Stoff für Diskussionen Skandale in der Textilwirtschaft – und die Folgen

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Der schlimmste Inidustrieunfall Bangladeschs: 2013 der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes, der mehr als 1100 Textilarbeiter tötete. Foto: dpa/Abir AbdullahDer schlimmste Inidustrieunfall Bangladeschs: 2013 der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes, der mehr als 1100 Textilarbeiter tötete. Foto: dpa/Abir Abdullah

London/Sabhar/Amsterdam. Die Textilindustrie ist eine der arbeitsintensivsten der Welt, weshalb Niedriglohnländer boomen. Doch das hat seinen Preis.

Wie viele Kleidungsstücke tragen Sie gerade? Vier? Dann wurden statistisch gesehen drei davon in Asien geschneidert. Denn fast Dreiviertel aller Textilien, die in die EU importiert werden, kommen aus Fernost. In vielen Ländern dort ist die Textilindustrie wichtiger Antrieb für die Entwicklung und Industrialisierung. Doch zu welchem Preis? Oft arbeiten die Näher – überwiegend Frauen – zu einem niedrigen Lohn und in einer unsicheren Arbeitsumgebung. Die Rechtslage lässt das zu. 

Doch der Trend zur Nachhaltigkeit fordert längst auch die Textilwirtschaft heraus. Verbraucher werden anspruchsvoller, gleichzeitig kaufen sie beim billigsten Anbieter. Das verschärft einen Preiskampf, der für fast alle in der Produktionskette nachteilig ist – aber der Käufer erhält Kleidungsstücke zum Dumping-Preis. Manche Kunden sehen damit ihr Bedürfnis erfüllt, andere haben ein schlechtes Gewissen. Genährt wird das von den Schreckensmeldungen, die immer wieder aus den Produktionsländern zu vernehmen sind. Ein Blick auf jüngere Skandale der Textilwirtschaft und ihre Konsequenzen:

Eingenähte Hilferufe

Im Sommer 2014 wandten sich mehrere britische Kundinnen der Billigmodekette Primark an die Presse, sie hätten in ihrer Kleidung eingenähte Hilferufe gefunden. Auf den Etiketten klagten offenbar Näherinnen über schlechte Arbeitsbedingungen ("Degrading Sweatshop Conditions") und Ausbeuterei ("Forced to work exhausting hours"). Eine Kundin aus Nordirland fand in einer Hosentasche sogar einen handgeschriebenen Zettel mit chinesischen Schriftzeichen und einem dreifachen "SOS!". 

...gefälscht

Der Konzern überprüfte die Fälle und ließ wissen, dass die Hilferufe gefälscht seien. Die eingenähten Nachrichten gingen auf ein Projekt von Kunststudenten zurück. Auch der Zettel ist wohl nicht echt. Laut Primark war die Hose 2009 zuletzt im Angebot. Die Frau hatte angegeben, sie 2011 in einer Filiale gekauft zu haben. Zudem sei die Fabrik, in der die Hose hergestellt wurde, überprüft worden. Dabei sei keine Zwangsarbeit festgestellt worden.

Auch wenn die Botschaften nicht echt sein sollten, fachten sie die Debatte um die Produktionsbedingungen von Kleidung wieder an. Denn in vielen Textilfabriken arbeiten Menschen nicht nur für einen Hungerlohn, sondern auch in einer lebensgefährlichen Umgebung: Immer wieder kommt es zu tödlichen Bränden oder Gebäudeeinstürzen. Ein Schlaglicht auf dieses Risiko warf die Katastrophe in Bangladesch vor fünf Jahren. 

Die Rana-Plaza-Tragödie 2013

Das Rana-Plaza-Gebäude war am Tag des Einsturzes evakuiert – bis auf die Textilfabriken. Foto: dpa/Abir Abdullah

Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes, in dem fünf Textilfabriken untergebracht waren, gilt als der schlimmste Industrieunfall des Landes. Bei der Tragödie am 24. April 2013 in einem Vorort der Hauptstadt Dhaka kamen 1136 Menschen ums Leben, 2438 wurden verletzt, verstümmelt und traumatisiert.

