Trennung von Türkeigeschäft EWE-Chef: Müssen am Ziel 2030 arbeiten

Von Nina Kallmeier

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Osnabrück. Seit Januar ist Stefan Dohler neuer Vorstandsvorsitzender der EWE. Ein Gespräch über Windenergie, Subventionen, Partnerschaften und das Türkeigeschäft.

Herr Dohler, noch nie ist so viel Strom aus erneuerbarer Energien erzeugt worden. Dennoch sehen viele die Ausbauziele in Gefahr.

Ich nehme beim Thema erneuerbare Energie aktuell in Berlin keinen großen Elan wahr. Das ist sehr schade, denn wir müssen den Schub beibehalten und schon jetzt an dem Ziel 2030 arbeiten. Wir unterstützen die Ausbauziele der Regierung, bis dahin 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Dazu muss jedoch noch viel passieren. Um der Ausbaudelle entgegenzuwirken, wollte die Regierung eigentlich ihr sogenanntes 100-Tage-Gesetz verabschieden und es sollten Sonderausschreibungen kommen. Umgesetzt wurde bislang jedoch nichts.

Die Windenergie steht immer wieder in der Kritik, Bürger wehren sich gegen Windparks vor ihrer Haustür.

Niedersachsen ist Windland Nummer eins und die Windenergie bringt viel Wertschöpfung in die Region – nicht nur für jene, die in Windparks investiert haben. Das darf man nicht vergessen. Es steht eine ganze Serviceindustrie dahinter, Hersteller und Zulieferer. Sie alle profitieren vom Ausbau der Erneuerbaren. Das macht die Region stärker. Als Bürger findet man natürlich die „Spargel“ in Sichtweite nicht schön. Doch egal ob Windenergie, Photovoltaik, Kraftwerk, Erdkabel oder Freileitug; in der Größenordnung, in der wir sie brauchen, wird es keine unsichtbare Infrastruktur geben.

Für Strom aus Windenergie laufen in Kürze die Subventionen aus. Ist der subventionslose Betrieb von Windparks wettbewerbsfähig?

Es hat für die letzten Offshore-Ausschreibungen Gebote ohne Festvergütungsanteile gegeben – gebaut worden ist von diesen Projekten jedoch noch nichts. Diese Projekte gehen davon aus, dass der Strompreis auf einem hohen Niveau bleibt, damit sie sich refinanzieren. Das Risiko, dass aufgrund einer gegenteiligen Entwicklung Projekte nicht umgesetzt werden, sehe ich als hoch.

Dennoch kann eine zeitlose Subvention ja nicht das Ziel sein.

Es gibt in anderen Ländern wie Großbritannien Modelle, die eine Subventionierung zu einem gewissen Teil über sogenannte Contracts for Differences (CSDa) ausgleichen. So wird zum Beispiel für Projekte ein Referenzpreis vereinbart. Liegen die Strompreise darüber, darf der Erzeuger die zusätzlichen Gewinne nicht behalten, sondern das Geld fließt in einen Ausgleichstopf. Aus diesem werden Festvergütungen finanziert, wenn die Preise unterhalb der Referenz liegen. Über ein Ausschreibungsmodell wird das Referenzniveau immer weiter gesenkt. Das finde ich eine smarte Lösung und einen fairen Mechanismus, denn es ergibt sich eine Entlastung für den Bürger und Planbarkeit für Investoren. Jetzt bei uns ganz auf ein EEG zu verzichten, würde einen Rückschritt bedeuten.

Der Energiemarkt konzentriert sich. Braucht es eine gewisse Größe, um agieren zu können?

Da muss man zwischen Erzeugern und Lieferanten unterscheiden. Im Bereich der Erzeugung sehen wir aktuell eine Konzentration. Aufgrund der Entwicklung weg von der Festvergütung zu Ausschreibungsmodellen, wo Bewerber auch finanzielle Risiken in Kauf nehmen müssen, passiert da gerade viel. Im Bereich der Erneuerbaren ist die Beteiligung der großen Energieversorger an der Erzeugung in Deutschland derzeit aufgrund der dezentralen Entwicklung jedoch äußerst gering.

Dezentralisierung ist ein gutes Stichwort. Die dezentrale Stromerzeugung hat mit dem Ausbau der Erneuerbaren stark zugenommen. Dieser Strom muss jedoch auch irgendwie verteilt werden.

Darauf zu warten, dass die große Leitung nach Bayern kommt, halte ich für falsch. Der Ausbau ist richtig, wir müssen uns aber auch die Frage stellen, wie Überschüsse vor Ort besser genutzt werden können. Beides muss parallel laufen. Ein Systemmanagement auf regionaler Basis hinzubekommen reduziert Kosten, da nur noch der Überschuss abgeführt werden muss.

