NGG: In Fleischbranche weiter vieles im Argen Gewerkschaft will im Namen von Werkvertrags-Arbeitern klagen

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Blick in einen Schlachthof. Foto: dpaBlick in einen Schlachthof. Foto: dpa

Osnabrück. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland über einen Werkvertrag ihrer Arbeit nachgehen. Eines aber steht sehr wohl fest: Es gibt in vielen Branchen immer wieder Probleme mit dem arbeitsrechtlichen Instrument. Die Gewerkschaft NGG prescht mit einem Vorschlag vor.

Angesichts anhaltender Missstände im Umgang mit ausländischen Werkvertragsarbeitern will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) wenn nötig für diese vor Gericht ziehen. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte NGG-Chefin Michaela Rosenberger: „Nur so kann sichergestellt werden, dass Mängel auch abgestellt werden. Viele Beschäftigte trauen sich aus Angst um ihren Job nicht, ihre Rechte vor Gericht durchzusetzen.“ Deswegen forderte Rosenberger ein sogenanntes Verbandsklagerecht für die Gewerkschaft. 

Selbstverpflichtung unterzeichnet

In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Berichte über Missstände im Umgang mit vor allem ausländischen Arbeitern geben. Diese werden von Subunternehmern in die deutschen Betriebe geschickt und erledigen unterschiedliche Aufgaben. Probleme bestanden nicht nur bei der Bezahlung, sondern auch bei der Unterbringung der Arbeiter. Gesetzesverschärfungen, Verordnungen aber auch Selbstverpflichtungen der Wirtschaft waren die Folge. So sagte die Fleischwirtschaft beispielsweise der Bundesregierung zu, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Werkvertragsarbeiter in Schlachthöfen zu verbessern. Die beteiligten Unternehmen – darunter beispielsweise Tönnies, Danish Crown, Vion und Wiesenhof – verpflichteten sich, die Arbeitsverträge der Schlachter und Zerleger in deutsches Arbeitsrecht zu übertragen.

Kritik der Gewerkschaftschefin

Die NGG-Vorsitzende Rosenberger bemängelte jetzt aber, dass gerade in der Fleischwirtschaft „noch vieles im Argen“ liege. Ungeachtet der Selbstverpflichtung großer Unternehmen aus der Branche gebe es nach wie vor Beschwerden über Lohndrückerei und schlechte Unterbringung. „Die Unternehmen der Fleischwirtschaft nehmen ihre Verantwortung gegenüber den in Werkverträgen Beschäftigten weiterhin oft nur mangelhaft wahr“, so Rosenberger. Subunternehmen schicken ihre Arbeiter an die Schlachtbänder. So sparen Fleischkonzerne Geld für eigenes Personal und können flexibler auf Nachfrage-Schwankungen reagieren

Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft, verwies hingegen auf die Erfolge der Selbstverpflichtung, der sich mittlerweile 23 Unternehmen angeschlossen hätten. Nach Branchenangaben deckt das jetzt 68 Prozent der Schweineschlachtung und etwa 45 Prozent der Rinder- und Geflügelschlachtungen in Deutschland ab. Mehr als 40.000 Beschäftigte profitierten davon, etwa die Hälfte davon Leih- oder Werkvertragsarbeiter. Zudem verwies Andritzky auf regelmäßige Kontrollen des Zolls, bei denen nur selten Verstöße gegen den Mindestlohn entdeckt würden.  

Studie warnt vor Werkvertrag

Wenn über Werkverträge gesprochen wird, geht es meistens um die Fleischbranche. Tatsächlich wird von dem Instrument in zahlreichen Wirtschaftszweigen Gebrauch gemacht. Eine Studie warnt vor „substanziellen Schäden“ für Unternehmen, die über schlechte Arbeitsbedingungen hinausgehen. 

Der Wachdienst am Werktor, die Reinigungskraft im Büro oder der Koch in der Kantine: Unternehmen lagern schon seit vielen Jahren gerade diejenigen Tätigkeiten an Drittanbieter aus, die wenig mit der Kerntätigkeit zu tun haben. Per Werkvertrag wird ein Subunternehmer beauftragt beispielsweise die Räume sauber zu halten. Vermehrt werden auch gerade einfache Tätigkeiten in Betrieben, die den Kernbereich der Betriebe betreffen, ausgeschrieben. In Schlachthöfen finden sich beispielsweise nur wenige fest angestellte Schlachter. Viele sind bei Subunternehmen angestellt.

Wird zu viel ausgelagert?

Eine Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stifung hat die Folgen des Werkvertragswesens jetzt im Bereich Metall und Elektro untersucht. Die Autoren unterteilen die Werkverträge in unten und oben. Von unten würden immer mehr einfache Tätigkeiten ausgelagert. Als Beispiele werden neben Reinigung auch Vormontage, Logistik oder Instandhaltung genannt.

Dabei sei zu beobachten, dass die Aufgaben immer näher an die Kernbereiche der Unternehmen heranreichten und Schlüsselpositionen entlang der Produktion besetzten. Anders gesagt: Ohne die Werkvertragsarbeiter läuft oftmals nichts mehr. Trotz ihrer eigentlichen Machtstellung im Unternehmen befänden sich die Arbeiter in einer „Ohnmachtposition“. Die Studie verweist auf die Automobilindustrie: Die Werkvertragsfirmen würden den Preis- und Leistungsdruck an ihre Beschäftigten weiterreichen „und wirken dadurch disziplinierend auf die Arbeitnehmer ein“. Werkvertragsarbeiter verdienen in der Regel deutlich weniger als die Stammbelegschaft.

Von oben, so die Autoren, würden Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten an Dritte ausgelagert. Dienstleister drängten „damit in die know-how-sensiblen Bereiche der Unternehmen ein.“ Innovation sei damit Sache von Fremdfirmen. Die Studie spricht von einer „Entleerung bisher vorhandener innerbetrieblicher Kompetenzen und damit einhergehend die Auslieferung an externe Unternehmen“. Je weniger eigene Kompetenz an einem Standort vorhanden sei, desto leichter falle es letztendlich dann auch, die Betriebsstätte zu schließen.


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