Interview zu Neustart nach Insolvenz Paracelsus-Kliniken: Keine weiteren Standort-Schließungen

Von Uwe Westdörp


Osnabrück Neustart bei den Paracelsus-Kliniken: An diesem Mittwoch (1.8.) übernimmt die in Familienhand befindliche Beteiligungsgesellschaft Porterhouse Group AG die Klinikgruppe, die bundesweit an 22 Standorten insgesamt 40 Einrichtungen betreibt. Michael Philippi, Vorsitzender der Geschäftsführung der Paracelsus Kliniken, ist sich sicher: „Das Unternehmen ist aus der tiefen Krise heraus.“ Eine neue Zeitrechnung habe begonnen, sagt er im Interview.

Herr Philippi, die Paracelsus Kliniken haben ein Insolvenzverfahren mit Stellenstreichungen, Schuldenabbau und zwei Klinik-Schließungen hinter sich. Wie gut sind sie jetzt für die Zukunft gerüstet? Ist der Patient wieder auf den Beinen?

Der Patient ist auf dem besten Weg der Genesung. Die in der Insolvenz umgesetzten Maßnahmen, zu denen die Schließung der beiden Standorte Karlsruhe und Bad Münster und andere sehr harte Maßnahmen gehörten, bedeuten eine entscheidende Entlastung der Klinikgruppe. Sonst wäre ja auch das Insolvenzverfahren nicht beendet worden. Das Unternehmen ist aus der tiefen Krise heraus. Gleichwohl bleibt viel Arbeit zu tun.

Ist in den nächsten ein bis zwei Jahren mit weiteren Einschnitten zu rechnen? Schließen Sie Klinikschließungen vorerst aus?

Maßnahmen wie das Schließen von Standorten schließen wir aus. Wir hatten eine sehr stringente und schnelle Insolvenzphase. Für die Zukunft sind wir damit schon sehr gut gerüstet. Aber wie gesagt, es liegt noch viel Arbeit vor uns, wir müssen stärker und moderner werden.

Zwischenzeitlich war zu hören, die Gläubiger könnten möglicherweise noch eine zweite Tranche Geld bekommen. Wie stehen die Chancen?

Wie bereits vor einigen Wochen gesagt: Es gibt gute Chancen.

Was kommt auf die Mitarbeiter zu?

Auch auf die Beschäftigten kommt eine Menge Arbeit zu. Sie sollten aber nicht besorgt sein, sondern guten Mutes und zuversichtlich nach vorne schauen. Das Ziel der nächsten Wochen und Monate wird es sein, das Vertrauen in die eigene Stärke an den einzelnen Standorten wiederherzustellen. Wir haben ein klares Programm mit Investitionen in bauliche Strukturen, in Arbeitsmittel, in Medizintechnik, in digitale Technologie. Jeder Standort und jedes Team wird sehen, dass eine neue Zeitrechnung begonnen hat.

Welche Vorgaben kommen von der Beteiligungsgesellschaft Porterhouse Goup AG, die die Klinikgruppe übernommen hat?

Die Leitplanken sind inhaltlicher Art. Wir werden zum Beispiel daran arbeiten, Medizin und Pflege aus Sicht des Patienten „neu“ zu denken, stationäre und ambulante Versorgung besser zu vernetzen. Auch im Sinne der Mitarbeiter wollen wir Paracelsus zu einem echten Vorzeigekandidaten ausbauen. Und selbstverständlich müssen wir die Gruppe zu einem gesunden Unternehmen weiterentwickeln. Wir wollen möglichst schnell in stabile schwarze Zahlen kommen.

Beteiligungsgesellschaften trennen sich mitunter sehr schnell von Neuerwerbungen. In welchen Zeiträumen planen Sie mit Porterhouse, und wie kalkuliert Porterhouse mit Paracelsus?

