Wald leidet unter Hitze Schirmbeck: „Es droht ein Totalausfall der neuen Generation“

Von Nina Kallmeier

Die Trockenheit macht dem Wald zu schaffen. Der Forstwirtschaftsrat befürchtet, dass eine ganze Generation eingeht. Foto: Julian Stratenschulte/dpaDie Trockenheit macht dem Wald zu schaffen. Der Forstwirtschaftsrat befürchtet, dass eine ganze Generation eingeht. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Osnabrück. Der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) schlägt Alarm: Rund 500 Millionen junge Bäume werden jedes Jahr in Deutschland gepflanzt. Viele von ihnen werden in diesem Jahr jedoch eingehen, so die Befürchtung. Der Grund: die andauernde Hitze und Trockenheit.

„Es droht ein Totalausfall der neuen Generation“, befürchtet DFWR-Präsident Georg Schirmbeck im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Hitzewelle macht die Pflanzarbeit von mehreren Jahren zunichte. Anders als bei ausgewachsenen Bäumen reichen bei jungen bereits ein paar Monate Trockenheit, um sie absterben zu lassen. Und in einem Wald kann man, anders als beim Ackerbau, nicht jedes Jahr von vorn anfangen.“

Die ausfallende Nachpflanzung ist jedoch nur ein Problem, vor dem die deutsche Forstwirtschaft aktuell steht. Ein Viertel des deutschen Waldes gehört Eigentümern, die weniger als 20 Hektar besitzen. Dahinter stehen wiederum 95 Prozent der Waldeigentümer. Schon jetzt können sie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ihren Wald selten kostendeckend pflegen, sagt Schirmbeck. „Daher wurde ihnen die Betreuung bisher durch die Landesforstverwaltungen entweder kostengünstig oder kostenfrei – im Wege indirekter Förderung – zur Verfügung gestellt.“ Erste Hochrechnungen auf Basis des Testbetriebsnetzes Forstwirtschaft des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gehen davon aus, dass sich die bundesweit für die indirekte forstliche Betreuung eingesetzten Haushaltsmittel auf rund 250 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Zum Vergleich: Die gesamte Förderung forstlicher Maßnahmen wie Waldumbau und Waldwegebau beläuft sich zusammen mit dem durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) geförderten Anteil auf gut 60 Millionen Euro pro Jahr.

Aufgrund von Änderungen in der Auslegung des Kartellrechts und des EU-Beihilferechts ist eine indirekte Förderung jedoch nicht mehr möglich, sagt Schirmbeck. „Gerade zur Schlüsselzeit der Anpassung an den Klimawandel werden also die bewährten Betreuungsstrukturen zerschlagen“, kritisiert der Präsident des deutschen Forstwirtschaftsrates. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass eine große Anzahl von Waldbesitzern die Bewirtschaftung einstelle, sofern keine finanzielle Unterstützung mehr gewährt würde. Die Entwicklung werde durch den demografischen Wandel noch unterstützt, viele Erben seien nicht mehr vor Ort. „Oder es fehlt ihnen schlicht das Interesse an der Waldpflege.“

Schirmbeck fordert: „Das öffentliche Geld, das bisher indirekt in Form der Vergünstigung der Betreuung den Waldbesitzern zugutekommt, darf nicht in andere Bereiche abgezogen werden.“ Stattdessen sollte das Geld in eine direkte Förderung überführt werden, mit der die nötige Betreuung durch Experten nun direkt bezahlt würde, um den Wald klimafit zu machen. Dazu müsse auch das Beihilferecht der EU anders gestaltet werden.

Die aktuelle Entwicklung sieht Schirmbeck insbesondere kritisch, da aufgrund der zahlreichen Stürme in der Vergangenheit große Mengen Holz auf dem Markt sind, die zu einem Preisverfall führen. Konkret für die Fichte geht der Forstwirtschaftsrat von einem Rückgang um 20 Prozent aus. „Dies ist besonders kritisch, da momentan Holzverkauf die einzige Finanzierungsgrundlage für Waldbesitzer ist. Sie erhalten kein Geld für andere Leistungen, wie Erholungsbereitstellung, Boden- und Gewässerschutz oder Artenvielfalt“, kritisiert Schirmbeck. Die finanziellen Reserven für Nachpflanzungen aufgrund der Hitze gingen zuneige.


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