Ganz aktuell wollen wir im Rahmen von Enera mit der Epex eine regionale Börsenplattform aufbauen, um das regionale Netz unabhängiger vom Gesamtnetz zu machen, also eine höhere Integration der Erneuerbaren sicherzustellen, ohne die Netze sofort weiter ausbauen zu müssen. Drin sehen wir sehr viel Potenzial. Diese Plattform wird derzeit entwickelt und soll Anfang nächsten Jahres scharfgeschaltet werden. Das ist im Rahmen des Forschungsprojektes machbar, jedoch nicht mit der heutigen Regulierung. Hier muss den Verteilungsnetzbetreibern ein entsprechender Rahmen gegeben werden, in dem sie auch Systemverantwortung übernehmen.

Inwieweit sind Direktversorger am Ende des Tages eine Konkurrenz?

Das alte Modell, als großer Energieversorger ein Kraftwerk zu betreiben und den Strom an möglichst viele Haushalte zu verteilen, daran glauben wir nicht mehr. Es wird immer komplexer, diese regionalen Lösungen sinnvoll ins System zu integrieren. Da sehe ich für EWE zum Beispiel als Dienstleister eine Chance. EWE ist nie ein großer Erzeuger gewesen, sondern immer eher der Systembetreiber und Lieferant. Das macht es vielleicht einfacher, lösungsorientiert zu denken.

Nun ist EWE nicht nur in Sachen Strom ein Versorger, sondern auch beim Breitband. Wie beurteilen Sie die aktuelle Digitaloffensive von Bund und Land?

Die Förderverfahren sind eine Ergänzung zu unserem eigenwirtschaftlichen Ausbau des Glasfasernetzes. In der aktuellen Konjunktur bringen sie jedoch auch ihre Probleme. Der Bau boomt, Tiefbaukapazitäten fehlen: Das bedeutet, die Preise steigen. Den Ausbau mit mehr Geld noch stärker zu forcieren, heißt, dass die Tiefbaupreise weiter steigen. Das würde dazu führen, dass sich möglicherweise auch einige unserer eigenwirtschaftlichen Projekte nicht mehr rechnen. Der Breitbandausbau muss zeitlich gestreckt werden, damit der Markt reagieren kann.

Wie sehen Sie die Zukunft der Glasfaser?

Es ist die richtige Technologie für die nächsten 30 bis 40 Jahre. Glasfaser hat eine hohe Bandbreite sowohl im Upload als auch im Download, die so schnell nicht überholt sein wird.

Zu Beginn des Jahres haben Sie eine Partnersuche für Anteile an der EWE AG angekündigt. Wie weit sind Sie aktuell?

Unsere Strategieüberprüfung ist abgeschlossen, sodass wir nun mit unseren Aktionären – die auch in Zukunft Hauptaktionäre bleiben werden – entscheiden, wie sich das Unternehmen weiter entwickeln soll. Erst dann kann die Suche beginnen, denn der Partner muss diese Richtung mittragen. Wir suchen nicht nur jemanden, der die EnBW als Anteilseigner ersetzt. Wir suchen jemanden, der sich mit einbringt, den Kurs stützt und eine gewisse Kapitalausstattung mitbringt. Ob es ein strategischer Partner wird, der möglicherweise einen Marktzugang oder Know-how bringt, halten wir uns offen. Die Partnerschaft legen wir jedoch langfristig an.

Zur Strategieüberprüfung gehörte auch das Türkeigeschäft. Wird EWE verkaufen?

Wenn wir jemanden finden, der uns einen fairen Wert bietet, werden wir das Geschäft verkaufen, ja. Wir haben jedoch nichts zu verschenken. Bekommen wir kein Angebot, das unseren Vorstellungen entspricht, behalten wir das Geschäft.

Andere Branchen gehen bewusst in die Internationalisierung. Ist das als Energieversorger schwieriger?

Es gibt sehr viele Beispiele großer Energieversorger, die zeigen, dass eine Internationalisierung im Energiemarkt nicht einfach ist. Man braucht viel Geld und einen langen Atem. Und man muss sich die Frage stellen, was man im Ausland besser kann als jene vor Ort. Wir konnten in der Türkei eine neue Gasinfrastruktur gut auf- und ausbauen. Langfristig müssen wir uns jedoch fragen, ob wir dem Wettbewerb dort standhalten können. Und ob es hier nicht genug Marktoportunitäten gibt. Bei dem, was in der Energiewelt passiert, gibt es hier im Norden genug Möglichkeiten für EWE. Wir müssen unser Glück nicht am anderen Ende der Welt suchen.

Steht der polnische Markt dann als nächstes auf dem Prüfstand?

In Polen sind wir mit unserer Infrastruktur praktisch in den Markt hineingewachsen. Wir sind in Brandenburg, der Nachbarschaft, sehr aktiv. Das erweiterte Umland steht in einem anderen Fokus als der weltweite Markt. Wir werden also auch außerhalb der Region aktiv sein.


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