Das Engagement von Porterhouse ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Porterhouse ist angetreten, Teil der Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens zu sein. Dies unterscheidet das Unternehmen von Finanzinvestoren, die in einer Drei- bis Fünfjahresperspektive denken und handeln. Bei Paracelsus können Sie davon ausgehen, dass Porterhouse der neue Träger für die Zukunft ist. Ich rechne hundertprozentig mit einem langfristigen Engagement.

Welche medizinischen Schwerpunkte wollen Sie setzen. Wo sehen Sie Wachstumspotenzial?

Die Paracelsus-Kliniken versorgen Patienten im Rahmen der Versorgungsaufträge der Länder. Innerhalb dessen verfügt die Gruppe über einzelne Leuchttürme. Genannt sei etwa die Parkinson-Kompetenz aus Kassel heraus. Es gibt auch sehr starke Leistungsangebote im Bereich der Urologie und – unter anderem in Osnabrück oder Zwickau – im Bereich der Neurochirurgie. Natürlich analysieren wir die Bedarfe der Zukunft, wie die Behandlung von Alterskrankheiten. Im Kern geht es jetzt darum, den jeweiligen regionalen Bedarf zu analysieren – und dieser kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein.

Wie bewerten Sie die politischen Rahmenbedingungen für Krankenhäuser? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will den Kliniken in Deutschland per Gesetz konkrete Vorgaben für die Zahl ihrer Pflegekräfte machen. Einverstanden?

Die Politik muss sich des Themas annehmen. Denn es ist brisant, und es umfasst ja nicht nur die Kranken-, sondern auch die Altenpflege. Ich halte aber Personalmindeststandards nicht für einen geeigneten Weg. Nach meiner Einschätzung müssen wir viel stärker in Aus-, Fort- und Weiterbildung investieren und in die Attraktivität des Pflegeberufes. Ich bezweifele, ob starre Regelungen und Sanktionen dazu einen Beitrag leisten können. Aber lassen Sie uns abwarten, wie die genauen Rahmenbedingungen ausfallen werden.

Ein großes Thema in allen Branchen ist die Digitalisierung. Wie gut ist Ihre Klinikgruppe da aufgestellt. Und was sind Ihre Ziele?

Hier haben wir deutlichen Nachholbedarf, den wir aber schnell angehen wollen. Es geht um drei Ziele: die Versorgung der Patienten zu verbessen, die Arbeit der Beschäftigten im Alltag zu erleichtern und die Vernetzung zu optimieren. Und natürlich gibt es große Effizienzpotenziale: Unsere wichtigsten Mitarbeiter im Krankenhaus verbringen täglich bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation, mit Improvisation und mit papiergebundener Kommunikation. Wenn man nur ein Vierteil dieser Zeit einspart, dann bedeutet das einen großen Sprung nach vorn. Der erste Schritt wird nächste Woche die Einführung einer Paracelsus-App sein, der ParacelsusConnect, sodass wir besser mit- und untereinander kommunizieren können. Auch schauen wir uns unter anderem Programme für die Pflegedokumentation und Anwendungen für elektronische Krankenakten an.


Paracelsus Kliniken

Die Paracelsus Kliniken zählen mit 40 Einrichtungen an insgesamt 22 Standorten nach eigenen Angaben zu den großen privaten Klinikträgern in Deutschland. Bundesweit betreuen rund 5.200 Mitarbeiter jährlich mehr als 100.000 stationäre Patienten. Die Gruppe bietet Akut- und Rehamedizin an. Die Konzernzentrale hat ihren Sitz in Osnabrück.

Die Beteiligungsgesellschaft Porterhouse hat sich darauf spezialisiert, mittelständische Unternehmen mehrheitlich zu erwerben und zu neuem Wachstum zu führen. Für den Erwerb von Beteiligungen werden nach Unternehmensangaben ausschließlich eigene Mittel eingesetzt. Der alleinige Eigentümer ist Felix Happel. Der Beteiligungsfokus liegt auf Unternehmen, „deren Produkte und Dienstleistungen für die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse direkt oder indirekt eine bedeutende Rolle spielen (Gesundheit, Ernährung, Sicherheit, Bildung)“.

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