Einkaufen ohne Plastik Wie verpackungsfreie Läden den Markt revolutionieren wollen

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Nie wieder zu viel: Aus großen Spendern an der Wand und Vorratsgläsern können Kunden sich genau so viel einpacken, wie sie brauchen. Foto: David EbenerNie wieder zu viel: Aus großen Spendern an der Wand und Vorratsgläsern können Kunden sich genau so viel einpacken, wie sie brauchen. Foto: David Ebener

Osnabrück. 37 Kilogramm Verpackungsmüll aus Plastik produziert jeder Deutsche im Durchschnitt laut einer Studie pro Jahr. Mit verpackungsfreien Supermärkten soll sich das allerdings ändern.

Ganz unscheinbar, in einem alten restaurierten Bahnhofsgebäude im Herzen Osnabrücks, ein kleiner Supermarkt. „Tara“ wirkt auf den ersten Blick wie ein moderner Tante-Emma-Laden. An einer kleinen Bedien-Theke erhält man frischen Käse vom Rad, Antipasti, Brot, Kekse oder auch einen Kaffee. Doch etwas ist anders: keine bunten Verpackungen, keine Plastikfolien, keine Pappschachteln, keine Einwegbecher. Stattdessen: sogenannte „Bulk-Bins“, große hängende Spender gefüllt mit Nudeln, Reis, Trockenfrüchten, Müsli, Bohnen, Salz, Mehl... Süßigkeiten und auch Kosmetik stehen in Vorratsgläsern bereit, Tee und Gewürze sind in Apothekergläsern abgefüllt, Getränke und Molkeprodukte gibt es in wiederverwendbaren Glasflaschen und selbst Reinigungsmittel werden in großen Kanistern mit Pumpspendern angeboten. Das Prinzip: Man füllt sich nur so viel in seine mitgebrachten Dosen, Schraubgläser oder andere Behälter, wie man tatsächlich benötigt.

„Einfach alles, was man für den alltäglichen Bedarf braucht. Das Einzige, was wir nicht haben, sind Chips“, sagt Inhaberin Sarah Karow-Lodter und lacht. „Die wurden auch schon häufig nachgefragt.“ Vor knapp zwei Jahren hat sie gemeinsam mit ihrer Freundin Franziska Ohnheiser den Unverpackt-Laden eröffnet. „Heutzutage liest man fast jeden Tag etwas über Plastikmüll oder Klimawandel. Das war vor zwei Jahren noch nicht so viel, aber irgendwann muss man anfangen umzudenken“, erklärt sie die Idee für den Laden. Ihre Zielgruppe: „Menschen, die sich damit auseinandersetzen, nachhaltig zu leben und Dinge zu verändern. Wir sind eine Anlaufstelle, das umzusetzen“, sagt die 38-Jährige.

„Nächste Generation sensibilisieren“

Wenn es nach ihr ginge, bräuchte jede Stadt einen Unverpackt-Laden, denn viele ihrer Kunden kämen auch aus dem Umland zu „Tara“ und machen ihren Einkauf für zwei, drei Wochen. Inzwischen kommen sogar Schulklassen und Kindergartengruppen zu Besuch in den Laden. „Daran merkt man, dass das ein Thema ist. Auch die nächste Generation sollte sensibilisiert werden“, sagt Karow-Lodter.

Seit 2014 haben mehr und mehr solcher Läden in ganz Deutschland eröffnet. Wie viele es inzwischen genau sind, darüber gibt es keine Zahlen. Im Internet gibt es allerdings eine Übersicht der aktuell bekannten verpackungsfreien Supermärkte. Dabei fällt auf, dass die Läden allerdings vornehmlich in größeren Städten zu finden sind.

Folgende verpackungsfreie Läden sind aktuell bekannt:

Nichtsdestotrotz denken inzwischen auch die Platzhirsche unter den Supermärkten um. Einige haben bereits die dünnen Plastiktüten für loses Obst und Gemüse verbannt – und gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Viele Händler suchen und testen neue Methoden. Einige verzichten beispielsweise auf die Verpackungen von Obst und Gemüse und versehen ihre Waren mit einer Laserkennzeichnung“, sagt Stefan Hertel, Pressesprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE). So könne unter anderem auch zwischen Bio und „normaler Ware“ unterschieden werden, was sonst über die Verpackungen funktionierte.

Sind plastikfreie Läden also ein Modell der Zukunft? „Dieses Prinzip funktioniert nicht für alle Waren – auch aus hygienischen Gründen“, erklärt Hertel. „Unverpackt-Läden haben ja auch nicht alle Waren im Sortiment.“ Aus diesem Grund sei es auch auf einer größeren Fläche wie bei regulären Supermärkten schwierig umzusetzen.

Pionierarbeit

Dass sich immer mehr Menschen mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen, das ist auch Milena Glimbovski aufgefallen. Sie hat 2014 als eine der ersten in Deutschland mit „Original Unverpackt“ in Berlin einen solchen Laden eröffnet. „Verpackungen werden auch in Supermärkten immer weniger und das geht genau in die richtige Richtung“, sagt die 28-Jährige.

Die Idee für den Laden hatte die gebürtige Hannoveranerin bereits 2012. Bis zur Eröffnung dauerte es dann aber fast zwei Jahre, denn gab nur wenig Beispiele für solche Läden. „Es hat viel Pionierarbeit gebraucht, weil man sich an niemandem orientieren konnte.“

Inzwischen führt Glimbovski über 650 Produkte und produziert einiges davon sogar selbst und verkauft sie auch an andere Unverpackt-Läden: Bambus-Zahnbürsten, Zahnseide, wiederverwendbare Abschminkpads oder Sets, mit denen man seine eigene Kosmetik herstellen kann. „Uns geht es auch um den ganzen Lifestyle dahinter, dass wir dafür verschiedene Lösungen haben“, sagt sie. Alle ihre Produkte – außer Lebensmittel – vertreibt sie seit zwei Jahren zusätzlich noch in einem Online-Shop. „Gerade für die Kunden, die ländlich leben, nicht in der Nähe von einem Unverpackt-Laden, für die ist es nachhaltiger“, betont Glimbovski.

Günstiger als im Bio-Markt

Sie selbst lebt auch privat zu 95 Prozent verpackungsfrei, wie sie sagt, und hat sogar ein Buch darüber geschrieben. „Seitdem wir eröffnet haben, habe ich Stück für Stück umgestellt und lebe jetzt eigentlich fast komplett ohne Verpackungen – mit Ausnahmen“, berichtet sie. „Alles was Fleischersatzprodukte angeht, also wenn man sich vegan ernährt, ist sehr schwierig. Es gibt zwar gerade in Berlin einige Läden, wo man Alternativen kaufen kann, aber man kann nicht wie an der Käse- und Wursttheke einfach Käse und Wurst holen.“

Verpackungsfrei bedeutet aber nicht gleich teurer – im Gegenteil: Verglichen mit Bio-Läden sind die unverpackten Produkte sogar günstiger. „Einzelhandel ist jetzt nichts, womit man reich wird. Also die Leute, die solche Läden eröffnen, machen das aus Idealismus“, sagt die junge Unternehmerin. Durch die Großgebinde würden unverpackte Lebensmittel zwar bessere Margen einfahren, als andere Lebensmittel-Geschäfte. Dafür sei aber der Personalaufwand höher.

Dennoch möchte Glimbovski expandieren, zunächst in Berlin: „Ich glaube, das ist auch für die Masse machbar, aber es wird noch ein bisschen dauern, bis es sich wirklich etabliert hat, dass man überall so einkaufen kann.“


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