen soll 2017 seinen ersten Jahresgewinn geschafft haben. Vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen habe Airbnb rund 100 Millionen Dollar (81 Millionen Euro) verdient, berichtete die „Financial Times“ Anfang des Jahres unter Berufung auf einen Insider. Die Buchungen seien um 150 Prozent gestiegen, der Umsatz habe über 3,5 Milliarden Dollar erreicht. In Deutschland geht der Boom der Unterkünfte auch auf ein gestiegenes Interesse in den Ferienregionen zurück, teilte das Unternehmen unlängst mit. Gerade in kleineren Städte und Ortschaften an Nord- und Ostsee habe die Zahl der Inserate 2017 stark zugenommen.

Nach sechseinhalb Jahren bei Airbnb arbeitet Katrin Schmidt heute nicht mehr für den US-Riesen. Stattdessen hat sie sich selbstständig gemacht. „Ich hatte schon immer das Gründergen in mir“, sagt die Westfälin. Mit ihrer Firma baut sie einen Gruppen-Dinner-Dating-Service auf – eine Gegenbewegung zu mobilen Dating-Apps, wie sie sagt. „Ich habe bei Airbnb viel gelernt und genieße es jetzt, meine eigene Chefin zu sein.“ Der Plattform selbst hat sie nicht den Rücken gekehrt. Im September geht es für sie zum ersten Mal nach New Orleans. Übernachtet wird in einem Airbnb statt Hotel. (mit dpa)


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