Kerkhoff im Interview Stahl-Präsident: EU muss sich im Zollstreit wehren

Von Manuel Glasfort

Sorgt sich wegen des Zollstreits zwischen den USA und der EU: Stahl-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff. Foto: dpaSorgt sich wegen des Zollstreits zwischen den USA und der EU: Stahl-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff. Foto: dpa

Düsseldorf. Wenige Menschen in Deutschland dürfte der Zollstreit mit den USA mehr umtreiben als Hans Jürgen Kerkhoff. Der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl fordert im Interview von der EU ein geschlossenes Auftreten. Schon jetzt dränge mehr Stahl auf den europäischen Markt.

Herr Kerkhoff, US-Präsident Donald Trump hat im Zollstreit die Schonfrist für die EU um einen Monat bis zum 1. Juni verlängert. Hinter den Kulissen wird verhandelt. Was sollte die EU nun aus Ihrer Sicht tun?

Wenn die Regeln der Welthandelsorganisation WTO mit den Plänen des US-Präsidenten so massiv verletzt werden, dann muss die EU sich dagegen wehren. Ich hoffe, dass wir dauerhaft von den Strafzöllen ausgenommen werden. Es darf nicht sein, dass am Ende eine „Amerika zuerst“-Politik auf dem Rücken der europäischen Stahlindustrie ausgetragen wird. Aus unserer Perspektive ist es wichtig, jede Art von Eskalation zu vermeiden, aber gleichzeitig den betroffenen Sektoren höchstmöglichen Schutz vor den Folgen dieser Strafzölle zu geben, die allen Vorstellungen von fairem Handel widersprechen. Wir wollen weiter den Zugang zum amerikanischen Markt. Aber ganz besonders wichtig ist uns, dass die EU-Kommission gegen Umlenkungseffekte vorgeht.

Sie haben selbst mehrfach vor einer „Importschwemme“ als Folge der US-Zölle gewarnt. Ist diese Sorge nicht etwas übertrieben?

Nein. Es ist völlig realistisch, dass die Länder, die wegen der Zölle nicht mehr in die USA liefern können, mit ihrem Stahl auf den europäischen Markt drängen, der solche Importschranken nicht kennt. Tatsächlich haben wir schon an den ersten Monaten dieses Jahres gesehen, wie sich die Mengen auf dem europäischen Stahlmarkt durch Importe aus Ländern wie Russland oder der Türkei deutlich erhöhen. In den ersten drei Monaten sind die Importe aus Russland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 139 Prozent gestiegen, aus der Türkei um 76 Prozent.

Wie könnte sich die EU denn vor solchen Umlenkungseffekten schützen?

Ein WTO-konformes Instrument sind die sogenannten Safeguards, also Schutzklauseln. Dafür legt man zunächst anhand der letzten Jahre ein bestimmtes Importniveau fest. Alle darüber hinausgehenden Einfuhren werden dann mit einem Zollsatz belegt. Das entsprechende Verfahren hat die EU-Kommission schon eingeleitet, und wir dringen auf eine rasche Umsetzung.

Das würde aber an den weltweiten Überkapazitäten nichts ändern...

Die G-20-Staaten haben sich auf Prinzipien verständigt, wie wir mit dieser globalen Strukturkrise beim Stahl umgehen. Das bedeutet zum Beispiel Anpassungsmaßnahmen nach marktwirtschaftlichen Regeln. Statt bilaterale Deals zu machen, ist es das Gebot der Stunde, gemeinsam beschlossene Prinzipien durchzusetzen. Europa und die USA müssen China in die Pflicht nehmen, wenn es um den Abbau der Überkapazitäten geht.

Wie zufrieden sind Sie mit der Verhandlungsführung der EU im Zollstreit?

Ich finde, dass die EU sich gut aufgestellt hat. Sie muss aber einig auftreten und darf sich nicht auseinanderdividieren lassen. Am Beispiel Stahl kann sich etwas entzünden, was besonders für ein exportorientiertes Land wie Deutschland eine große Gefahr darstellen kann.

Europäische Politiker werfen Trump gerne Protektionismus vor. Aber ist die EU mit ihren Anti-Dumping-Zöllen auf chinesischen Stahl wirklich viel besser?

Was der US-Präsident macht, ist nicht vergleichbar mit den Anti-Dumping-Maßnahmen der EU beispielsweise gegen China. Die Stahlindustrie in Deutschland und Europa ist nicht protektionistisch. Wenn wir Verwerfungen im internationalen Handel sehen, greifen wir zu Instrumenten, die WTO-rechtskonform sind.

Wird Stahl als Werkstoff in Zukunft überhaupt noch eine so große Rolle spielen? Im Automobilbau sind zunehmend leichte Materialien wie Aluminium und Kohlefaserverbundwerkstoffe gefragt...

Ich glaube, Stahl wird im Gegenteil sogar noch wichtiger werden. Stahl lässt sich leicht recyceln, was für den Werkstoff spricht. Wir haben momentan 2500 verschiedene Stahlsorten, die sich kontinuierlich erneuern. Der Stahlstandort Deutschland nimmt eine Spitzenstellung ein, wenn es um die Weiterentwicklung der Produkte geht. Wichtig ist auch, dass die Stahlhersteller bei uns eng mit den verarbeitenden Industrien verzahnt sind. So haben wir beste Voraussetzungen, um weiter innovativ zu sein.

Die Stahlproduktion verschlingt viel Energie. Was tun Ihre Unternehmen, um möglichst umweltschonend zu produzieren?

Im globalen Vergleich ist die deutsche Stahlindustrie Spitze in Sachen Energieeffizienz. So erzeugen wir in den Stahlwerken selbst knapp die Hälfte des Strombedarfs der Betriebe. Unsere Unternehmen forschen sehr intensiv an weiteren Innovationen zur Vermeidung von CO2. Allerdings erfordert die Umsetzung in einem großindustriellen Maßstab hohe Investitionsmittel und auch Zeit. Um das stemmen zu können, brauchen wir weiterhin Entlastung von hohen Zusatzkosten wie zum Beispiel der EEG-Umlage.