Am Vortag hatten Mitarbeiter Risse an dem Gebäude festgestellt. Die Näher wurden angehalten, trotzdem zu arbeiten. Schon der Bau der Fabrik war grob fahrlässig, stellte hinterher eine Untersuchungskommission fest: Das Gebäude war mit minderwertigem Baumaterial und auf instabilem Untergrund errichtet worden. Drei der acht Etagen waren illegal gebaut worden – ebenso auch die neunte, die gerade in Arbeit war.

Die Fabriken hatten hauptsächlich Kleidung für den Export produziert, unter anderem für 25 europäische Modefirmen wie Primark, Benetton, Mango, Walmart, Inditex (Zara), Carrefour, C&A und auch deutsche Unternehmen wie KiK, NKD oder Adler beziehungsweise deren Zulieferer.

Die Katastrophe bringt die Wende

Die Hinterbliebenen fordern mit Protestzügen eine Entschädigung. Foto: dpa/Abir Abdullah

Fabriken unter Beobachtung: Tausende gingen nach dem Unglück auf die Straße, um gegen die desolaten Arbeitsbedingungen zu protestieren. Die bangladeschische Regierung verschärft daraufhin das Arbeitsgesetz sowie die Bedingungen für Brandschutz und Gebäudesicherheit. Einige Fabriken wurden geschlossen, an die Tausend Korrekturpläne wurden ausgestellt, die Zahl der Inspektionen erhöht.

Bezahlung: Außerdem wurde der monatliche Mindestlohn auf fast das Doppelte angehoben – von 28 auf 51 Euro. Das sei Gewerkschaftlern zufolge nach wie vor zu wenig, um davon leben zu können, aber dennoch eine Verbesserung.

Gefängnisstrafe: Der Fall hat auch juristische Folgen: Drei Jahre später wurde der Eigentümer des Rana-Plaza-Gebäudes, Politiker Mohammed Sohel Rana, wegen illegaler Finanzierung des Baus zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Später folgten Mordanklagen gegen ihn und rund 40 weitere Beteiligte.

Gebäude-Eigentümer Sohel Rana (Mitte) wurde nahe der indischen Grenze festgenommen. Foto: imago/Xinhua

Entschädigungszahlungen: Und wie reagierte die Branche? Mehrere internationale Konzerne kündigten an, Verantwortung zu übernehmen und richteten einen millionenschweren Ausgleichsfonds für die Hinterbliebenen ein. Allerdings leisteten zunächst nur wenige der Unternehmen einen Beitrag. Erst zwei Jahre später war die Summe von 30 Millionen US-Dollar zusammen. Die Billigmodekette Primark beteiligte sich und spendete nach eigenen Angaben insgesamt 14 Millionen US-Dollar an die Überlebenden und Familienangehörige der Opfer.

Ein gemeinsames Abkommen: Die weitreichendste Folge war jedoch der "Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh": Der große öffentliche Druck führte dazu, dass die jahrelangen Verhandlungen über Gebäude- und Brandschutzstandards erfolgreich beendet werden konnten.

Insgesamt 220 internationale Marken, Gewerkschaften und Zulieferer schlossen sich dem für Bangladesch rechtsverbindlichen Abkommen an. Etliche deutsche Händler beteiligten sich, darunter Aldi, Esprit, Kik, Orsay, Karstadt und s.Oliver.

Das Abkommen enthält konkrete Sicherheitsvorschriften, die somit für rund 1600 Fabriken und zwei Millionen Angestellte in Bangladesch gelten. Mehrere Lieferanten, die die Vorgaben nicht erfüllten, mussten ihre Fabriken bereits schließen. Das Komitee hinter dem Accord bemühte sich um eine Weitervermittlung der Beschäftigten. Im Frühjahr 2018 hieß es vom Direktor des Accord, die Betriebe hätten die Sicherheitsvorgaben zu etwa 85 Prozent umgesetzt. 

