Ursprung in der Landwirtschaft Deutschland reißt Grenzwerte bei Ammoniak deutlich

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Ein Bauer verteilt Gülle auf einem Feld. Foto: Florian Gaertner/photothek.netEin Bauer verteilt Gülle auf einem Feld. Foto: Florian Gaertner/photothek.net

Osnabrück. Nach dem Nitrat-Urteil gegen Deutschland droht bereits neuer Ärger mit den Umweltwächtern der EU-Kommission. In Deutschland wird zu viel schädliches Ammoniak ausgestoßen. Hauptverursacher: die Tierhaltung in der Landwirtschaft.

Das teilte die Bundesregierung der FDP-Bundestagsfraktion mit. Laut Agrarministerium lag der Ausstoß 2016 bei etwa 662.000 Tonnen, 2015 bei 670.000 und damit in beiden Jahren deutlich über den Grenzwerten. Eine Sprecherin der EU-Kommission stellte auf Anfrage unserer Redaktion fest: „Deutschland hat Maßnahmen zur Reduzierung der Ammoniakemission angekündigt, die jedoch bisher nicht zu einem Rückgang der gemeldeten Gesamtemissionen geführt haben.“

38 Prozent über Grenzwert

Die Europäische Umweltagentur wertet laut Kommission derzeit die 2016er-Werte der Mitgliedsstaaten aus. Fest steht: Fünf Staaten, darunter Deutschland, haben erneut die Grenzwerte überschritten. Um wie viel genau, wird noch errechnet. 2015 waren es 38 Prozent Ammoniak zu viel – der letzte Platz in Europa.  (Weiterlesen: EuGH verurteilt Deutschland wegen Nitraten)

Tatsächlich ist der deutsche Ausstoß in den vergangenen Jahren eher gestiegen. So lag der Ausstoß 2005 noch bei 625.000 Tonnen, schreibt die Bundesregierung. Gelingt eine Reduktion nicht, droht ähnlicher Ärger wie bei Nitrat. Die EU-Kommission könnte ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten. Auf Nachfrage heißt es dazu in Brüssel kurz und knapp: „Wir spekulieren nicht.“

95 Prozent aus dem Agrarsektor

Nitrat und Ammoniak stammen überwiegend aus der Landwirtschaft. Die Bundesregierung führt den Ammoniak-Ausstoß zu etwa 95 Prozent auf den Agrarsektor zurück. Der Stoff kommt beispielsweise mit der Stallluft oder beim Düngen mit Gülle oder Gärresten aus Biogasanlagen in die Umwelt. Hier nimmt das Ammoniak Einfluss auf Ökosysteme.


"Die Vorgaben werden viele ehrbare Landwirte ruinieren"Karlheinz Busen, FDP


Erst im Mai hatte der Bundestag mehrheitlich eine Verordnung erlassen, die eins zu eins Reduktionsziele der EU umsetzt. Bis 2030 muss jetzt der Ammoniakausstoß hierzulande um 29 Prozent im Vergleich zum Wert von 2005 gesenkt werden – nach jetzigem Stand also auf 444.000 Tonnen. Die FDP hatte dagegen gestimmt. Abgeordneter Karlheinz Busen sagt: „Die Vorgaben werden viele ehrbare Landwirte ruinieren.“ Er verweist auf hohe Anschaffungs- und Betriebskosten von Filteranlagen, die Ammoniak aus der Stallluft waschen. Für große Ställe sind solche Filter bereits in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Thüringen vorgeschrieben. Die Effizienz beziffert die Bundesregierung mit 70 Prozent.

Habeck: Bundesregierung muss Maßnahmen umsetzen

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sprach unterdessen von einer „großen, aber auch notwendigen Aufgabe“. Die Ammoniak-Einträge in die Umwelt seien „deutlich zu hoch“. Die Bundesregierung müsse zügig Gegenmaßnahmen umsetzen. „Am Ende zeigt uns auch dieses Problem, dass wir nicht darum herum komme werden, uns die Frage zu stellen, in welchem Umfang Tierhaltung in Deutschland möglich ist, ohne die Umwelt über Gebühr zu belasten“, sagte der Bundesvorsitzende der Grünen.

Udo Hemmerling, Vize-Generalsekretär des Bauernverbandes, warnte: „Es muss vermieden werden, dass die vorgesehenen Reduktionsziele den Strukturwandel in der Landwirtschaft beschleunigen und zur Verlagerung der Tierhaltung ins Ausland führen.“ Er verwies zudem auf ein anderes Problem: die widerstrebenden Interessen von Umwelt- und Tierschutz. Hier brauche es dringend einer Abwägung, so Hemmerling.


Ein Ferkel in einem sogenannten Offenstall. Foto: Gert Westdörp


Will ein Bauer beispielsweise einen offenen Schweinestall bauen, bedeutet das zwar potenziell bessere Lebensbedingungen für die Tiere, aber auch höhere Ammoniak-Belastung der Umwelt. Der Vize-Generalsekretär sagt, „ein Forcieren von hermetisch abgeriegelten Stallbauten mit verpflichtenden Filteranlagen“, darf nicht die Konsequenz der Umsetzung entsprechender Richtlinien sein. (Weiterlesen: Vom Glück der Schweine und Leid der Bauern)

Das Umweltbundesamt erarbeitet derzeit ein „Nationales Luftreinhalteprogramm“. In dem soll drinstehen, wie Deutschland das Ziel erreichen kann. Auf Anfrage nennt die Behörde neben Filtern auch Abdeckungen für Güllelager oder eine angepasste Fütterung. Und: „Daneben müsste gegebenenfalls auch über eine Minderung der Tierbestände diskutiert werden.“ 

Wo am meisten Ammoniak entsteht

Dort, wo besonders viele Tiere gehalten werden, ist der Ausstoß offenbar am höchsten: im Nordwesten Deutschlands. Das Ministerium verweist in der Antwort zwar darauf, dass „erhebliche Unsicherheiten“ bei der Berechnung regionaler Angaben bestünden. So gebe es kein nationales Ammoniak-Kataster, in dem zentral der Ausstoß erfasst werde. Eine „bestmögliche Schätzung“ der Behörde zeigt aber: In Vechta wird mit 15 Tonnen Ammoniak pro Jahr und Quadratkilometer am meisten ausgestoßen. Dahinter folgen Cloppenburg (11), Grafschaft Bentheim (7), Borken (7), Oldenburg (7) und das Emsland (7). Im Landkreis Osnabrück sind es demnach fünf Tonnen. Erst auf Platz 13 folgt mit dem Kreis Schleswig-Flensburg ein Kreis, der nicht in den Regionen Weser-Ems oder Westfalen liegt.


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