Diskussion in der Politik angekommen Handwerk: "Keine Alternative zum Meisterbrief"

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Insbesondere Fliesenleger und Raumausstatter weisen seit Langem auf die Notwendigkeit einer Wiedereinführung der Meisterpflicht hin. Nun ist die Debatte auch in der Politik angekommen. Foto: Britta Pedersen/dpaInsbesondere Fliesenleger und Raumausstatter weisen seit Langem auf die Notwendigkeit einer Wiedereinführung der Meisterpflicht hin. Nun ist die Debatte auch in der Politik angekommen. Foto: Britta Pedersen/dpa

Osnabrück. Seit der Handwerksreform 2004 können 53 der 94 Gewerke ohne Meisterbrief geführt werden. Das Handwerk kritisiert diese Entwicklung seit Langem und fordert ein Gegensteuern. Nun reagiert auch die Politik.

Weniger Fachkräfte – qualitativ und quantitativ: Die Bilanz des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) fällt 14 Jahre nach dem Wegfall der Meisterpflicht in 53 von 94 Handwerken alles andere als positiv aus. „Die mit der Novelle der Handwerksordnung verbundene Hoffnung, durch die Abschaffung der Meisterpflicht mehr Fachkräfte zu bekommen, hat sich nicht erfüllt“, sagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Im Gegenteil: Es seien kontinuierlich weniger geworden. „Die inzwischen langen Wartezeiten auf Handwerker geben einen Vorgeschmack darauf, was uns blüht, wenn wir nicht wieder mehr Fachkräfte gewinnen.“

Deutlich zeigt sich die Entwicklung bei Raumausstattern, aber auch bei Fliesen-, Platten- und Mosaiklegern – nur zwei der seit 2004 zulassungsfreien Gewerken. Während die Zahl der Betriebe bundesweit eine steile Aufwärtskurve verzeichnet hat, ist der Azubi-Bestand nach einem sprunghaften Abfall gleichbleibend niedrig. Zwischen 2004 und 2016 ist die Zahl der bestandenen Gesellenprüfungen bei Raumausstattern um mehr als 50, bei den Fliesenlegern um gut 47 Prozent gesunken. Die Zahl der Meisterprüfungen ging jeweils um 50 beziehungsweise knapp 73 Prozent zurück.

Niedersächsisches Handwerk betont Dequalifizierung

Die Entwicklung in Niedersachsen liegt da voll im Trend. Während sich die Zahl der Betriebe in zulassungsfreien Gewerken bis 2017 auf rund 18 600 mehr als verdreifacht hat, nimmt die Qualifizierung bei Neugründungen deutlich ab. Konnten 2004 noch 647 der 2058 Gründer eine Gesellen- oder Meisterprüfung vorlegen, waren dies 2017 nur 144. „Das macht den Trend zur Dequalifizierung in diesem Bereich des Handwerks nur zu deutlich“, sagte Hildegard Sanders, Hauptgeschäftsführerin der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen (LHN), im Gespräch mit unserer Redaktion.

Entsprechend begrüßt ZDH-Präsident Wollseifer die Initiativen, Meisterqualifikationen und den Meistertitel als Qualitäts- und Qualifizierungsnachweis wieder stärken zu wollen. „Zum Meisterbrief gibt es keine Alternative“, sagte auch Sander. Er sei nicht nur ein zentrales Instrument zur Qualitätssicherung, sondern auch im Rahmen der dualen Ausbildung, die den Wirtschaftsstandort Deutschland so erfolgreich mache, unverzichtbar. Die vergleichsweise hohe Abgangsquote von Auszubildenden in zulassungsfreien Gewerken unterstreicht für Sanders zudem die Dringlichkeit zu handeln. „Klar ist, dass eine Neuregelung europafest und verfassungskonform sein muss. Deshalb haben wir zwei Gutachten in Auftrag gegeben, die diese Fragen prüfen“, sagte ZDH-Präsident Wollseifer.

Regierungskoalition erwägt Wiedereinführung der Meisterpflicht

Mittlerweile ist die Diskussion um eine Wiedereinführung der Meisterpflicht auch in der Politik angekommen. Die Regierungskoalition will nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) in bestimmten Handwerksberufen den Meisterzwang für eine selbstständige Tätigkeit wieder einführen. „Die Abschaffung der Meisterpflicht war ein Fehler“, sagte Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann (CDU) der FAZ vom Dienstag. „Die Qualität der Arbeit hat sich in diesen Gewerken teilweise deutlich verschlechtert, außerdem wird weniger Nachwuchs ausgebildet.“

Die SPD unterstützt diese Überlegungen: „Die Kunden müssen die Sicherheit haben, dass der bestellte Handwerker auch wirklich eine gut ausgebildete Fachkraft ist“, sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol der Zeitung. Er erwarte von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einen „konkreten Vorschlag, wie man die Handwerksordnung ändern kann, ohne vor dem Bundesverfassungsgericht und bei der Europäischen Kommission zu scheitern“. Sollte es von Altmaier keine Bewegung geben, müsse die SPD „im Bundestag aktiv werden“, sagte Bartol. Beide Politiker hatten sich bereits im Frühjahr ähnlich geäußert und erklärt, sich vor allem solche Bereiche anschauen zu wollen, in denen es zu „Fehlentwicklungen“ gekommen sei. Mit der Handwerksreform von 2004 war die Zahl der Berufe mit Meisterpflicht von 94 auf 41 reduziert worden. 53 Handwerke sind damit zulassungsfrei, sie können ohne Meisterbrief geführt werden. Zur Ausbildung in diesen Bereichen wird allerdings unverändert der Meisterbrief verlangt. (Mit AFP)


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