Im Mai 2018 lief das Abkommen aus. Einer Verlängerung bis 2021 stimmten nicht mehr alle Vertragspartner zu. Rund 40 Unternehmen verließen das Bündnis wegen des hohen Aufwandes und der geforderten Transparenz.

Deutsches Textilbündnis: Als zweitgrößter Textilimporteur der Welt reagierte auch Deutschland auf das Unglück: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller initiierte 2014 das "Bündnis für nachhaltige Textilien". 150 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und NGOs setzen sich darin verbindliche Ziele für Sozial- und Umweltstandards. Rund die Hälfte der deutschen Textilhändler sind dem Bündnis beigetreten. Kritiker bemängeln die Freiwilligkeit der Vorgaben: Wer keinen Maßnahmenplan vorlegt, wird ohne Sanktionen aus dem Bündnis entlassen.

Christiane Schnura (von links), Koordinatorin Clean Clothes Campaign, Antje von Dewitz, Geschäftsführerin Vaude Sport, DGB-Chef Reiner Hoffmann und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) begründen das Textilbündnis. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Wie sich jedoch zeigte, hat Bangladeschs Ruf als "Nähstube der Welt" unter der Rana-Plaza-Tragödie stark gelitten. Die neuen Sicherheitsbestimmungen und der Mindestlohn kommen zwar den Arbeitern zugute, für die Hersteller sind sie allerdings mit erhöhten Kosten verbunden. Viele Werke sind mittlerweile in andere Länder abgewandert. Günstiger produzieren lässt es sich in afrikanischen Ländern sowie in Vietnam, Laos, Kambodscha und China. Myanmar gilt mit einem Textilexport-Zuwachs von 85 Prozent (Geschäftsjahr 2016/2017) als das neue Bangladesch.

Kinderarbeit in Myanmar

"Modesklaven" – 2016 erschien ein schwedisches Enthüllungsbuch, das Kinderarbeit in den Zuliefererfirmen des Bekleidungsriesen H&M aufdeckte. Laut den Autoren arbeiteten in Myanmar Kinder bis zu 14 Stunden am Tag. Kinderarbeit ist dort zwar ab 14 Jahren erlaubt, Überstunden dürfen die Minderjährigen jedoch keine leisten. Vier Stunden täglich sind das Maximum und die Arbeit darf nicht der von erwachsenen Angestellten entsprechen.

H&M überprüfte die konkreten Fälle und bestätigte sie. Die Kinder hätten gefälschte Ausweise gezeigt, hieß es. Die Geschäftsbeziehung zu den betreffenden Lieferanten habe der Konzern gestoppt.

Eine niederländische NGO recherchierte weiter. 2017 veröffentlichte das Organisation Centre for Research on Multinational Corporations (auch bekannt also SOMO) den Bericht "Das Myanmar Dilemma". Auf Basis von Interviews mit 400 Arbeitern in zwölf Fabriken fand eine Forschergruppe heraus, dass in allen Minderjährige beschäftigt waren. In mehr als der Hälfte der untersuchten Standorte arbeiteten Kinder unter 15 Jahren. Viele machten Überstunden und bekamen oft nur die Hälfte des Mindestlohns ausgezahlt. Als gängige Praxis wurde beschrieben, wie man vor Kontrollen gewarnt wurde, sodass sich die Kinder verstecken konnten. Für sie sei die Beschäftigung jedoch eine Chance, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, um nicht betteln, oder sich prostituieren zu müssen.


Laut der SOMO-Studie ließen neben H&M höchstwahrscheinlich noch weitere Marken in den Fabriken produzieren, die Kinder beschäftigten: Darunter sind etwa Lonsdale, Deuter, New Look, Takko und Gaastra. Viele der Händler schickten nach Veröffentlichung der Studie Inspekteure in die Fabriken und regten Verbesserungen an. Ob diese umgesetzt wurden, lässt die Studie offen.


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